Typoskripte 1954

Inhalt: 33 Typoskripte zu 29 Gedichten (10 Endfassungen)
Datierung: 1954 (einige genauer datiert)
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 4 Dossiers mit je einer Sammlung von Gedichten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (15 Gedichte), Verstreutes (4 Gedichte)
Signatur: A-5-c/09 (Schachtel 35)
Herkunft: Beige Mappen 1954 G und 1954 G B

Kommentar: Dossier Nr. 01 mit Liste fehlender Titel (fremde Hand): Tag und Nacht / Beim Anzünden der Zigarette / Allegorie / Einfall / Römische Reklamen I / Die heilige Katharina / Die Sirenen
Wiedergabe: Edierte Texte

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Raupe und Schmetterling

Den glänzenden Falter
innen trägt die unscheinbare
Nonnenraupe; wenn, als in der Vorhalle lang sie
gewartet und, nun auf dem Platz es zu dämmern begonnen,
05 endlich an den Gendarmen vorbei, die in Gruppen zu vier
die Drängenden ordnen,
eingedrungen ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen
verborgene Lampen erleuchten:

wenn, in der reglosen Hitze nur vom dunkel
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten,
10 jetzt endlich sie fängt im über
den Kopf emporgehaltenen kleinen
Spiegel – darin nie oder nur mit
schlechtem Gewissen sich selbst sie erblickte –
auf den weißen Greis weit vorn auf dem Thron
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte),
der französisch anspricht die Menge:

jubelt sie 'wie schön er doch ist' und
trägt, Raupe den Falter, ihn dann hinaus auf die Strasse,
blind für den hoch über den Reihen
20 der Klosterschülerinnen, die mit Kerzen
durch die Schwärme der Autoglühwürmer  // 02
zur im Wechsel hellen, im Wechsel erloschnen Monstranz ziehn,
für den Neonring über jetzt lichten Laternen
um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder,
25 gelb werbend, umkränzt die rote Hostie 'Motta' – :

trägt ihn, bis dass sie, die Raupe,
selbst, eines sicheren Tags, ein glänzender Falter.

Sonntag, 21 November 1954       )

Raupe und Schmetterling (Andere Fassung)

Die unscheinbare Nonnenraupe
trägt innen den glänzenden Falter.

Als sie lange in der Vorhalle gewartet hatte und,
nun auf dem Platz es zu dämmern begonnen, endlich
05 an den Gendarmen vorbei, die die Drängenden in
Gruppen zu vieren ordnen,
ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen
verborgene Lampen erleuchten, eindringt,
in der reglosen Hitze nur vom dunkel
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten:

10 fängt sie jetzt endlich mit dem über
den Kopf emporgehaltenen kleinen
Spiegel, darin nie oder nur mit
schlechtem Gewissen sie sich selbst erblickte,
den weissen Greis weit vorn auf dem Thron
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte),
der die Menge französisch anspricht:

und sie jubelt 'wie schön er doch ist' und
trägt ihn, Raupe den Falter, dann auf die Strasse hinaus,
blind für die im Wechsel helle, im Wechsel erloschne Monstranz,
20 der die Reihen der Klosterschülerinnen von weitem
durch die Schwärme der Autoglühwürmer mit Kerzen
entgegenziehn, für den Neonring über jetzt lichten
Laternen um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder
die rote Hostie 'Motta' gelb werbend umkränzt:

25 Trägt ihn, bis dass sie, die Raupe,
eines sicheren Tags selbst ist ein glänzender Falter.

Datiert: 1954       )

Die Entführung

Den Falken, den er eben gekauft, an der Wange,
singt auf dem Verdeck der Knabe den Händlern,
die laut ihm jubeln und lauter, bis dass ihm wegreisst die Stimme
der Wind, die Rahe ihm schlägt ins gewendete Lachen
05 und er, tränenwirr rings auf die Hämischen blickend,
den Falken als Boten, dass er geraubt auf dem endlosen
Wasser gefangen, loslässt ans Ufer zum Vater.

Datiert: 1954       )

Die Harfe

Ueber dem wehenden Klang vergassen die Fischer
die Netze des Nachts und irrten dem Morgen entgegen,
der in der Barke die nun an dem matten
Knaben verstummte Harfe heranträgt.
05 Sie ziehn sie ans Ufer, tiefer als sonst vom Fang der Fische,
ermüdet von diesem Fang, der erst im Morgen verstummte.

Datiert: 1954       )

Die Oase

Hinein führt über die letzte glühende Düne
die Schlange den versengten Fuss in den Tau,
der ihn löscht, noch bevor zuinnerst dem Mund
unter dem Palmbaum die Quelle die mit der steigenden Sonne
05 immer kühlere Kühlung zustäubt: wo,
ihr geneigt, erwacht schon am ersten Tropfen die Lippe.

Datiert: 1954       )

Der Stein

Verborgen den Brüdern, im innern Gemach
den Stein zückt aus Fetzen der Bettler.
Und weinend führt der Vater ihn auf den Altan,
dem Volk zu zeigen den Sohn: es sieht ihn und jauchzt.
05 Doch tief unterm Strahl, den doppelt hinab
zückt der kräftige Stein, sich ducken die Brüder.

Datiert: 1954       )

Der süsse Quell

Du stürzest den Mund ins salzige Wasser,
das bittrer ihn als der Durst sengt.
Ehe du hörst ein Murmeln im Kies,
den Fuss dir scharrend benetzest.
05 Ehe du gräbst mit der Hand,
dass der Strahl dir hervorspringt. –
Laut rufst du, die mit den Wolken am Rand gehn:
Dass sie, wenn träge allein
weiterwandern die Wolken, ins Auge
10 empfangen den Strahl, der die Glut ihnen anfacht
und löscht auf der Scheide der Wüsten.

Datiert: 1954       )

Ankunft in der Oase

Wir sammeln das Harz, das die Myrrhenstämme herabrann.
Die Kamele schnupperten es weit in der Wüste,
darüber wegblickt die Palme, die nie sah der Oelbaum
der verschlossnen Oase: Wo nun sie schreiten hinein,
05 beladner als die Palme mit Datteln, als mit Oliven der Oelbaum,
mit der Myrrhen der Wüste würzigem Harz.

Datiert: 1954       )

Auf der Schaukel

Auf der Schaukel schaut der zottige Hund
stumm von unten mich an, stumm von oben und schüttelt das Haar.
Nur wenn er zuweilen dich sieht, blinde Frau,
die du sitzest verhüllt auf der Mauer des Brunnens,
05 dann jault er laut auf der Schaukel 
und wendet das Auge und schaut wieder von unten, wieder von oben
stumm mich an auf der Schaukel und schüttelt das Haar.

Datiert: 1954       )

Der Trunk

Als er vom Heerfeld, das lag durstoffenen Munds,
hinabkroch, fand er im Winkel des geborstenen Schluchtmunds
Wasser und bracht es dem, der noch aufrecht allein sass.
Der nahm und goss aus Freundeshänden den Helm
05 wenigen Wassers hinweg: richtete auf mit dem reichlichen Wasser,
das schnell verronnen im Staub, die Halme des Heerfelds.

Datiert: 1954       )

Das Haupt unterm Linnen

Auf der Flucht aus den Gassen der nächtlichen Stadt
trat ich ein in den Hof, wo rauschte die Ruhe
und auf dem Rand des Brunnens mitten in Blumen
ich das Haupt fand unterm Linnen.
05 Im Hof, wo rauschte die Ruhe allein in den Blumen,
jenseits der Gassen der Stadt, als aus der Nacht
mit tränenlos offenem Aug ich heimlich hineinfloh.

Datiert: 1954       )

Der Spiegel

Zum Kreis der Engel vom Grund der spiegelnden Vase
wölken die Dämpfe: der Talschlucht verwandter, verwundert
finden sich unten im Grund der spiegelnden Vase
von neuem die Engel, wo wölken die Dämpfe, verdunkelnd
05 das Bild der Engel, der hellen, die sich verwundert
verwandelt anschaun im Grund der spiegelnden Vase.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Beim Anzünden der Zigarette

Wenn du das Feuer
hinhältst der Dame, die
leicht zurückweicht, weil aus dem Wagen,
der plötzlich anhielt, der Fahrer
05 öffnet auf euch zu die Tür,
achtlos: trittst du,
Kaiser, ins Kloster
und findest enttäuscht
die Rosen alle gekappt,
10 bis dir nach wenigen
Schritten im Teehaus der Abt
zeigt, schweigend, die aufging am Morgen,
allein in der Vase die Rose:
wenn du der Dame, die leicht
15 zurückweicht, die Zigarette anzündest.

Sonntag, 21 November 1954       )

Beim Anzünden der Zigarette (Andere Fassung)

Wenn du der Dame
das Feuer hinhältst und sie
leicht zurückweicht, weil der Fahrer,
der plötzlich anhielt, die Tür
05 aus dem Wagen achtlos auf euch zu
öffnet: trittst du, Kaiser
ins Kloster und findest enttäuscht
alle Rosen gekappt,
bis dir nach wenigen Schritten
10 der Abt schweigend in einer Vase
im Teehaus die Rose zeigt, die
allein am Morgen aufging:
wenn du der Dame, die leicht
zurückweicht, die Zigarette anzündest.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Allegorie

In der 'Unruhe am Markt für Kühlschränke'
irrt der Löwe, zu suchen,
zu finden den Einsiedler, den toten,
zu suchen, zu finden die Stelle,
05 ihm mit der Klaue zu graben sein Grab.

In der 'Unruhe am Markt für Kühlschränke'
irrt der Geist, der Löwe, zu suchen,
zu finden den längst gestorbnen, verschollnen,
unter den Tritten zwar
10 zuweilen gespürten, mit Augen
aber längst nicht mehr gesehnen
Einsiedler hinter den Karren
der schreienden Weiber aus den
Dörfern ringsum, unter
15 den riesigen Schirmen und den
Zeltplanen, auf die
herabklatscht der Regen; in all der
'Unruhe am Markt für Kühlschränke' zu suchen,
zu finden die einzig genug entlegene Stelle, wo mit des
20 Gedankens abgestumpfter, schmerzender Klaue
er ihn für immer begrübe im unauffindbaren Grab.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Einfall

Auch ich hätte Kaiser von Japan werden können;
ich hätte – endlich – eine feste Anstellung gehabt,
und meine Liebe zum Prunk, zu aristokratischen Formen,
wie man häufig, heisst es, bei Bürgern von Republiken sie findet,
05 wäre voll auf ihre Rechnung gekommen;
auch hätte mich ganz einfach die Macht über so viele gelockt,
die Möglichkeit zu edlen und rühmlichen Entschlüssen.

Ich hätte Kaiser von Japan werden können, warum nicht?
Aber die Vorstellung, auf einmal in Bilderschrift schreiben
zu müssen 
10 (die, wenn ich recht verstehe, den Gedanken zwar und das Bild,
nicht den Sprechlaut festhält, so abstrakt ist sie),
widerstrebte meiner Trägheit,
der Wechsel aller Lebensgewohnheiten und
die Angst vor dem Unberechenbaren, ganz Fremden.

15 Und dazu die Pflichten der Repräsentation:
Die mir verböten, vielleicht,
hinüberzusehn, wie jetzt eben, in den Spiegel, worin
die rote Wand der Garage von jenseits der Strasse
nicht vermag den Regentag zu erhellen und die
20 Markise, die man offenbar hochzuziehen vergass,
nun düster über die Scheiben herabhängt
und trieft, eine tiefe Wiederholung der Wolken.

Die dort hinüberzusehn mir verböten vielleicht:
darum vor allem
25 zog ich schliesslich es vor, nicht Kaiser von Japan zu werden.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Römische Reklamen I / Forum

Ueber Vestalen,
fischvergoldet
aus grüblerischem Gewässer
widerblinkende, aufwärts
05 reisst den Blickvogel, der
vergeblich an Torsen sich klammert
das wendige Flugzeug, das
vom Turm von Santa Francesca
zu den Wipfeln des Palatin
10 – sodass, wenn das E es beginnt,
P schon anfing zu schmelzen –
mit Schlagrahm 'Persil' schreibt.

Der Blickvogel fällt auf das Buch,
darin er geglitten sonst vom Stern zu zwei Sternen,
15 stumpf zurück und lässt es dem Wärter,
der nach sechs Uhr es aufliest,
fängt sich und taumelt noch eben zur Bar
dort und erschreckt die andere Schrift,
die übers Sonnendach kriecht, 'Coca-Cola'.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Die heilige Katharina

Wenn die Taube,
bevor das Rufen der Männer
von der Müllabfuhr und das
Rasseln der Eimer
05 aufweckt den Schläfer, der,
senkrecht auf der Stirn eine Falte des Aergers,
sich umdreht mit Aechzen,
hochfliegt zum Turm in Alexandrien,
die gefangene Jungfrau zu nähren,
10 steht im Schlafrock die Freundin
auf dem kleinen Balkon und winkt
in den Hof dem Freund, der
aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt:
er gefällt ihr nicht anders im dunklen
15 Rock mit dem glänzenden Posthorn, als vorhin,
da er schlief und sie nochmals die
kleine Lampe mit dem Schirm aus
löchriger Seide andrehte und
aufsass im Bett und ihn ansah.

20 Wenn mit der Wäsche
auf dem Dach des Hotels gegenüber
fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück – // 02
grösser geflügelte Tauben,
schaut die Freundin verwundert hinauf,
25 eh sie hineingeht und ansieht
das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht
der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
eh sie hineingeht und hört
30 die Mülleimer rasseln und rufen die Männer,
indes im Zimmer daneben, senkrecht
auf der Stirn eine Falte des Aergers,
der Schläfer ächzend sich umdreht.

Eh sie vergisst der einen
35 Sekunde größer geflügelte
Engeltauben, die tragen den hellen
Leichnam der Jungfrau zur
Gipfelwolke des draussen
im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

Montag, 22 November 1954       )

Die heilige Katharina / (Andere Fassung)

Bevor das Rufen der Männer
von der Müllabfuhr und das
Rasseln der Eimer
den Schläfer aufweckt, der,
05 auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers,
sich mit Aechzen umdreht,
fliegt die Taube zum Turm,
um die gefangene Jungfrau zu nähren;
und die Freundin steht im Schlafrock
10 auf dem kleinen Balkon und winkt
dem Freund, der aufs Rad steigt
und eilig zurückwinkt, in den Hof:
er gefällt ihr im dunklen Rock
mit dem glänzenden Posthorn nicht anders, als vorhin,
15 da er schlief und sie die kleine
Lampe mit dem Schirm aus löchriger
Seide nochmals andrehte und
im Bett aufsass und ihn ansah.

Auf dem Dach des Hotels gegenüber
20 fliegen mit der Wäsche im Rauch
– man kocht eben das Frühstück fürs Personal –
grösser geflügelte Tauben;
und die Freundin schaut verwundert hinauf,
eh sie hineingeht und das leere,
25 zerwühlte Bett des Freundes ansieht im Licht
der kleinen Lampe, die jetzt bei offnen Gardinen
unterm Schirm aus löchriger Seite schon zu verzweifeln beginnt,
eh sie hineingeht und die Mülleimer
rasseln hört und die Männer rufen,
30 indes im Zimmer daneben der Schläfer, // 02
auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers,
sich mit Aechzen umdreht.

Eh sie die grösser geflügelten
Engeltauben der einen Sekunde
35 vergisst, die draussen im Dunst den
hellen Leichnam der Jungfrau
zur Gipfelwolke des Grabmals tragen.

Samstag, 23 Oktober 1954       )

Die Sirenen

Wie als sie ans Ufer
schon geworfen die Taue
und einer gar schwamm hinüber,

wächst aus dem Mund des einen Matrosen
05 in der andern Gejohl, welche die Strasse vom Hafen
ziehn zum kleinen Bahnhof mit den Kartuschen und der
Göttin aus schmutzigem Stuck, die emporhebt,
bedeutend, ein geflügeltes Rad,
überm Eingang zur Seilbahn – während
10 der Saison im Herbst und im Frühling
klimmt sie alle Halbstunden zur Höhe des Burgbergs
mit dem Kastell, das heute Museum – :

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
mitten in der andern Gejohl, die,
15 eingehängt girrenden Mädchen zur Rechten und Linken,
in Achterreihen die breite Strasse hinaufziehn,
wo vom Gehsteig werfen die Kinder, die Mütter
Blumen, unter die Schulterstücke von den einen
gesteckte, von den andern, zu viel sinds,
20 zertretne; die Männer aber, gedrückt
an den Rand in den Autos, drehn nieder
die Scheiben und schwenken Hände und Hüte: // 02

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
der Liedbaum jetzt über das Stampfen, das lautere Johlen
25 – : der Strassenbahnzug hält an der
Querstrasse keifend, gebremst vom
Gedräng der Blumen und Kinder,
der Mütter und Hände und Hüte und Autos – :

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
30 auf einmal jetzt der Liedbaum, verschränkt
sich dicht in die Krone oben des Lieds im
Schiff vor der Insel, wo sie die Taue
schon ans Ufer geworfen und einer
gar schwamm hinüber,
35 in die Krone des Lieds, das vom Hauptmast
so mächtig hinaufwuchs, dass
sank unterm Schatten der Liedbusch,
der, duftend von Blüten, sie hinzog zur Insel.

Desselben Liedbaums,
40 der die Göttin aus schmutzigem Stuck, die klimmende Bahn 
mit dem Burgberg, 
einen Augenblick gar der Fremden Geschwätzkraut im Kastell,
das heute Museum, 
gedoppelt jetzt überschattet.

Montag, 22 November 1954       )

Die Sirenen / (Andere Fassung)

Wie als sie die Taue
schon ans Ufer geworfen hatten
und einer sogar hinüberschwamm,

wächst aus dem Mund des einen Matrosen
05 im Gejohl der andern, die die Strasse vom Hafen 
ziehn zum kleinen Bahnhof mit den Kartuschen und der
Göttin aus schmutzigem Stuck, die
ein geflügeltes Rad bedeutend emporhebt
überm Eingang zur Seilbahn – während
10 der Saison im Herbst und im Frühling
klimmt sie alle Halbstunden zur Höhe des Burgbergs
mit dem Kastell, das heute Museum ist – :

wächst aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
mitten im Gejohl der andern, die, 
15 girrenden Mädchen rechts und links eingehängt,
in Achterreihen die breite Strasse hinaufziehn,
wo vom Gehsteig die Kinder und Mütter Blumen
werfen: unter die Schulterstücke stecken sie schnell
die einen, die andern, zu viel sinds,
20 zertreten sie; die Männer aber, an den Rand
gedrückt in den Autos, drehn nieder
die Scheiben und schwenken Hände und Hüte:

wächst jetzt aus Harmonika und Mund des einen Matrosen
über das Stampfen, das lautere Johlen der Liedbaum
25 – : der Strassenbahnzug hält keifend
an der Querstrasse, vom Gedräng der
Blumen und Kinder,
der Mütter und Hände und Autos gebremst – :

wächst jetzt auf einmal aus Harmonika und Mund des einen //
30 Matrosen der Liedbaum, verschränkt
sich oben dicht in die Krone des Lieds im
Schiff vor der Insel, wo sie die Taue
schon ans Ufer geworfen hatten und einer
sogar hinüberschwamm,
35 in die Krone des Lieds, das vom Hauptmast
so mächtig hinaufwuchs, dass
unterm Schatten der Liedbusch sank, 
der sie, duftend von Blüten, zur Insel hinzog.

Desselben Liedbaums,
40 der jetzt die Göttin aus schmutzigem Stuck, die klimmende Bahn mit
dem Burgberg, 
eine Sekunde sogar das Geschwätzkraut der Fremden im Kastell, das
heute Museum ist,  
doppelt beschattet.

Datiert: 1954       )

Tag und Nacht

Den Tag in der Steppe kühlt mehr als der Quell unter Eichen
das Lachen des Mädchens dem Burschen entgegen, der,
gelehnt an die Tür, schaut, kauend Kerne des Mohns,
durch geschlossene Lider. 
Die Nacht, wo sieden die Flöten und kochen die Tamburine
05 empor ums finstere Stampfen der Mädchen und Burschen, kühlt
tiefer 
der überquellende Schein der einzigen Lampe
im Schiff der Kammer abseits, das schwimmt auf dem Brodeln.

Datiert: 1954       )

Die Versuchung

Mädchen, hör auf,
aus dem Nachtwald zu rufen, zu klopfen an meine Tür:
zum Bett uns schon hab ich den Mantel
auf die durchwühlte, geweckte Herdglut gebreitet;
05 komm, leg dich, wo vor Wölfen der Waldnacht
mein Arm dich und sichrer vor Kälte die rings
aufflammende schützt, die unter uns glühende Kohle.

Datiert: 1954       )

Der Ringtanz

Dein Schreien, Mädchen, erlischt,
ertrinkt im Singen der Tänzer,
die aus der Lichtung des Monds,
wenn am Ende des Fests
05 von den Rändern das Licht kommt,
dich spülen ins Grab:
enger der rasenden Bienen
kreist das Gewimmel, den Hügel
häuft es, zuletzt
10 ins Dickicht zerrinnt es.

Datiert: 1954       )

Das Kind im Fisch

Als es in der Knospe nicht,
die heranschwamm in der Nacht,
sass, und als sie spät, erstaunt,
aus des auf den Sand gespülten
05 Fischs geborstnem Bauch es lösten,
dass vom Leichenschleim die Weiber
rein es wüschen – schiebt sie jäh
weg das Kind und geht voran
stadtwärts, ohne umzuschaun.
Datiert: 1954       )

Lied aus der Wiege

Aus der Wiege sang das Kind
früh vom Vogel, der ein Ei
warf, draus Lamm und Löwe sprangen,
während von der Zeder jetzt,
05 die noch über Bergesgipfel
wuchs, der Vogel schaukelnd eine
Feder sachte sinken liess,
dass sie Lamm und Löwe necke,
die schon kosten um die Wiege,
10 draus das Neugeborene sang.

Datiert: 1954       )

Der gebrochene Zauber

Eben noch flatternd
fiel ich hin auf das Sims,
das viel zu schmale, und krallte
mich an den Pfosten, indes du
05 hinabstiegst und lächelnd mir reichtest die Leiter.
Half mir auch nicht der Flug
als Sperling wider die Scheibe?:
Du schautest mich an, und ich war
derselbe, der dich schon lang
10 alltäglich bedrängte, allnächtlich, indes du
– leise, dass nicht knarre die Stiege –
hinabstiegst und lächelnd – den Finger gelegt auf den Mund,
dass ich nicht wecke das Haus –
mir reichtest die Leiter.

Datiert: 1954       )

Die gefundene Tochter

Nun erst, wo sie lächelt
und ausstreckt die Hand, die sie früher
ausstreckte oft nach dem Ball, den aus dem
Fenster ihr zuwarf der Vater, erkennt er,
05 die floh am Tag ihrer Hochzeit, die Tochter
im Mönch, mit dem, damit er ihn tröste, er lebte Kammer an Kammer:
Ins Schweigen begräbt er den Toten.
Doch wenn mit gesenktem
Gesicht er ging bisher, so grüssen
10 aus der erledigten Kammer fortan die Brüder
Augen, erhobne.

Datiert: 1954       )

Die drei Kammern

Schleich ich hinaus in die Hütte an der Grenze des Dorfs,
dass mir der Gruss des Bruders am Morgen nicht schrecke,
die vom Frühlicht schon ängstlich, die Taube;

steig ich hinauf in die Höhle über dem Wasser im Fels,
05 dass mir das Lied des Fährmanns am Mittag nicht schrecke,
die vom einzigen Tropfstrahl schon ängstlich, die Taube;

grab ich mich ein in die Steppe jenseits des Tals,
dass mir das Zirpen der Grille am Abend nicht schrecke,
die von der Mondspur schon ängstlich, die Taube:

10 klagen am Tag und klagen zur Nacht die Schakale
in das verschüttete Grab: wohin floh, wohin meine Taube?

Datiert: 1954       )

Ballmorgen

Den von der Wand hängend hinabgeglittenen Schleier
reisst springend der Tänzer an sich und entblösst und
blendet sogar den Winkel mit den halbleeren Gläsern,
Haufen von Asche und Stummeln. Doch aus dem Winkel
05 und von der Wand entwendet dem welkenden Springer,
zieht ganz den schweren Schleier hinüber das kleine
hinter Gardinen eben furchtsam erdämmernde Fenster.

Datiert: 1954       )

Mittag

Im Kaffee an der Ecke
taucht der Lesende auf aus des Zeitungsriffs Spalten,
wo die Kältetechniker und
bilanzsicheren Buchhalter sitzen,
05 gleitet über das griechische Beben und jetzt
draussen schon – wo von der Brücke her sich
der vieltönige Summpfeil bohrt in den stockenden
Wirbel kleiner schreck-
hupender Wagen: Schulautobus
10 voller Kinder, die vom geduldigen
Lehrergesicht mit seinen Fragen
endlich befreit sind – draussen
vorbei schon am stur klingelnden Burschen
mit dem Korb voller Brote am Rücken,
15 am Wagenkäfer, der, das Nähmaschinengeschwür
auf der glänzenden Decke, eben rechts nach der Allee hin entrinnt:
Springt mit Auge und Ohr, auch von der
weiss beweglichen Schutzmannpuppe
nicht eine Sekunde gestört,
20 in den Fahrjubel der Kinder, der
mitten zerriss die beutegedunsene Spinne des Platzes,
kopfüber hinein.

Datiert: 1954       )

Augenblick

Vom Tisch, wo sie den Freundinnen rühmte
das Flugzeug, das aus Detroit
– in Michigan liegt es, einem Land in den Staaten wie
Schwaben in Deutschland – 
sie brachte, die Kinder Barbara und Christofer
05 den Eltern zu zeigen,
warf sie hinüber zu ihm die beweglichen Augen,
den Kopf und die Hand mit den Ringen
schnell regend, immer noch wie
damals, als er im Garten des August
10 hinabsprach aus dem Netz,
das sie von unten spielerisch anstiess;
nur sprach, damit sie
schlüge ihm auf die dunkel beweglichen Augen
und rege den Kopf und die schnelle Hand ohne Ringe.
15 Wie sie jetzt aufschlug und regte da drüben
über Detroit und über dem Flugzeug nach Schwaben
und ihn nicht erkannte:
Der aufstand und, verstört, fast zu bezahlen vergass,
weil er nicht länger ertrug, zurückzuschaun
20 auf das wiegende Nachtgartennetz des August.

Datiert: 1954       )

Faule Frucht

Laufen die Leute heraus und,
beschwerlich schon, im siebten Monat die Frau
mit den Zwillingen im Wagen,
aus der Frucht faulig stinkendem Fleisch
05 flüchtend, vorbei am Wurm, der langsam hinterher kriecht,
in den strömenden Regen der Brücke hinüber zum Bahnhof,
wenn zwischen fast ganz schon vorgezogenen Wolken
die Sonne nochmals hervorfällt und ihr zu der Wurm
wendet den Kopf, den blinden, vom Rand
10 der offnen und nun entleerten,
im Sonnenregen glänzenden Faulfrucht.

Typoskripte 1954 (alph.)
(Total: 33 )
Typoskripte 1954 (Folge)
(Total: 33 )
Suchen: Typoskripte 1954