Notizbuch 1958-61

Inhalt: 87 Entwürfe zu 82 Gedichten (3 Endfassungen), Motiv-Notizen
Datierung: 18.6.1958-15.1.1961
Textträger: Schwarzes Notizbuch, karierte Seiten, Bleistift, S. 188 (V.4) - 189 blauer Stift
Umfang: 192 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (28), FLUSSUFER (18 Gedichte), Verstreutes (1)
Signatur: A-5-d/04 (Schachtel 29)

Bilder: Ganzes Buch (pdf)
Spätere Stufen: Manuskripte 1958, 1959-60, 1961, Typoskripte 1958, 1959, 1960, 1961
Kommentar: Ab S. 192 Motiv-Notizen, von hinten her eingetragen
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (ohne die Motive)

Mittwoch, 18 Juni 1958       )

Glühwürmer

Der Duft wogt des Nachts in Schwaden aus dem Holunder,
der Duft wogt und betäubt mich des Nachts.
Aber die Schwaden erwecken die Funken.
Aus den Höhlen, aus dem Holunder
schwimmen und glimmen und glühen sie // 004
05 was mich betäubt, begeistert die Funken?

Ein Brüllen zerrüttet die Nacht.
Am Parkrand beginnt schon der Urwald:
Man hat den grossen Elefanten getötet.
Im Holunder stehn ringsum, ringsum die Funken.
10 Man hat ihn wahrhaftig getötet.

Mittwoch, 23 Juli 1958       )

Die Pyramide

Purpurne Spitze der Pyramide,
und der Leopard wacht.
Die Tänzerin dreht
auf der purpurnen Spitze der Pyramide.
05 Die Falter, müde vom Flug über die Gräser,
besuchen die Tänzerin oben,
lassen sich fangen ins Netz
der Tänzerin auf der purpurnen Spitze der Pyramide.
Der Leopard schläft, er kann warten.
10 Früh genug wacht er auf,
wenn das Gras neben ihm raschelt // 006
wenn aus dem Netz der Gestürzten die Falter,
eine gelbe Wolke, davon weht.
Der eine, der andere besucht
15 nochmals die nun violette Spitze der Pyramide.
Das Motorrad stört mit dem
plötzlichen Licht den Leoparden.
Er läuft mürrisch hinter die Pyramide
und lässt <sich> nicht stören.
Nun ist schon schwarz die Spitze der Pyramide,
und der Falter taumelt hinab ins Licht des // 007
Motorrads. 
20 Dreht die Tänzerin hier?
Schwarze Spitze der Pyramide.
Falter, Wolken von Faltern verbrennen
im Licht des Motorrads. 
Der Leopard schläft hinter der Pyramide.
Schwarze Spitze der Pyramide,
25 einzelne Gräser, und Schlaf und ein Traum: 
die Tänzerin drehte
auf der purpurnen Spitze der Pyramide.

Donnerstag, 07 August 1958       )

Tiberius auf Capri

Söhne von Senatoren tanzen auf dem Gipfel der Insel,
sie tanzen mit syrischen und ägyptischen Sklaven.
Empört sind die Senatoren in Rom.
Aber Capri hat nur einen unzugänglichen Hafen.
05 Tiberius lässt ihn streng überwachen.
Herein kommen nur in der Nacht die Schiffe mit syrischen,
mit ägyptischen Sklaven.
Herein kommen nur die Galeeren mit Söhnen von Senatoren // 009
Es regnet dieses Jahr fast täglich auf Capri.
10 Und früher hatte es fast niemals geregnet.
Tiberius schläft schlecht und wacht aus dem Dösen
erst spät am Vormittag auf.
Und er bleibt den ganzen Tag düster.
Erst wenn es dunkel wird, wird er munter:
15 die Götter sind zwar schon fast alle gestorben,
die Inseln, die Flüsse, die Gebirge sind leer.
Aber was blieb von den Göttern, das liess // 010
er alles bringen nach Capri. 
Wenn es dunkel wird, wird Tiberius munter:
20 Söhne von Senatoren tanzen mit syrischen, mit ägyptischen Sklaven,
es ist schon dunkel, sie erwarten ihn auf der Spitze der Insel.

Dienstag, 21 Oktober 1958       )

Die Spiegel

Da sind die inneren Spiegel,
die Wand besteht nur aus Spiegeln
Der Garten ist dunkel,
die Adler kämpfen hoch in der Luft
05 darüber und lassen Wollflocken des Lammes
fallen auf die Blumen, die schlafen.
Doch sie erwachen erst und heben
schreiend die Häupter, wenn Tropfen
Blut sie treffen.
10 Wer sieht das?: Ist es doch dunkel.
Und innen im Gartenhaus // 012
irre ich, sehe
nur immer mich selbst in den Spiegeln.
Ich meine, der Saal ist unendlich.
15 Er ist eine Zelle, aber die Wand
besteht nur aus Spiegeln.
Draussen der Garten ist dunkel.

Sonntag, 02 November 1958       )

Seele, fallende Seele …*

Seele, fallende Seele
durch die Schächte,
über Treppen
fallende Seelen:
05 ein Echo hallt entgegen
aus dem Schacht,
das sind nicht die Asseln,
das ist die, die vorher hinab
gefallene Seele,
10 fallende Seele:
da schliesst sich der Schacht.

Montag, 24 November 1958       )

Phidias an seinen Athleten / Translatio Sti. Marci

Du sollst zu mir kommen, heut nacht,
in die Halle
unter den Schatten,
die Gedanken des Standbilds.
05 Im Ring seiner Hand
steht dein Name.
Der Gott liebt dich.
Du sollst zu mir kommen heut nacht.

Aber in Alexandrien haben sie
ein Grab geöffnet heut nacht.
10  Ein Duft weht über das Wasser,
weht über das Meer bei Cypern. // 015
Kommt der Duft aber nach Kreta,
öffnen sich die Gräber auch dort.
Springt dort das Grab auf des Gottes
15 Im Ring seiner Hand steht mein Name.

In Alexandrien haben sie ein Grab geöffnet,
Der Wind von Süden treibt den Duft über
die Dächer, die Pharen aufs Meer. 
Schon [ist] weht er, ein unsichtbares
Beet hinüber nach Cypern,
20 schon weckt er den Hirten auf einem Wipfel
Kretas: ein Grab // 016
hat man in Alexandrien geöffnet.

Den Leichnam des heiligen Markus stahl man,
trug man zum Hafen.
25 Der Duft aber verriet ihn,
verriet ihn zu spät.
Der Duft, ein blühendes Segel,
verrät ihn den Inseln.
Dann schwillt er auf über dem neuen
30 Grab, tief in der Adriabeuge
und bleibt und bildet und wölbt
die Kuppeln Venedigs.

Montag, 24 November 1958       )

Miracula Sti. Marci / I

Nachtpilger, vorbei gehst du, wohin?
Durch deinen Schlaf geh ich am Rand,
am Saum deines Schlafs geh ich,
flieh ich vorüber hinaus aufs Wasser,
05 das festere Element,
hinaus aufs Wasser, die Insel in deinem Traum:
dort strandet eben ein Schiff am Tod,
dem schwarzen Felsen
und ruft mich.
10 So gib mir schnell herein, Nachtpilger,
die Hand ins Meer, ins Wasser,
in die Bewegung ins Vage, ins Moor Schlaf, // 018
ins grundlose Schwanken 
gib mir deine Hand.

15 Ich gehe, ich muss schnell vorbei,
aber berühre im Vorüberfliehn
deine Brust¿.

Nur mit dem Finger hat er mich
angerührt und geht nun schnell schon übers Meer.
20 Aber ich steige geheilt in das Schiff, den Morgen, der
schnell fährt.
Und in den Hafen der Stadt läuft auch
schon mit Geschrei, // 019
unter dem Schreien der Kinder,
25 das Schiff, das der Pilger wegzog,
wegzog, mit seinem Finger vom Felsen,
der unweigerlich anzieht,
wegzog und heimstiess, ein liebes
Spielzeug, in den Hafen.

Dienstag, 25 November 1958       )

Die Auffindung des Leibes des hl. Markus

Die Lagunen sind verschlammt
und stinken unerträglich.
Die Kanalisation funktioniert nicht mehr,
jeder Wellenschlag schwemmt wieder Kot bis
05 an die Stufen von Santa Maria della Salute: 
Die Leute im Motorboot halten sich die Nasen zu.
Aber sie freuen sich, dass die Paläste
da und dort schon einzustürzen beginnen. // 021
Denn nur so besteht eine Hoffnung,
10 dass man den Leib des heiligen Markus wieder findet.
Die Kanoniker, die ihn bewahrten,
sind alle gestorben.
Und wer hätte das Geld, neue anzustellen,
denen sie ihr Geheimnis hätten weitergeben können?
15 Die Arbeitslosen an den Kanälen,
auf den zerböckelnden Brücken,
fragen einander nicht nach dem Leichnam;
denn jeder fürchtet, der andre
glaube, der Frager // 022
20 meine, er habe den heiligen Leichnam gestohlen.
Und jeder fürchtet sich vor dem Tod in der Jauche,
die fast schon still steht, des Kanals.
Sie sitzen und schaun sich nicht an und angeln Konservenbüchsen,
rostige, leere heraus.
25 Solche gibt es noch viele von damals, als hier
noch Fremde herkamen.
Aber inzwischen ging der Leib des heiligen Markus verloren.

Donnerstag, 27 November 1958       )

Miracula Sti. Marci II

Der Balken fängt den Maurer auf,
der vom Turm fällt. Die Tauben
steigen vom Platz auf und gurren
und wundern sich lang und mit wirrem
05 flügelndem Grau; disputieren,
warum ein Maurer, der
nicht einmal Flügel
hat, nicht bleibt auf dem Platz
und uns Tauben füttert, steigt
10 auf Türme, baut Türme,
Lustplätze für uns Tauben. – // 024
Sie bedenken nicht und sie wissen
nicht, dass nur Maurer die Hand
des heiligen Markus auffängt.
15 Nur Maurer, die stürzen können,
fasst am Schopf die Hand des Luftgängers,
des heiligen Markus, und legt sie
sacht auf den Balken. Das wissen
die Tauben nicht, sie haben ja Flügel.
20 Für Maurer
lohnt es sich, Türme zu bauen,
Fehltritte zu tun und zu stürzen.
Sie rettet und hält die Hand des heiligen Markus. // 025
Der Schopf schmerzt zwar nachher noch lang
25 von seinem Zugriff.
Und die Tauben gurren und wundern
sich mit wirrem flügelndem Grau.
Sie sehen den Luftgänger nicht, den heiligen Markus.
Der Maurer sieht ihn auch nicht. Er hält
30 sich am Balken und ist glücklich:
Sein Schopf schmerzt.

Freitag, 28 November 1958       )

Miracula Sti. Marci V

Du kommst dir aus dem Spiegel entgegen,
du siehst dich an Löwe, und siehst deine Flügel. –
Einer wirft einen Stein in den Spiegel.
Er bricht, und du liegst nur noch, ein Henker
05 bohrt dir das Holz in die Augen,
aber es splittert.
Er will dir die Glieder abhhacken.
Aber das Eisen ist Brei.
Du brauchst nicht nochmals zurück
10 nach Venedig zu fahren.
Du bist der Löwe mit Flügeln geblieben. // 027
Zwar warf einer den Stein in den Spiegel.
Aber das Holz, das Eisen haben ihn trotzdem erkannt.
Venedig ist nur ein Spiegel.
15 Die Säule mit dem geflügelten Löwen ist hoch.
Und keine Flut reicht an die Pranken,
reicht an das Buch, reicht an die mächtigen Flügel.
– Sieh dich an, Löwe, im Spiegel, erschrick nicht ob deiner Flügel.
Ein Stein trifft den Spiegel.

Samstag, 29 November 1958       )

Miracula Sti. Marci VI

Man kann doch immer, rostiges Dampfboot,
die Kanäle umpflügen.
Man stösst eine faule Melone
vor sich her und rollt sie auf die
05 seitlichen¿ untersten Stufen der Treppe.
Die Lücke zwischen ihnen und den obersten Stufen
ist heute zu gross. Und so
ist es gut, dass keine Fremden mehr kommen.
Der Gassenjunge,
10 zertritt die Melone, // 029
sie geifert, sie quietscht,
stösst unter Quietschen den Saft aus
er springt leicht hinüber,
über die Lücke.
15 Darunter klafft die Gruft, da liegen
die Mumien alter
Dogen. Da liegt vielleicht auch,
da liegt das Gebein, verloren unter Gebeinen,
das Haupt des heiligen Markus.

Samstag, 29 November 1958       )

Miracula Sti. Marci VII

Man kann sich schon am Balken halten.
Aber der Regen hat eine
Lache gemacht im Lehm.
Man spiegelt sich darin am Balken,
05 Man fällt in das Bild …
Nein, der heilige Markus
schickt ein kleines Papierschiff über die Lache
und fängt einen auf und man // 031
kommt an den Port, grade noch, eh
10 es sich vollsaugt mit Wasser und sinkt.

Sonntag, 07 Dezember 1958       )

Lotos

Nur die weisse
Dezembersonne schliesst
den Lotos auf,
der auf dem Teich den Sommer über schlief.

05 Nur sie erschreckt ihn nicht,
weil Nebel
an ihr vorbeizieht und ihr Scheinen mildert.
Und sie steht tief und denkt mit schlechtem
Gewissen an die Pracht, den Saft
10 der Wälder, den sie im Sommer reizte:
Eitelkeit. // 033
Der Lotos
geht ohne Lärmen still
und unbemerkt von der Dezembersonne auf.
15 Und glücklich, weil er
ihr die Illusion erhielt, sie reize
zur Blüte keinen mehr und Eitelkeit.

Dienstag, 09 Dezember 1958       )

Inventio Sti. Marci VIII

Der Motor liegt still.
Berauschung, Berauschung des Schwankens am Steg.
Moder und Rufe: man fand ihn.
Die Platte sprang vom Pfeiler, der weisse
05 Leichnam liegt in der Höhlung und duftet.
Berauschung, Berauschung des Schwankens,
des Moders von faulen
Fischen, des Dufts des weissen
Leichnams. Aber die Höhlung // 035
10 ist hell von den vielen
Kerzen. Der Motor
springt an, und ich fliehe
den Moder, die Rufe, den Duft,
fliehe die vielen
15 Kerzen, erbreche, Berauschung, Berauschung
übers Geländer und schmecke
bitter das Meer im grauen Vorhof Lagune.

Freitag, 12 Dezember 1958       )

Strassenszene

Das Motorrad ist rostig, sein Lärmen
nahe tönt es dem Lärm
bizarrer Vögel der Wälder.
Verwesung ist schon lange ihr Teil;
05 Und eine Minute vor den Gewittern
im Juli kommt ihr fauliger Ruch
zwischen den Pflastersteinen herauf.

Das Motorrad ist schon rostig, und wer
wird es erkennen, wenn es
10 an einem riesigen Farn lehnt: // 037
bedeckt von Lianen,
ohne Strassen zum Fahren, und
es lärmen dann einzig die Vögel, und Wälder
nähren in Nächten Verwesung?
15 O, wie sie fahren.

Samstag, 13 Dezember 1958       )

Miracula Sti. Marci IX

Keiner zieht den, der im Schiff sitzt,
eben, vorm Sinken,
heraus:
es sei denn der heilige Markus.
05 Wer im Flehen ihn herzog
aus dem Gewölk aus Gebeten und mächtiger
Täuschung, greift auch die Lichthand
und steigt hinüber und lässt
sein Votivbild am Pfeiler. // 039
10 Das Motorboot versteht es nicht mehr.
Es wühlt die Wellen
und schlägt, bis er fällt,
an den Pfeiler.
Bloss liegt dahinter der Leichnam.
15 Doch niemand erkennt mehr die Hand.
Und alle ertrinken, und keiner
ruft jetzt den heiligen Markus.

Denn keiner zieht den, der im Schiff sinkt,
eben heraus vorm Ertrinken:
20 es sei denn der heilige Markus.

Samstag, 13 Dezember 1958       )

Die Zeitung

Quer liegt die Zeitung,
man hätte sie nicht so verächtlich
auf den gelben
Stuhl gelegt, wenn vom Palmzweig darin
05 die Rede wäre:
vom Palmzweig, den man vor dem Leichnam der Jungfrau
hertrug und der den Bösen erblinden
machte. So kam der Zug ungefährdet
ins Tal Josaphat und zum Grabmal.
10 Und Wolken hatten herbei // 041
aus Italien und
aus Ephesos alle Apostel getragen. 

Nicht so verächtlich läge 
die Zeitung jetzt quer auf dem gelben 
15 Sessel, wenn die Geschichte 
von der Grablegung Mariä drin stünde. 
Doch es stehen darin nur die 
Drohungen, welche die Grossen 
ausstossen gegeneinander. Wir fürchten 
20 die Wolken. Sie tragen 
keine Apostel. Und Angst schreckt
im Tal Josaphat den Betrachter des Grabmals. // 042
Die Wolken verkünden
alle das Gleiche. Man kann
25 die Zeitung quer auf dem gelben
Sessel vergilben lassen. Man braucht sie
nicht mehr zu lesen.

1958 * (nicht datiert)       )

Der Sarg (Legende) (A)

Ich wunderte mich, als ich am Strand lag 
und der Sarg in der Woge herankam.
Ich hatte Angst. Aber die Leute
nahmen und trugen ihn –
05 denn sie hatten lange gewartet –
und machten ihn auf. // 044
Die Gebeine schienen. Und der
Vulkan über der Bucht flieht und
zieht seine Flamme hinter sich mit.

10 Ich wundere mich, liege im Sand und warte
auf Särge.

Montag, 15 Dezember 1958       )

Am Strand (B)

Sand rinnt mir heiss durch die Finger,
und ich warte immer auf Särge.

Der eine kam in der Woge heran.
Und die Leute
05 machten ihn auf. Die Gebeine
schienen. Und seither // 045
flieht der Vulkan aus der Bucht
voller Angst und zieht seine Flamme
hinter sich her in die Ferne.

10 Schnell rinnt mir der Sand durch die Finger, ich fürchte
die Särge, ich fürchte
das bleiche Licht der Gebeine.
Der Vulkan hasst es und flieht
die Insel. Wenn er nun
15 seine Flamme ganz weg nimmt und verschwindet?

Schnell rinnt mir und heiss rinnt mir der Sand durch die Finger.

Mittwoch, 17 Dezember 1958       )

Begegnung

Die Strassenbahn knirscht in den Schienen.
Denn sie kann sich nicht wie ein Pferd
bäumen. Nicht wiehern,
da ihr in die Quere ein weisser
05 Kindersarg tritt. Und
weiss singen die Kinder Geleit,
und golden preisen das Licht die
Beschläge. Die Kränze
aus Krallen, die Kränze
10 aus weissen Leinwandblüten allein
erinnern daran, dass ein Särglein
zieht eine kleine // 047
Leiche. Die Strassenbahn
knirscht in den Schienen, als ob sie
15 sich bäumte dem glänzend
weiss und goldenen Sommer.

Quer zieht er über die Schienen,
ein Kindersarg. Die Kinder
singen weisses Geleit und preisen
20 hell. Ungestört,
auch wenn es knirscht und kreischt in den Schienen.

Denn die Strassenbahn kann nicht wie ein Pferd
sich bäumen in den Schienen, nicht wiehern.

Freitag, 19 Dezember 1958       )

Inventio et translatio capitis Sti. Joh. Bap.

Lang schlaf ich und finde
im Kofferraum hinter Kanistern
das Haupt. Es lächelt,
und ohne Grausen
05 sieht es sogar der Fahrer, der von allem
nichts wusste. Er sagt nur:
jemand muss es des Nachts
hier verborgen
haben. Aber ich habe
10 meinen Mantel verloren, meinen
Schal auf der
Fähre gelassen // 049
Wer nimmt jetzt das Haupt
in seinen Mantel und trägt es
15 verborgen, dass es nicht allzu
früh strahlt<,> nach Konstantinopel.
Da soll man es auf dem Altar enthüllen.
Aus dem Kofferraum nimmt es der Fahrer:
Er hat nicht lange geschlafen. Und doch
20 hat er immer gedacht, es läge
ein totes, ein lächelndes
Haupt unter der Decke hinter
leeren Kanistern. Er träumte
seine Träume, als er
25 mich fuhr durch die Nacht vom
Hafen herein, und so // 050
schaut er, wie ich erwäge, wer es
nach Konstantinopel jetzt würdig
trüge, nur, kaum verwundert
30 und ohne Grausen.

Montag, 29 Dezember 1958       )

Fallschirmspringer

Die Fallschirmspringer
schlingern und schaukeln
in den Drehwindwirbeln und sind 
wieder erst unten am Boden
05 nüchtern. Die Boote
sind alle leck, und die Inselbewohner
mit grossen
Augen sammeln von Palmen die Früchte.
Sie vermissen das Wissen,
10 Schiffe zu bauen schon nicht mehr. // 052
Die Fallschirmspringer
bringen die weissen
Schirme ins Dorf, auf dem Platz
stehen die neuen
15 heiteren Zelte und riechen
nach vielen Gewürzen,
welche die Priester gemischt und gerichtet:
In der Nacht ist die grosse
Feier der gefallenen Engel. Sie sind,
20 obwohl nun entschieden am Boden,
schon nicht mehr nüchtern: Trommeln, 
Trommeln, Gesang und der Geruch der Gewürze.

Dienstag, 30 Dezember 1958       )

Leerungszeit

Überall gehn zu den gelben
Kästen die Boten und holen
die Briefe: Fahrräder sinds in der Vorstadt,
Motorräder im Zentrum,
05 auf denen zum Postamt alles gebracht wird.

Der Mond ist noch ganz blass, der Wind,
obwohl es Januar ist, läuft
leicht und treibt die Boten, bewegt
schnell die Fahrräder, Motorräder. Unvor-

10 denklich lang liegt zurück der
Tag, wo der schwere
Deckel so dicht überm Topf lag, // 054
dass die Boten kaum von der Stelle
kamen. Sie traten
15 zwar aufs Pedal. Doch es war
eingerostet. Die Säcke
wurden nach jedem
Kasten schwerer und schwerer. Laut
lachte der Mond und lud
20 sein Lachen dazu auf den Sack.

Heut ist er blau und leicht und sie gleiten
zur Leerungszeit lustig zum Postamt.
Der Wind bewegt die Spieluhr und trägt
einen Brief in den Teich. Keiner
25 sieht es, und keinen bekümmert es
heute.

Dienstag, 06 Januar 1959       )

Rosse

Unten die Rosse
rasen rund im Keller des Turms.
Sie pumpen das Wasser, es rieselt
und rinnt von der wiegenden Spitze.
05 Wir sitzen im Zimmer, wir sprechen
und trinken ein Bier nach dem andern.
Wir rauchen schnell Zigaretten.

Die Rosse unten
rasen schneller und schneller,
die Spitze des Turms wankt, und das Wasser [,]
10 stürzt, Katarakt, über die Mauern. // 056
Wir gehen im Zimmer,
halten uns an den Wänden.
Wir flüstern, das Bier
ist verschüttet. Wir rauchen in kurzen
15 seltenen Zügen die letzte
Zigarette. Der Mond
schwebt eiliger weg.
Er fürchtet,
dass ihn die Spitze
20 des Turms plötzlich aufritzt.

Unten die Rosse rasen im Keller des Turms:
Und wie sie schwitzen.

Mittwoch, 07 Januar 1959       )

Steine

Da lagen geädert die Steine
aus dem geleerten
Bergwerk, Prunksaum
des Trottoirs, Prunksaum
05 eines geleerten Ägyptens.
Du fährst am Abend
mit der Kutsche wie ewig zum Meer
entlang der Promnade.
Doch am Morgen weckt dich nicht mehr das
10 Scheppern der Eimer,
so gern du auch nach diesem leichten
Seil griffest, dich aus dem Dösen zu ziehen,
der Müllabfuhr und das spröde
Fegen der Besen am Pflaster.  // 058
15 Die Wüste weht über die Gärten
und überspinnt silbern die Steine,
Prunksaum des Trottoirs;
Prunksaum des entleerten Ägyptens,
lägen geädert die Steine. Du fährst
20 mit der Kutsche. Echo von den Mauern
des Hufschlags. Geädert lägen
die Steine, silbern liegen sie,
wieder wie einst, wieder bereit
für dich, Gräber,
25 im entleerten, verschütteten Bergwerk.

Donnerstag, 08 Januar 1959       )

Die Mondrakete

Sie rast zuerst,
hält dann aber ein, auf einmal
ergreift sie, seltsam, das Gefühl,
das jene, die sie schickten, verloren:
05 sanft, ein Ballon, sinkt sie
dem Mond entgegen, der
träumt und alles, was ihm nahe
kommt verzaubert:
die rasende
10 Rakete nicht anders als
den kleinen Vogel, der // 060
am Fenster des Mädchens
vorwitzig lauscht und sieht,
was nicht ihm zu sehn bestimmt ist.
15 Die Rakete rast und zielt
und sinkt am Ende, unbegreiflich
leise, eine Blume,
aus einem weit entfernten Garten
hergeblasen,
20 in den runden, weissen, unbewegten Teich.

1959 * (nicht datiert)       )

Warnung (A*)

Hüte dich, den verirrten
Stier mit dem vergifteten
Pfeil zu treffen. Du rächst dich,
weil er dir entlief. Und er steht
05 starr am Eingang der Höhle,
dringt nicht ein, um zu weichen vor
deinem vergifteten Pfeil.

Ziele vorbei, und dein Pfeil
versinkt in der schwarzen
10 Watte. Den Stier aber
meide, kaum dass sein Fell du geritzt, // 062
würde wenden der Pfeil
und träfe dich selber. Im Sirren
des Insekts ertränke für immer
15 dein Gehör.

Freitag, 09 Januar 1959       )

Warnung* (B*)

Der Stier steht
und dringt nicht ein in den Schuppen,
er fürchtet deinen vergifteten Schrei
weniger als das Blinken der leeren
05 Büchse. Lenke
deinen Schrei am Stier vorbei auf die Scherbe. // 063
Er zerbricht und verbeult sie
nicht einmal. Aber wenn er
das Fell des Stieres nur ritzt,
10 wendet er plötzlich und ertränkt
dein Gehör im Gellen für immer.
Du hörst dann niemals 
wieder das dumpfe Muhen
des Stiers aus dem Eingang des Schuppens.

Samstag, 10 Januar 1959       )

Die Geburt

Die Flut schluckt gierig die Schiene,
zu spät, um den letzten
Zug zu greifen. Die vergessene
Schwangere kreischt auf der leeren
05 Terrasse, zerknüllt
die Tischtücher, gebiert
ihr Kind auf der Holzbank. Das Blut
tropft auf das Pflaster und ruft
mit dem Geschrei des Kinds
10 in die verebbenden Wirbel.
Sie reissen den Hubschrauber // 065 
aus seinem 
Gleis einmal und zweimal.
Dennoch steigt er am Ende
wieder und steht in geringer
15 Höhe und lässt
einen geschickten Engel nieder
und zieht die Wöchnerin aus dem Geschrei
und dem Blut mit dem Kind
über die Wirbel hinauf.
20 Trägt sie zur Menge, die am Ufer
winkt. Eben ehe die Flut,
nach der Brücke, der Schiene,
immer gierig, das Gasthaus // 065
„Zur Meersicht“ und die Insel
25 ganz und reinen Gewissens
und unter Rülpsen hinabschlingt.

Sonntag, 11 Januar 1959       )

Strasse

Die Strasse ist geborsten, das
Gekröse quillt hoch und stinkt.
Man will es weiss verbinden.
Aber dazu wären
05 mehr Binden nötig, als der Winter hat.
Der Karneval
weiss es und schminkt sich
weiss und überspringt den Graben,
der klafft und hebt, als ob der ihn trüge, aufgespannt
10 den (gelben) Schirm über seine spitze Mütze hoch.

Samstag, 17 Januar 1959       )

Der Gang

Am Ende des langen
Gangs ist ein Garten. Da
sind keine Spinnweben mehr, keine
Kommoden
05 bedeckt von vergilbten
Zeitungen. Doch die Blumen
alle sind unter der Sonne verdorrt. Die Sand-
fläche jenseits des Säulengeländers
ist zwar noch feucht, und aus den Wasser-
10 löchern kreischen die Vögel. Aber // 069
die Ebbe hat das Haff sonst gründlich geleert.

Am Ende des langen
Gangs kommst du heraus in den Garten.
Da gibt es keine
15 Spinnweben mehr und keine
Kommoden, bedeckt von vergilbten
Zeitungen. Wenn du heraustrittst,
so schreie, dann schweigen
in den Wasserlöchern die Vögel.

20 Und du bist mit der Sonne
und mit den verdorrten
Blumen und mit deiner zersprungnen // 070
Stimme im Garten endlich und immer allein.

Sonntag, 18 Januar 1959       )

Der Damm

Der Damm ist wenig über dem
öligen Wasser, in dem
so manche Tanker versackten,
geh schnell, denn du weisst
05 nicht, wann das ölige
Wasser den Damm überspült.

Den Vögeln sind die Federn
verklebt, sie sitzen
fest auf dem öligen Wasser // 072
10 in Scharen. Geh schnell, denn du weisst
nicht, wann das ölige Wasser
den Damm überspült, singe,
denn du weisst
nicht, wann deine Stimme versackt
15 im Kreischen der Vögel,
wann im öligen
Wasser der Damm, wann
hinab zu den Tankern
der Damm, deine Stimme hinabsackt.

Freitag, 16 Januar 1959       )

Die Gosse

Ich setze mich in die Gosse,
und die Wagen bespritzen mich mit
schmutzigem Wasser. Denn
der Schnee begann gestern abend zu schmelzen.
05 Aber die Zikade kommt nur
so herab vom Baum
auf meine Hand: wenn ich
sitze da in der Gosse und alle
Kamelhaarmäntel und Nerze
10 vorüber lasse und mich
von den Wagen bespritzen lasse // 074
mit Kot. Die Leute
fahren vom Theater nachhaus. Und jetzt
fliegt mir vom Baum die Zikade,
15 die kein anderer sah,
mir auf die Hand, fliegt mir
herab in die offene Hand und singt 
singt, solang ich es will.
Und die Theater, die Lokale sind alle
20 schon lange geschlossen. Ich sitze
noch in der Gosse und halte
ausgestreckt meine Hand und bewege
sie nicht; es singt, es singt
meine Zikade.

Donnerstag, 22 Januar 1959       )

Assoziationen

Du ziehst den weissen
Schleim über die Gedärme der Welt.
Und die Pferde
wechseln an jeder Ecke die Hufe.
05 Die Glocken rollen
klirrend über die Strassen. Die Wagen
stöhnen. Ein Vorhang
kracht nieder. Es bleiben
da und dort ein paar
10 Quallen am Strand und
schnappen nach Wasser.

Donnerstag, 22 Januar 1959       )

Bettlerballade (A*)

Ich ging mit den vielen
Touristen die Stufen
hinauf und es hing mir wie allen
der Fotoapparat an einem
05 langen Riemen herunter. Da sah ich
die Bettler und gab
dem ersten besten den Apparat. Der lief
weg damit und ich
setzte mich an seinen Platz
10 auf den Stufen. Noch mehr // 077
Platz bekam ich, als ich dem zweiten
meinen neuen Sommermantel gab. Jetzt warte
ich hier, bis die Aussätzigen kommen.
Sie kommen immer am Abend. Den ersten
15 will ich küssen, sofort, bevor
er sich dessen versieht. Ich will ihn
küssen und ihm seine Klapper
nehmen. Dann gehe ich mit ihnen
im Zug und brauche
20 nicht mehr mit den gesunden
Bettlern hier auf den Stufen zu sitzen.

Donnerstag, 22 Januar 1959       )

Bettlerballade (B)

Von weitem schon hör ich die Klappern.
Ich gehe
mit den andern Touristen die Stufen
hinauf, der Foto-
05 apparat hängt mir von der Schulter.

Von weitem hör ich die Klapper.

Ich werfe dem ersten
besten Bettler den Apparat zu.
Nun hab ich Platz auf den Stufen.
10 Ich gebe dem Nachbarn meinen neuen // 079
Sommermantel und habe
doppelten Platz.
Schon höre ich näher die Klappern.

Sobald die Aussätzigen kommen,
15 will ich den ersten küssen, sofort,
bevor er flieht, und dafür ihm nehmen die Klapper.
Dann gehe ich mit ihnen im Zug
und erlange das Mitleid, das Ekeln der Bettler.

Ganz nah schon, ganz nahe hör ich die Klappern.

Freitag, 23 Januar 1959       )

Das Auge

Noch in der letzten Kammer sieht dich an das Auge,
das nicht schläft. Stell deinen Teller
in die Asche: iss.
Nimm weg vom Tisch den Teller, trage ihn
05 durch die Flucht der Kammern. Lass
dich durch den Staub, das Spinngewebe // 081
nicht beirren, das Sägemehl, das alte
Gift, den Speck, der stinkt aus Mausefallen.
Und ruh auf keinem Sessel aus, er bricht, die Federn
10 stechen dich ins Gesäss. Geh durch die Zimmer
weiter, verschütte nicht die Suppe, sie ist heiss.
Und erst am Ende, wo die Bilder des
Zaren und der Zarin unkenntlich beinah
unter staubigen Scheiben hängen, stelle
15 deinen Teller wieder in die Asche: iss. Noch in der
letzten Kammer sieht dich an, das nimmer
schläft, das Auge.

Mittwoch, 28 Januar 1959       )

Was herabfällt … (A*)

Was aber nicht leicht herabfällt,
das ist eine silberne Taube: man glaubt,
dass man sie schon in der Hand hält,
dann ist es bloss ein Federball,
05 mit dem auf dem Balkon zwei Kinder spielten.
Oder, noch schlimmer, es ist
eine Büchse mit dem
stinkenden Rest von Sardellen. Man läuft
sein Leben lang durch die Städte und auch
10 nahe entlang den Häusern, von denen
niederhängt ein Ziegel mit der
Warnung: Achtung Dachdeckerarbeiten. Man läuft
ihnen trotzdem entlang, weil man // 083
( – lächerlicherweise –) immer noch glaubt,
15 es falle die Taube
einem in die Hand und sträube
wohlig die silbernen Federn. Und eher
doch ist es ein Ziegel, der einen erschlägt,
eher ein Blumentopf, den die Putzfrau
20 unvorsichtig vom Sims stösst,
was herabfällt. … Aber
du lachst: Was denkst du von mir: Nie hab ich
auf irgend etwas, nie
hab ich auf eine Taube gewartet.
25 Missverständnis, das Schwirren, das Fallen,
die gesträubten silbernen Federn. Ich wenigstens // 084
will gehen mit geöffneter Hand auch da,
wo man Dächer
neu deckt und wo der Schnee in grossen
30 Brocken rutscht und poltert, ich will
immer gehen, Tag und Nacht den Häusern
entlang und durch die Pfützen
mit meinen
dünnen Schuhen, die man lang schon neu // 085
35 schmieren müsste. Sicher fällt mir
einmal die Taube herab in die offne
Hand und sträubt, warm und atmend,
die silbernen Federn. Aber bald weiss sie, sie muss
sich vor mir nicht fürchten, und schläft.

40 Was nicht leicht herabfällt ist eine
Taube mit silbernen Federn.

Mittwoch, 28 Januar 1959       )

Was herabfällt … (B)

Was herabfällt, ist ein
Federball, mit dem man 
auf dem Balkon spielte. Aber eine
lebendige Taube mit
05 silbern gesträubten
Federn fällt nicht so leicht
herab in meine Hand, auch wenn
ich sie offen halte.

Auch wenn ich den Häusern
10 entlanggehe mit offener Hand und mich
nicht fürchte vor dem Ziegel, auf dem
steht: Achtung Dachdeckerarbeiten, // 087
ist das, was herabfällt ein
Blumentopf, den einer
15 vom Sims stösst. Ist das, was herabfällt,
Schnee, der rutscht und poltert.
Der mich erschlägt, wenn ich
mit den dünnen Schuhen
vom vorigen Sommer durch den Matsch
20 wate, und es spritzt ringsum 
auf. Aber eine lebendige
Taube fällt mir nicht so leicht
in die geöffnete Hand und sträubt
die silbernen Federn und atmet warm
25 und weiss, dass sie sich nicht zu fürchten // 088
braucht und schläft mir
dann ein in der offenen Hand. Nein,
was herabfällt ist alles eher als
eine Taube. Dennoch, ich weiss nicht warum,
30 geh ich nah an den Häusern
mit geöffneter
Hand weiter, weiter entlang:

Was herabfällt …

Donnerstag, 29 Januar 1959       )

Die Truhe

Du kannst kaum noch atmen und stemmst
den Deckel der Truhe auf.
Du hast dich im Versteckspiel hinein
geflüchtet. Die andern
05 Kinder haben den Speicher
verlassen. Auf der Treppe hörst du
den Ruf: deinen Namen. Ein Knochen
drückt dich im Gesäss. Ein Hund
war hier einmal verendet. Schneller.
10 Denn du stemmst doch den Deckel der Truhe
noch zuweilen hoch und bekommst
wieder Luft. Aber // 090
dein Arm ist zu schwach. Und in der Nacht
wirst du noch hören, wie jemand
15 kommt und die Maske des Gärtners
und das Kostüm des
chinesischen Kulis heraus aus dem Schrank holt.
Du wirst es hören. Doch nicht mehr
rufen und nicht mehr den Deckel der Truhe
20 stemmen. Du wirst das Rascheln,
das Kichern des Mädchens und ihres
Freundes, des Apothekers von gegenüber
hören. Und dann noch von der Treppe
das Knarren, das Rascheln, das Kichern.

Donnerstag, 05 Februar 1959       )

Assoziationen II

Eine noch unveränderte
Sonne tropft auf den Rinnstein.
Die Schwäne spreizen die Schwingen,
erschreckt, und taumeln
05 auf verkümmerten Stelzen hinweg.
Naiv
blinzeln die weissen
Flaumfedern geblendet im Licht
und schweben und sind
10 auf dem Sand eine Decke, die schwimmt
nach einem grossen und
unabsichtlichen Opfer.

Donnerstag, 05 Februar 1959       )

Assoziationen III

Ein Blitzstrahl schmilzt
das Bild. Ein Schatten
bleibt in der Nische.
Die Vögel picken verwundert. Nur der
05 Radfahrer bleibt wie gewöhnlich
an der Ecke: er tritt
schnell auf die Pedalen, die Räder
drehen sich schnell und kommen
doch keinen Zentimeter vom Fleck.
10 Ein Blitzstrahl aus heiterem Himmel
schmolz das Bild. Und ein Schatten
blieb zurück in der Nische.

Freitag, 06 Februar 1959       )

Die Dogge

Die grosse
Dogge liegt auf der Schwelle
des Kinderzimmers, und Geifer
tropft ihr vom Maul. Und sie
05 steht nur auf, wenn die Mutter
kommt und hereinwill. Sie zwingt
sie, wegzuschaun mit ihren
aufgehobenen strafenden Blicken.
Die grosse
10 Dogge läuft in den Hof und sie leckt
den heissen
Boden, die geborstene // 094
Schelle schneidet sie in die Zunge: Blut
tropft in den Sand der Arena. Die Dogge
15 senkt den Kopf vor dem Kind und will nicht, dass der Geifer
vom Maul ihm auf die Hand tropft,
obwohl es sie hinstreckt. Die grosse
Dogge wedelt und geht
rückwärts schwerfällig
20 zurück in die Hütte.

Samstag, 07 Februar 1959       )

Am Fluss

Niedriges Wasser, Gestank toter
Fische, der Abfälle der Stadt, die
das Wasser
verlassen hat, bis zum Brechen
05 reizt die Kehle der (faule)
verfärbte Kadaver. Ich finde
in den faulenden Kleidern
den Leichnam, auf den ich seit
gestern Abend gewartet. Inzwischen
10 sank und versackte der Fluss. Stinkende
Fische, Unrat. Aber
ich schlief, und es scheint, es bedurfte // 096
des trunkenen Radfahrers, der vom Ball
kam und mich anstiess, dass ich
15 erwachte und sah und fand
im Unrat und fiel auf den
verfärbten Kadaver, in faulenden
Kleidern, unkenntlich. Braune
Lachen allein
20 stehn noch hier, stehn dort. Böse
summen in der Sonne die Mücken.
Zum Brechen
reizt der Gestank.

Sonntag, 08 Februar 1959       )

Faules Holz

Holz unterm Wasser
leuchtet Phosphor, es wird
nie mehr in Feuer
ausbrechen. Denn
05 die Flut bleibt und hält
es sorglich bedeckt. Mein Schiff
fährt schnell, und ich kann
meinen Anker nicht werfen
als Angel, es ziehen
10 herauf und an mich. Dann ginge
es gleich auf in Flammen. Dann
verbrännte das Schiff, sogleich. Aber // 098
jetzt zieht es den grauen
Schleier eitel über den Himmel. Ich schreie
15 nach Ebbe. Man hat
den Mond weggenommen, es bleibt für
immer die Flut, und unaufhörlich
tanzen die Masken, betrunken,
auf dem Verdeck. Mein Anker
20 trifft nicht und fasst nicht als Angel das Holz,
das leuchtet, Phosphor,
unter dem Wasser.

Sonntag, 08 Februar 1959       )

Das schwarze Papier

Ein schwarzes Papier
liegt auf der Strasse, ein Wind
treibt es in den Graben am Trottoir,
ganz in den Staub, der aus
05 der Baugrube herüber
kam: wer kann es da noch fassen. Es war
ein Hemd, ein neues, vielleicht
darin verpackt oder, vielleicht,
eine neue elektrische
10 Lokomotive zum Spielen. Wer kann
es jetzt noch fassen im Graben,
im Staub, der herüber // 100
von der Baustelle
kam; ein Wind
15 hat es gefasst und getragen, entzogen,
das schwarze Papier,
schmutzig jetzt und zerrissen.

Dienstag, 10 Februar 1959       )

Der trunkene Domino

Das Motorrad stürzt in den Schneematsch,
der Domino fällt
kopfvoran in die Pfütze: 
Meer, Meer. Der schwarze
05 Umhang saugt sich voll Blut, voll
Sommerabend am Meer,
voll hinter dem Himmel hinab taumelnder
Sonne. Man findet ihn, die andern
Masken, zerrissen, zerschlissen,
10 verschmierte Gesichter, verwischte, // 102
finden den Domino in der Pfütze, noch
summt, noch dreht sich das Motorrad.
Sie finden ihn, wie er liegt, und sie
lachen, sie werfen ihm Luftschlangen
15 ins Gesicht, Konfetti, Gelächter:
Gelächter am Strand, Gelächter am
Abend: Meer, Meer, Der schwarze
Mantel saugt sich
mit Blut voll, hinter den Rand
20 fallende Sonne. Sein Gesicht
liegt in der Pfütze, es gluckst,
und einige Blasen im braunen
Wasser. Der Dreispitz, weich // 103
und voll mit Wasser gesogen. Das Mädchen
25 trat im Sommer am Strand
auf die Qualle. Wartete, bis er
kam, über den Strand. In die Pfütze
wirft den Domino ab
das Motorrad und liegt
30 im Schneematsch und rattert
und dreht im Nebel die Räder. Das Mädchen,
zerrissen, zerschlissene Maske,
verschmiert das Gesicht, wirft ihm Gelächter,
Konfetti, Luftschlangen zu, 
35 dann eine Kusshand. Sein Gesicht
liegt im braunen Wasser // 104
und gluckst, und es steigt
eine Blase: Meer, Meer
und die Sonne, die schnell
40 hinter den Rand, berauscht,
taumelt, errötet.

Dienstag, 10 Februar 1959       )

Strassenkreuzung

An der Strassenkreuzung kann man
lange warten. Es bleibt
Rotlicht, und die Wagen
stauen sich. Man kann nicht
05 gehen, die Beine sind lahm unterm Rotlicht.
Mein Drachen steigt auf und verachtet
und fliegt, und die Wagen und die
mit den gelähmten
Beinen schauen ihm nach und wollen ihn
10 jagen und fangen. Und bemerken
nicht, dass jetzt wo es keiner
mehr denkt, wieder Grünlicht ist, und sie // 106
bleiben stehen, o, was geschieht nun?

Donnerstag, 12 Februar 1959       )

Der Brand

Im brennenden Hochparterre bleiben die Kinder
auf dem Teppich sitzen und spielen,
obwohl schon das Feuerwehrauto am Haus hält und
die Spritzen die Flammen
05 zur höchsten Leistung ermuntern.

Sie bleiben sitzen und spielen, obwohl
man sie ruft und die Männer
die Leitern anlegen, sie zu holen.
Sie bleiben // 108
10 sitzen und spielen:
Die kahlen
Bäume stehen unverändert im Garten und wehren noch immer
dem Himmel. Sonst aber bedürfen
sie jetzt keiner Rettung.

Montag, 16 Februar 1959       )

Bewegung

Der Pfeil schwirrt
und fährt über die Dächer
und bleibt
hängen im Wipfel der hohen
05 Platane.

Die steht auf der Insel im Fluss.

Und ich brauche
lange Zeit, bis mich der
Autobus bringt über die Brücke,
10 bis ich wieder
finde den Pfeil hoch oben // 110
im Wipfel der
schon roten Platane.

Nachklang des Schwirrens
15 liegt aber, ein silbernes
Seil auf dem ganzen
Boulevard und zieht
den Autobus über die Brücke
zur Insel:
20 da hängt mein Pfeil
im Wipfel der hohen
Platane. Sie ist
allein rot, schon rot. Und die andern // 111
Bäume ringsum sind immer
25 noch grün. Und die Drachen
der Knaben
erreichen sie langsam. Und
träg hangen sie in den Zweigen und träumen.

Mein Pfeil in der roten
30 Platane ist tot. Der
Autobus kam zu spät.

Donnerstag, 19 Februar 1959       )

Anweisung

Du sollst nur einen Zweig im Zimmer stehen lassen.

Wirf die Fahrräder um vor der Tür,
löse die Bremsen der Strassenbahnen, und lass sie
den Hang hinunterrasen zum Bahnhof.
05 Zerschneide die Reifen der Autos vor der Hauptpost, 
Und zünde früh um sechs Uhr, eben nachdem 
die grossen Lastwagen die neue
Ware gebracht haben, das Stroh in der Ecke // 113
der Markthalle an. Bald
10 brennt dann alles, und die
Stadt ist nur noch Qualm und Gestank.

Dann geh in den Garten und reisse
die Rosen aus und die Lilien aus und den
Flieder aus und zertrample,
15 zertrample die Beete. Dann aber
gehe zurück in dein Haus, schliesse dich ein
in dein Zimmer:

Du sollst nur einen Zweig, eingeschlossen im Zimmer,
stehen lassen. 
Lang wird er blühen.

Freitag, 20 Februar 1959       )

Der Stierkämpfer

Warum lässt du dich, Stier,
zurück treiben zur Säule,
und stehst da und senkst
deine Hörner? Die Hiero-
05 glyphen glänzen über
die ganze Säule. Wir können
sie beide nicht lesen.
Ich knie vor dir, Stier, und
ich komme mit meinem
10 Gesicht ganz nah deiner Schnauze:
„Packe mich, Stier, du sollst // 115
dich nicht fürchten, nicht weichen!“

Die Hierogoyphen
glänzen über die ganze
15 Säule. Wir können
sie beide nicht lesen<.>

Ich vergesse dich, Stier,
ich vergass die Leute, die schreien –
Blut rinnt mir fern übern Schenkel,
20 eine weisse Tasche fliegt mir fern durch das Auge.
Ich ziele, ich steche, ich treffe:

Die Hieroglyphen
glänzen über die ganze // 116
Säule. Wir können 
25 sie beide nicht lesen.

Donnerstag, 17 Dezember 1959       )

Der Himmel steigt und flüchtet …*

Der Himmel steigt und flüchtet,
immer, immer, blau.
Nur die Vögel fallen in die Dünen.
Sie sind schwarz und fallen ungenau.

05 Wenn die Wellen steigen,
bleibt das Meer beschäftigt,
jene Schiffe wissen es genau.
Sie fahren aus, sie brechen auf, gekräftigt,
der Himmel steigt und flüchtet und bleibt blau.

Freitag, 25 Dezember 1959       )

Du bist zu deinem Tod …*

Du bist zu deinem Tod
zu deinem Tod schon erweckt. 
Du hast den Vorhang
am Fenster gerissen. Dezember
05 klirrt¿ blau an den Zweigen. Sie
sind kahl. Er wird
nach dir greifen. Obwohl du
im Schlafanzug frierst am Geländer.
Zwei Knöpfe
10 fehlen. Er kennt
kein Erbarmen. Den letzten
Knopf wird er dir nehmen. Und dann
kommt die // 119
Wolkenbank über die
15 blinde Glaskuppel und die
trügerisch grüne Fichte herauf.
Aber zu spät. An der Ecke
steht er und schaut wie soviele
listig¿. Er winkt dir, das hat
20 noch keiner getan. Dir gefallen deines
Todes Augen. Zu weit beugst du
dich vor.

Samstag, 23 Juli 1960       )

Die Spinnweben bedecken …*

Die Spinnweben bedecken die [die]
Wände und hängen, voll von toten
Insekten auf die Kommode.
Sie umhüllen das Telefon, es zirpt
05 zuweilen, niemand hebt den
Hörer. Der Felsen behütet das Fenster
vor dem Licht. Und die Spinne
schläft unbehelligt. Die Fenster sind
fest zu und erlauben
10 keiner Mücke den Einflug. Die Spinne
verhungert im Schlaf.

Aber die Alten haben ihr ganzes
Leben alles in die staubige Wohnung gesammelt. // 121

Sie werden morgen mit dem Aufzug den Felsen
15 erklimmen. Sie werden die Stadt mit den fünfzehn
Kuppeln zum ersten Mal sehen.
Sie werden hören die weissen
Schreie vom Platz direkt vor ihren Füssen.
Sie werden den Kopf schütteln und nichts zueinander
20 sagen, nicht sagen,
dass sie nun wissen, warum die Kinder
davongelaufen. Da drunten, umflattert von weissen
Schreien laufen sie um die Wette
hin zu dem Elefanten, der einen Obelisken
25 trägt.
Die Kommode trägt nur ein Telefon, // 122
das kläglich zirpt. Die Verbindungen sind automatisch.
Niemand hebt ab. Die Alten
stürzen zurück in den Aufzug. Er bleibt stecken.
30 Weiss zielen und fliegen,
treffen die Schreie. Doch die fünfzehn Kuppeln umflattert
vom Wind weggerissene Wäsche.

Samstag, 23 Juli 1960       )

Halde

Baumkrone, ragt an der Halde, 
und die Wurzeln nisten in feuchtem Papier,
das die Schlachten von vor zwanzig
Jahren anzeigt, und unter Büchsen,
05 ausgefressen von Soldaten, die auf
Soldaten schossen an der anderen Halde,
Baumkrone hält sich im Licht,
wankt kaum, wenn auch die Wurzeln
hängen ins Leere, aus der Erde
10 vom Regen gerissen<.> Sie hält sich
und atmet, sie schwebt
trunken von Bläue. ||


<Tänzerin, die auf dem einen
Fuss sich hält
15 und nicht wankt,
bis der nächste
Takt ihr zu fallen erlaubt>

Sonntag, 24 Juli 1960       )

Ginster

Die leeren
Flaschen stehen in der Einfahrt, man
stolpert darüber, die Büste,
unkenntlich mit flacher
05 Nase, mag mit den
erblindeten Augen
nicht mehr schauen, das Blut
rinnt aus der Stirn
und mischt sich in den
10 Urin der gelben
Katzen. Aber man stemmt // 125
sich hoch und hört den
verängstigten
Brunnen. Ihm fällt ein,
15 dass hier jeden
Morgen Borromini
vorbeiging. Lauter
springt er, ermutigt¿  
vom plötzlichen,
20 aus dem Hof mit
Duft in die schwarze
Einfahrt herein
stürzenden Ginster.
Er zertritt mit gelben
25 Tatzen die Scherben. Sie
schneiden ihn nicht.

Sonntag, 24 Juli 1960       )

Pantheon

Die Katzen thronen
im Graben. Sie jagen
und fangen im
Nachturwald zweier
05 Jahrtausende. Aber
die Rundung oben ist offen, die Sterne
klirren durchs schlaflose
Auge zu Boden
das Tor ist geschlossen. Der Urwald
10 zweier Jahrtausende
wuchert höher, die Tiger streifen // 127
in Rudeln ans Tor.
Das grosse
Auge aber ist schlaflos
15 und von der Nacht
trocken und wacht. Die Katzen
atmen im Graben.

Dienstag, 26 Juli 1960       )

Die Löwen …*

Die Löwen
verstecken sich im Sommer hinter den Oleander-
kübeln, die auf der Meerterrasse
stehen.
05 Sie fürchten den Anblick der Wellen.
Weiss sperrt (verletzt) ihre
blinzelnden Augen. Das Weinen
des Kindes am Strand
sprengt die gläserne Tür. Und die Diener
10 eilen mit Besen. Die Löwen // 129
bleiben verstört hinter den Kübeln.
Im Winter wird der Oleander erblühen,
wird ohne Wellen das Meer weiss
schweigen, die Löwen mit geschlossenen Augen
15 gehen lautlos über das Eis
voll Neugier zur Insel, das Kind beginnt
zu singen im Sand. Man
könnte wegen der betäubenden
Düfte die Meerterrasse
20 nicht mehr ertragen.
Wolken gibts nicht. Den
erfrorenen Mond einzig schiebt // 130
jemand sehr langsam über den Himmel.
Die gläsernen Türen bleiben
25 verschlossen.

Dienstag, 26 Juli 1960       )

Die Strasse zum Hafen …*

Die Strasse zum Hafen
tost seit dem Morgen. Das Portal
hält stand. Die Löwen
schlafen hinter den Kübeln. Ein
05 Wächter weckt sie auf mit dem Besen.
Nur das Kind klettert auf die
Mauer des Hofs und singt, und die
Löwen verkriechen
sich in die leeren Zimmer. Dem Tosen
10 hält stand das Portal, es
verdeckt nichts. Der Aufruhr
siedet am Abend
vor dem leeren Haus. Jemand // 132
schiebt hämisch den Mond
15 über den Himmel. Er schwitzt und
sieht nieder und kichert. Sie sprengen
das Tor, die Löwen
schlafen reglos und tief und betäubt. Das Kind
fällt von der Mauer
20 und hinkt hinter dem Zug
der Aufrührer, welche die
Löwen zum Hafen auf Bahren
tragen hinab zu den Schiffen. Sie reisen
weg, weil es keinen
25 Palast mehr zum Erstürmen
gibt. Die Gewächse // 133
in den Kübeln werden
wuchern und sich verbreiten. Wer
weiss von den Blüten, die die
30 Terrasse die Strasse
erfüllen werden. Beeilt euch und
fahrt weg mit den Schiffen. Das Kind
wird in den Blüten erwachen, weil
ein Käfer ihm kriecht übers Lid.

Dienstag, 26 Juli 1960       )

Der grosse Vogel …*

Der grosse Vogel
geht von Stufe
zu Stufe hinab die ganze
Kaskade. Sein Gefieder
05 ist nass, und seine Füsse,
zu kurz vermögen
das Wasser kaum zu durchwaten.
Aber unten ruht er unterm Flieder
und unter roter Bougainville und träumt
10 indessen sein Gefieder trocknet,
von Flügen. Flügen über Ozeane

Donnerstag, 28 Juli 1960       )

In den Wäldern …*

In den Wäldern
stehen schwarze Baracken
in mancher Lichtung. Die
Hubschrauber
05 tauchen tief und wischen
der Lichtungen Licht aus.
Schwarz sind sie jetzt
wie die Baracken. Den Bewohnern
ist nur zu raten, hinaus
10 auf den waldlosen Karst
zu ziehen, wo es nur
Rosmarin gibt
und in der Tiefe das schwere // 136
Laken Meer. Die
15 Hubschrauber können
es nicht aufheben,
auch wenn sie es ritzen. Sie summen
unbeachtet im riesigen Himmel,
obwohl sie in Schwärmen
20 kommen wie Mücken.

Montag, 01 August 1960       )

Man tritt furchtsam…*

Man tritt furchtsam
zwischen diese Bäume.
Nur Riesen
sind gross genug, sich an ihnen
05 vorzutasten. Hier unten
überwuchert Gebüsch das
Geländer der Stämme. Glüh-
würmer führen (nur) irre. Am Ende
läuft man an das Gitter
10 des Tennisplatzes. Wer
ist hier eingesperrt // 138
und ruft schon nicht mehr? Der Mond
trug vor einer halben Stunde den
Schlüssel weg. Man
15 lässt sich sinken
an dem feuchten Seil
durch die gefährliche Allee zurück. Die
Hände zittern.
Im Getöse des
20 Düsenjägers erfriert die Allee, sie wird
unbeweglich bleiben bis zur Frühe,
nach der allein der höchste Wipfel heimlich leckt.

Freitag, 07 Oktober 1960       )

Adler

Die Woge donnert
zieht
den Kies ins Weite
schreckt
05 den Adler, der
die weissen Schäume 
fürchtet: Sie
lecken unersättlich mit
der salzig
10 brennenden Zunge.
Gelungen ist
dem Adler dieses böse
Spiel noch nicht. Er neidet // 140
dem Wasser des Salzes
15 Schärfe. Und er zieht
die Klauen an
und wendet
sich hin zur Weite,
dehnt die Flügel wie
20 die Wogen ihre
Kämme dehnen. Dort
sind keine Grenzen. Und
nur Fische springen. Selten
fällt er auf sie nieder. Aber
25 sonst schwebt er, gleitet
taumelt zwischen Bläuen // 141
träumt traumlos und erinnert
sich nicht einer, keiner
dieser Küsten mit den
30 Kieseln, die bereit
liegen, weissem
Gischt glatt zu folgen
und mit Klirren kichern.

Samstag, 08 Oktober 1960       )

Himmel und Meer

Man schiebt gehäufte
von rechts her
Wolken nach links, graue
über das Wasser, das
05 erst am äussersten Rand
ungern glänzt, aber
in schlechten
Träumen sich auf- und
niederbewegt. Die Insel
10 hinten ist ein riesiges Floss, die
Stürme genügen
noch nicht, es zu verschieben.
Die Schiffe vermeiden // 143
die Bucht. Alle
15 Tiere sind aus den Wäldern
jenseits der Wüste
gekommen und gehen
entgeistert am Horizont
in drängenden Rudeln. Man kann
20 mit dem Fuss kleine
Löcher ausscharren
im Strandsand. Sofort
sind sie voll Wasser,
grauem. Niemand
25 wirft einen Kiesel
hinein. Keine
Vögel fliegen. Sie frieren // 144
oben über den riesigen
Tieren, die zusammen
30 am Horizont der Wind
drängt zu Rudeln. Sie
frieren und fallen
vielleicht im Dezember
vereist nieder ins Meer,
35 das sie schwemmt
zu Silvester herein
in die Gruben, die unsere
Füsse im Sommer
gescharrt. Leer sind sie dann
40 und bereit, für schöne erfrorne // 145
Vögel. Und Verirrte
werden sie finden am Morgen und nehmen
als Geschenke und legen
in die Taschen ihrer Mäntel,
45 die zerschlissen sind und aus
undefinierbarem Pelzwerk.

Dienstag, 01 November 1960       )

Meer (A*)

Immer wieder herauf auf die Platte
kommt die gelbe, immer
wieder sinkt sie zurück
die Abendwoge. Mein Fuss
05 bleibt mit Mühe und wie
durch ein Wunder
auf der glatten Platte, bespült und fast
weggerissen
von der gelben, der
10 Abendwoge. Die Wunde // 147
links an der Zehe
schmerzt vom Salz. Die Hupe
deines Motorrads tönt
von der Strasse oben herab, immer
15 ferner, ferner. Herauf
auf die Platte kommt die gelbe, immer
wieder sinkt sie zurück die
Abendwoge.

Dienstag, 01 November 1960       )

Für G., als er sich einen Roller kaufte (B*)

Eingefressen
in die Kiesel hält die
gelbe, und fällt die Abendwoge.
Der Fuss hält sich eben
05 auf der glatten Platte. Die Wunde
links an der Zehe
schmerzt vom Salz. Die Hupe
des Rollers tönt von der Strasse
oben im Felsen ferner,
10 immer ferner herab.
Eingefressen // 149
in die Kiesel hält die gelbe
und fällt die Abendwoge
immer wieder zurück.

Montag, 07 November 1960       )

Positaneser Elegie

Der Schiffer steht und stösst
das Boot mit dem Ruder. Er hält, er winkt.
Aber es ist
zu hell und du fällst in den Strandkies.
05 Im November ists Zwielicht, die Blätter
der Bäume sind fahl, bedeckt
vom Staub eines ganzen
endlosen Sommers. Wo die Boote
anlegten, springt eine riesige
10 Welle und reisst
deine Liebe mit hinab und hinaus // 151
unter das grosse dunkle Laken Tod,
das man zwischen den Felsen aus-
gebreitet. So wird das 
15 Winterrequiem langsam
vorbereitet. Die Badehütten
sind schon weggeräumt und die
Boote bis an die Felsen
zurückgezogen. Oben sind sie
20 verbrannt und fast kahl und so
bereit für die
Feier, welche die Nächte 
des Dezember und des Januar mit schrecklichem, // 152
lautem Pomp erfüllen wird. Doch ich fliehe
25 vorher, bevor die letzten
halbreifen Orangen zögern zu fallen,
bevor die gierige rote Blüte sich an den Wänden
zutode geküsst hat. Die letzten
Küsse füg ich hinzu zu den roten
30 glühenden Küssen, die über die Mauern
überall stürzen. Die Wolken
kommen heute hervor aus dem Hinterhalt<,>
sie zerbrechen, zerschellen an den Gebirgen, 
die schweigen und giessen 
35 ihren Missmut aus. Die Strand- // 153
schuhe sind dafür nicht
gemacht und brauchen zum Trocknen drei Tage.
Das todblaue
Meer will nichts mehr ertragen, seine
40 Sommergeduld ist erschöpft, wir fliehen
rückwärts hinweg durch die Felsen.
Noch einmal
hör ich das Hupen. Es gellt in den Kurven,
es gellt wieder, verkündet
45 den Winter. Der Schiffer fährt mit der Lambretta
die letzten Fische
hinauf zur Chiesa Nuova. Dort bleibt er und baut // 154
ein kleines Haus für den Winter, zu-
sammen mit Vater und Brüdern. Wir fahren
50 und schlafen heut nacht,
das hängt von den Zugverbindungen ab,
im Bett in Rom oder vielleicht bloss in Neapel.
Unsere Küsse hängen
Blüten rot herab überall über die
55 Mauern. Ein paar Orangen
sind grün, und sie werden
nicht fallen, und niemand
wird sie pflücken.

Mittwoch, 23 November 1960       )

Hölzerne Könige: Kinderzimmer

Wieder baumeln die kleinen
hölzernen Könige
von der Brücke, wir können
sie mit den Händen fast greifen.
05 Die Tür geht auf
und die Zugluft bewegt sie.
Sie klappern. Aber die Kronen
aus Stanniol fallen
nicht herunter. Wir rutschen
10 auf dem staubigen
Teppichfloss bis in die Ecke,
nachdem wir den Pfau // 156
aufgezogen und in
Gang gesetzt haben. Er
15 schlägt sein Rad unter Quietschen
und stelzt
bis mitten hinauf auf die Brücke.
Dort bleibt er stehen
und rührt nicht an die Nägel,
20 an denen die hölzernen
Könige hängen. Und auch
dies ist kein Erdstoss, sondern
nur die Tür, die jemand
hinter sich zuschlug.
25 Schon ist es dunkler.

Mittwoch, 23 November 1960       )

Der Stein

Man kann den Stein in den See
werfen, die Wellen
werden ihn nicht bewegen<.>
Ruhen wird er und nicht
05 hinhören, wenn andere Steine,
hereinfallend Ringe
über die Fläche
ziehen.

Die Vögel sind aus dem Schilf
10 gekommen und gieren
nach mehr, mehr Erregung.

Donnerstag, 24 November 1960       )

Fähre

Du stösst
Löcher ins Blech,
deren Ränder gleich rosten,
du reisst es in Stücke.
05 Die Schwimmer werden
dazwischen hinab
fallen. Nur du
bewegst deinen Kahn // 159
langsam und
10 unerbittlich zum Ufer. Im Sand
sind des Reisenden Füsse versunken.
Dein Blick hat ihn fest
gemacht. Wenn du ankommst
und ihn mit der Hand
15 wegziehst, dann, auch dann
ist er nicht beschwichtigt. Unter
dem Hut erkennt er dein Gesicht.
Das Meer (Blech) ist zerstückelt.

Sonntag, 27 November 1960       )

Seestück

Du magst auf der Terrasse
hinaus zeigen mit der Hand auf die Schiffe, 
die du von weitem alle herbei
befohlen, gezogen. Segel-
05 gischt füllt den Golf, Flügel,
gefesselt, bewegen sich, kommen
nicht von der Stelle. Du kannst
nicht hindern, dass der Vorhang
herabstürzt, den Sklaven
10 zu schwer, die ihn halten,
herabstürzt und schliesst und verdunkelt // 161
die Terrasse, den Golf und die
Schiffe stört auf und verscheucht
das Gewitter.
15 Um deine Hand hängen nass die Manschetten

Donnerstag, 01 Dezember 1960       )

Das Gerüst

Ins Gerüst
haben die Bauleute Spinnen
gesetzt. Sie werden
unter der Sonne immer härter
05 und klappern im Mistral.
Vorher hatten sie grosse Brokat-
vorhänge überall an die Balken
aufgehängt. Aber sie
schmolzen in der Sonne. Am Abend // 163
10 lagen rote Lachen da, und man glaubte, 
ein Mord sei geschehen. 
Im Mistral wehten
einige wenige übriggebliebene Fäden

Freitag, 02 Dezember 1960       )

Flug

Nicht wird der Vogel
hier herein sich verirren und nicht sich an
der roten Jacke entzünden. Die Braue¿
bewegt sich und fliegt über
05 den Stirnhimmel hin bis
zu den Wolken oben.
Dahin schlägt keine Flamme.
Der Vogel
schlägt mit Flügeln
10 die kalten Lampen, sodass sie
wackeln. Federn fallen,
er weiss, in der Schlucht // 165
der schwarzen Häuser
gibt es unter der Dach-
15 rinne ein Versteck. Er steigt,
sein Blut tropft auf einen
weissen Kühler. Er ist schon
zwischen den Mauern
verirrt und sieht nur
20 unten die vergessene Marmel,
Kiesel des weiten und fernen
glänzenden Strands. Er schiesst
nieder. Die Kinder
werden ihn finden.

Montag, 05 Dezember 1960       )

Befürchtung

Ich scheue mich, obwohl ich schon lange
in seine Falten greife,
den Vorhang wegzuziehen. Nicht dass er
zu schwer wäre. Aber
05 ich sehe ihn gern, schwer
und dunkel schützt er und er hält
den Saal dämmrig, geschlossen.
In meiner Hand ist ein Zwang, meine
Finger jucken, ich werde ihn
10 – vielleicht erst in einer
Viertelstunde wegziehen. Dann
krächzen die grossen // 167
Ringe über die Stange
aus Messing. Und ich sehe
15 den Golf, über den der andere
Vorhang aus Regen schnell
herankommt. Die
leeren Felseninseln deckt er
schon zu. Und hier von meinem
20 Geländer wird er die
Spuren der Tauben wegwaschen.
Es wird wieder weiss sein.
Dennoch, ich zögere noch, ich scheue mich,
tändle feig mit den Falten.

Donnerstag, 08 Dezember 1960       )

Der Spiegel

Die Lampe schwankt,
sie kann den beiden
Löwen, welche die Treppe
um die Wette hinunterlaufen,
05 das Fell nicht verbrennen.

Du kannst mit deinem
Spiegel den beiden
schwarzen Panthern, welche 
die Treppe hinunter davon
10 um die Wette laufen,
das Fell nicht verbrennen,
obwohl du die Sonne auffängst, // 169
sie reflektierst. Die schwarzen
Panther laufen schnell. Die Kinder
15 ziehn sie in den Tanzkreis, umsingen 
sie. Doch sie springen in grossen
Sätzen hinaus und hinüber
und fressen die Fische.

Donnerstag, 08 Dezember 1960       )

Der Thron

Die Löwen schweigen
und ducken sich heute. Der neue
Diener findet den Knopf nicht,
der sie zum Brüllen bringt und dazu,
05 dass sie sich recken und heben
den Sitz. Verlegen sitzt
in der Tiefe, zerbeisst
sich die Lippen der Kaiser
von Konstantinopel. Der Gesandte
10 kürzt seine Rede und huldigt
dem Pfau, der hinten im Nacht-
Garten knisternd den Schweif übern Kies zieht.

Mittwoch, 14 Dezember 1960       )

Gestänge

Gestänge, darüber zu
springen in den Kessel, wo
sie schwimmen, aber 
immer noch Gestänge
05 und wieder, die Füsse
hängen
im Gestänge. Doch mit den
Lippen berühre ich
jetzt flüchtig Lippen, die
10 schwimmen im Kessel.

Samstag, 17 Dezember 1960       )

Einsamer

Einsamer, einsamer,
einsamer sind die Felsen,
nachdem man ihnen Agaven gesellte
und nachdem man
05 ihnen gesellte dieses leere
zugenagelte Haus.
Ein Vogel sitzt
auf der Fernsehantenne,
immer noch, seit der Vulkan
10 dort aus dem Meerschaum
aufstieg und langsam // 173
heranzuschwimmen begann.
Immer noch schaut er, unverwandt
einziges Auge des einsamen,
15 einsamen, einsamen Felsens

Sonntag, 18 Dezember 1960       )

Absonderlich

Absonderlich sind
diese Wege im Gestrüpp,
diese Wege über zerbrochene Platten,
absonderlich, dass man
05 unvermittelt hineintritt
in Gärten voller
mit Gerüchen und Farben
wild um sich schlagender Blumen:
sie sind wie Fallen, absonderlich,
10 aber das einzig
Vollkommene hier, das
niemanden auslässt.
Absonderlich

Mittwoch, 21 Dezember 1960       )

Spitz

Die spitzen
Flügel der Vögel stechen
hinein in das Glas,
in das blaue Glas,
05 bis in der Mitte sie
aufhält das weiche
Meer und die verständnis-
losen Pinien. Sie
stehen und lieben
10 keine Bewegung, nur
des Mittags träge,
präzise Betrachtung. Die // 176
spitzen Flügel der Vögel
zerschneiden im Flugsturz
15 vieles: nur nicht Meer,
das ihnen, nicht achtend,
verschlossen, entgegen-
wogt und die Pinien
nicht, die meditieren
20 Fernes und nicht sich kümmern, härter,
dass sie im Glas stehn. // 177
 
Die spitzen Flügel 
der Vögel zerschnitten die Kiesel 
am Strand. Nun sind sie
25 stumpf und dauern noch eine
Weile, bis sie die Kinder,
Skelette zwischen der Pinien Wurzeln
stecken, tief unten unter den
meditierenden Kronen.

Freitag, 06 Januar 1961       )

Gelber Handschuh

Gelber Handschuh, Sand
weit vor der Syrte, wühlt,
findet einige Perlen, sie brennen,
Rest eines vergessenen
05 unter dem gelben
Sand vergessenen Meers,
fern vor der Syrte, Sand,
heiss, vom gelben
Handschuh durchwühlt. Darin
10 die Perlen, wenige, brennen, sobald
sie entdeckt, verbrennen
den gelben Handschuh.
Wie schob er früh noch // 179
arglos den Kinderwagen, jen-
15 seits der Syrte über die Strasse. Und jetzt
ist erst Nachmittag.

… wühlt und gräbt und findet.
verbrennt.

Sonntag, 08 Januar 1961       )

Flucht

Nur noch komisch
mit¿ ihrer¿ Perlenkette,
übrig von dem letzten
Abend auf der Via
05 Vittorio Veneto, hier
an der Felsenküste, einige
Alte, behaart,
und schmutzig, winken.
Sie verlässt das
10 Boot und zieht die
Wüste vor. Die
Stöckelschuhe versinken
immer wieder. Aber // 181
mit blossen
15 Füssen zu gehn, ist es zu heiss.
Die Körner zerreissen die
Strümpfe. Drinnen
gibts eine Stadt. Die Hütten
am Rand tragen
20 Fernsehantennen. Heraus
kommen viele
behaarte, schmutzige
Alte, fliehn
ihr entgegen. Jedem gibt
25 sie eine Perle
der zerrissenen Kette. Gedanken- // 182
los. Was sollen sie an der
Felsküste damit machen?
In ihren Höhlen? Dem Meer
30 wieder werden sie sie geben. Es gibt
Muscheln, die
Perlen verschlucken und sich
dann für immer verschliessen,
verbergen unter
35 Korallen, und
meditieren.

Dienstag, 10 Januar 1961       )

Meditation

Ein nächtlicher
Telefonanruf kann
dich erschrecken. Du wachst
auf, liegst in
05 einem unbekannten
Tunnel und fährst weiter,
an klopfenden
Lichtern vorüber.
Stalaktiten,
10 bizarre
Zapfen. Der nächste
kann fallen, dich
treffen. Die Stimme // 184
sagt: ich fürchte
15 mich, rede. Aber
du bist stumm, wohnst
in der Höhle vor aller
Sprache. O
Einsamkeit, wenn auch in Angst,
20 die Lawra, worein man
unfreiwillig hinabsteigt
und ohne Verdienst, Athos von
innen und
Tropfen, nur
25 Tropfen.

Mittwoch, 11 Januar 1961       )

Hitzewelle

Die Hitzewelle steigt,
überflutet die Häuser, drückt
die Fenster ein, wo in den
Hefen¿ unter Glas
05 die Menschen unter
gekühlten
Mandelbäumen sitzen. Sie
verdorren sogleich. Die
Durstigen werfen sich ins
10 Meer. Das salzige
Wasser erquickt sie
nicht. Und sie schwimmen // 186
zum Pharos. Oben
sein Feuer ist mild, und die
15 Flamme fächelt, belebt
sie. Die Hitzewelle zerschellt
am Pharos. Langsam
fällt von der Flamme
die belebende, kühlere
20 Wärme zurück in die Bucht,
in die Stadt und erweckt
die Mandelbäume über
den Scherben zum
überüppigen Blühen.

Freitag, 13 Januar 1961       )

Vorschau

Die flamingorote
Wolke wandelt,
wandelt über das
der Nacht entgegen-
05 bangende Meer. Und auf dem
Felsen schichtet man
das Holz auf. // 188
Das alte Motorboot
knarrt bei jedem
10 Stoss der Woge, zerteilt die
rote ruhende
Flamingowolke. Auf dem Verdeck
die bläulich gedunsene Leiche:
Nach der Verbrennung wird
15 man auf dem Felsen
in der Asche das gefeite
Herz unverletzt finden. Darüber aber hinweg // 189
wird die rote, flamingo-
rote Wolke, neu
20 gesammelt, wandeln,
wendeln hinweg,
schnell darüber hinweg.

Sonntag, 15 Januar 1961       )

Über die Steppe

Über die Steppe zieht
der vergessene König die Schleppe,
die Disteln zerreissen die Schleppe.
Er weilt nicht,
05 während der Wagen
wendet und einen
Schleier aufwirbelt. Der irre
vergessene König kaut zwischen
den Zähnen Kerne
10 der letzten Nüsse, die
ihm sein Wärter gegeben. // 191
Ausgesetzt, irrt der
vergessene König, zögert
im Gehen, weil seine Schleppe
15 öfter hängt in den Disteln.
Er sinnt über dem Kauen der letzten
Nüsse, zwischen den Zähnen,
weilt nicht und zieht, während
der Wagen am Himmelsende
20 wendet, verschwindet,
über die Steppe die Schleppe,
der König, irre vergessen.

1958 * (nicht datiert)       )

[Notizen]

Abu Simbel: Ramses II. und Königin Nefertere, ausgehauen aus dem roten Felshang, riesengross.

02 Das Bild Christi, eingedrückt im Handtuch, das Christus dem König Abgar von Edessa sandte.

03 Erscheinung der Madonna in der Kirche oder auf dem Feld Sie lässt ihr Bild zurück.

04  „Naht Wundertrank aus diesem Felsen .... nein, der aus dem Grab Christi strömende Born .....“

05 Prostration, Küssen des Gewandsaums. // 193

06 Ruf des Priesters: Die Türen, die Türen! an die Türschliesser vor der Rezitation des Glaubensbekenntnisses. .... „Denn deinen Feinden will ich das Geheimnis nicht verraten, dir auch nicht einen Kuss geben wie Judas“

07 In der Wüste wohnen die alten Götter als Dämonen. Dort ist ihre Zufluchtsstätte. Die Asketen gehen dorthin, um sie zu bekämpfen.

08 Die Mönche fliehen aus Byzanz und lassen sich in den Höhlen des Krimgebirges und überhaupt an der Nordküste des Schwarzen Meeres nieder // 192

09 Der Kaiser ist der einzige Laie, der hinter der Bilderwand der Eucharistie beiwohnen darf.

10 Das Weib floh vor den Drachen in die Wüste, sie floh aus dem Grossen Rom zum Neuen Rom. Von da zum Dritten Rom, Moskau.

11 Iwans IV. Krönung in der Himmelfahrtskathedrale zu Moskau: Heiliger und gottgekrönter Zar.

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