Typoskripte 1961

Inhalt: 21 Typoskripte zu 21 Gedichten (9 Endfassungen)
Datierung: 1961
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 21 Dossiers mit je 1 Gedicht
Publikation: FLUSSUFER (11 Gedichte); Verstreutes (1 Gedicht)
Signatur: A-5-e/05 (Schachtel 38)
Herkunft: Grüne Mappe G 1961

Kommentar: Unter jedem Blatt: Kuno Raeber. 1961
Wiedergabe: Edierte Texte

Datiert: 1961       )

KOHLENHALDE

Die Palmen, Spitzen
schwarzer Dolche, stechen
aus der Kohlenhalde, die die ganze
Oase einstiebt. Die Kamele
05 drängen um die Stämme. Nur
die Esel drehn das Schöpfrad
mit verbundnen Augen weiter. Erst
wenn an ihre Hufe Kohlen rollen, merken
auch sie: Die Kohlenhalde wandert.

Datiert: 1961       )

DER STEIN

Man kann den Stein in den See
werfen. Die Wellen
werden ihn nicht bewegen. Er wird
nicht hinhören, wenn andere Steine,
05 hereinfallend, Ringe
ziehen.

Nur die Enten sind aus dem Schilf
gekommen und gieren
nach mehr, mehr Erregung.

Datiert: 1961       )

GESTÄNGE

Gestänge, darüber
in den Kessel zu springen. Die Füsse
bleiben hängen. Die Lippen
berühren Lippen, die schwimmen
05 mitten im Kessel.
Gestänge.

Datiert: 1961       )

ABSONDERLICH

Absonderlich sind
im Gestrüpp die gewundenen Wege.
Absonderlich, dass man
unvermittelt in Blumen
05 hineintritt, die
mit Gerüchen und Farben
wild um sich schlagen.

Diese Fallen,
absonderlich, sind
10 das Einzige hier,
das niemanden auslässt.

Datiert: 1961       )

SPITZ

Die spitzen
Flügel der Vögel
durchstechen das Glas, bis sie stecken
in der Watte Meer, in den Stämmen der Pinien, die
05 der Betrachtung des Mittags obliegen.

Die spitzen
Flügel der Vögel
sind stumpf geworden. Nach einer
Weile begraben Kinder die kleinen
10 Kadaver zwischen den Wurzeln
der Pinien, die der Betrachtung
des Mittags obliegen.

Du zeigst
von der Terrasse hinaus auf die Flügel,
die du hergezogen. Sie kommen,
gefesselt, nicht von der Stelle.
05 Bis der Vorhang, den Sklaven zu schwer,
herabstürzt und zuschliesst und verfinstert,
bis der Dreizack die Flügel
aufstört und davonscheucht.
Um deine Hand hängt
10 klatschnass die Manschette.

Datiert: 1961       )

FLUG

Nicht wird der Vogel
sich hereinverirren und sich am Feuer
Gardine entzünden. Er schlägt
mit den Flügeln die Lampen, sodass sie
05 wackeln. Federn fallen
zwischen die Häuser.
Unter den Dächern
gibt es Verstecke. Sein Blut
tropft auf einen weissen
10 Kühler. Er schwirrt
hin und her zwischen den Mauern und sieht
auf dem Pflaster die Marmel
glänzen. Er schiesst
nieder. Die Kinder
15 werden ihn finden.

Datiert: 1961       )

REGEN

Die Vögel ducken
sich in die Winkel, vom Sandwind blind. Der Regen
klebt die Körner auf die Erde. Die Vögel
sitzen auf den Dächern, sehn
05 nach dem Gewölk, das an den Rändern wendet, wenn
die Federn, wenn
die schweren Federn trocknen.

Datiert: 1961       )

VOGEL

Die Welle
zieht den Kies ins Weite und erschreckt
den Vogel, der
die Schäume fürchtet; denn sie
05 lecken unersättlich, salzig. Und der Vogel
zieht die Klauen an und dreht
hinaus ins Weite, dehnt
die Flügel mit
den Wellenkämmen.
10 Die Fische springen. Selten
fällt der Vogel auf sie nieder. Meistens
schwebt er, taumelt
traumlos und erinnert sich
nicht an eine dieser Küsten, die
15 klirrend kichern.

Datiert: 1961       )

ZÖGERN

In einer Viertelstunde
kreischen die Ringe
über die Vorhangstange aus Messing:
Vor mir der Golf, der andere
05 Vorhang Regen kommt schnell
näher und deckt
die Felsinsel zu. Von meinem
Geländer wird er
den Vogelmist wischen. In einer
10 Viertelstunde. Jetzt
tändle ich mit den Falten.

Datiert: 1961       )

NACHT

Das Telefon schreckt dich
auf im Tunnel, du drehst
an klopfenden Lichtern vorüber.
Stalaktiten fallen,
05 treffen dich in der Lawra, erschlagen
dich tief unter allen
Klöstern des Athos,
trockene Zapfen, nach vielen
klopfenden Lichtern, nach vielen
10Tropfen, Tropfen, tief,
treffen, erschlagen.

Datiert: 1961       )

ELEGIE

Der Bootsmann winkt
von der Treppe. Das Licht des Novembers
ist grell und wirft mich in den Strandkies.
Im Grellicht des Novembers
05 sind die Blätter der Bäume
fahl und bedeckt
vom Staub des ganzen
Sommers. Die Welle
springt und reisst das Boot unter
10 das Laken, das man für das Requiem Winter
zwischen den Felsen
ausgelegt hat. Die wenigen Wiesen
sind braun und bereit für die Feier,
die die Dezember-,
15 die Januarnächte erfüllen
wird mit schrecklichem, lautem
Pomp. Ich fahre eher.
Die Wolken
kommen hervor aus dem
20 Hinterhalt und erbrechen
sich an die Felsen, von denen die Dolden
hängen und sengen und brennen.
Die Stoffschuhe sind
nicht für den Regen gemacht und brauchen
25 zum Trocknen drei Tage.
Die Geduld des Meers ist erschöpft, es
rüttelt am Felsen.
Der Bootsmann fährt mit der Lambretta
hinauf zur Chiesa Nuova. // 01v
30 Ich fahre, solang noch die grünen
Orangen die niemand
pflückt, zögern zu fallen.
Ich fahre, ich höre
in den Felsen, von denen die Dolden
35 hängen und sengen und brennen, das Echo;
das Echo,
Echo, Echo der Hupe.

Datiert: 1961       )

GELBER HANDSCHUH

Der Sand ist heiss, und die Perlen
verbrennen den gelben
Handschuh: heut früh
schob er jenseits der Syrte
05 den Kinderwagen. Jetzt wühlt er
und findet und brennt, gelber
Handschuh, gräbt
jenseits der Syrte,
findet Perlen, verbrennt.

Datiert: 1961       )

KINDERZIMMER

Die hölzernen Könige baumeln
von der Brücke, wir können
sie mit den Händen
greifen. Die Tür
05 geht auf, und die Zugluft
macht sie klappern. Die Kronen
aus Stanniol fallen trotzdem
nicht herunter. Wir rutschen
auf dem Teppichfloss bis in die Ecke.
10 Wir haben den Pfau
aufgezogen, er schlägt
das Rad unter Quietschen und stelzt
bis mitten hinauf auf die Brücke.

Datiert: 1961       )

DAS GERÜST

In das Gerüst
haben die Bauleute Spinnen
gesetzt. Sie werden
steinhart im Mistral und klappern.
05 Vorher hingen grosse
Brokatvorhänge überall von den Balken.
Aber die schmolzen
in der Hitze. Am Abend
lagen rote Lachen da, und man glaubte,
10 ein Mord sei geschehen.
Im Mistral wehten ein paar
übriggebliebene Fäden.

Datiert: 1961       )

EINSAMER

Einsamer, einsamer ist der Felsen,
seit man ihm Agaven gesellte,
seit man ihm gesellte dies leere
brettervernagelte Haus.

05 Seit der Vulkan
aus dem Meergischt aufstieg und langsam
heranzuschwimmen, einziges Auge,
heranzuschwimmen begann
an den einsamen, einsamen Felsen,
10 sitzt
auf der Antenne der Vogel.

Datiert: 1961       )

DER THRON

Heute findet der Diener
den Knopf nicht, der die Löwen
brüllen und sie den Thron
hochstemmen lässt. Der
05 Kaiser zerbeisst sich die Lippen.
Der Gesandte
kürzt seine Rede und huldigt
lieber dem Pfau, der den Schweif
über den Kies zieht.

Datiert: 1961       )

DER SPIEGEL

Du kannst
mit deinem Spiegel den beiden
Panthern, welche die Treppe
um die Wette herunter
05 laufen, das Fell
nicht versengen. Sie laufen
zu schnell. Die Kinder
ziehn sie in den Tanzkreis
und singen. Die Panther
10 springen in grossen
Sätzen hinaus und hinüber und fressen
die schweigenden Fische.

Datiert: 1961       )

FÄHRE

Du stösst mit dem Ruder
Löcher ins Blech, deren Ränder
gleich rosten. Die Schwimmer
werden ertrinken. Im Sand
05 sind des Reisenden Füsse versunken. Dein Blick
nagelt ihn fest. Wenn du ankommst
und ihn mit der Hand
wegziehst, ist es zu spät.
Unter dem Hut
10 erkennt er dein Gesicht. Und
das Blech ist zerstückelt.

Datiert: 1961       )

DIE HUPE

Über die Felsen-
platte spült die gelbe,
immer wieder, die Welle herauf.
Mein Fuss
05 hält sich mit Mühe. Die Zehe
schmerzt. Und die Hupe
frisst sich von der Strasse
durch die Felsen herab. Die gelbe
Welle spült über die Platte
10 immer wieder herauf. Mein Fuss rutscht, vom Salz
schmerzt meine Zehe.

Datiert: 1961       )

ÜBER DIE STEPPE

Über die Steppe zieht der vergessene König,
während der Wagen
wendet und einen Schleier
aufwirbelt. Der irre
05 vergessene König kaut
zwischen den Zähnen die Kerne der Nüsse,
die ihm der Wärter gegeben.
Ausgesetzt zieht
der vergessene König und zögert,
10 weil seine Schleppe
öfter hängt in den Disteln. Er kaut
die Kerne der letzten
Nüsse zwischen den Zähnen und zieht,
während der Wagen
15 wendet, verschwindet, zwischen
Disteln die Schleppe, der König,
irre, vergessen.

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