Hochdeutsche Gedichte 1985

abgewandt klein

(= Abgewandt Zugewandt — Erster Teil)

Titel: Abgewandt Zugewandt / Neue Gedichte / Hochdeutsch und Luzerner Alemannisch / Mit einem Nachwort über das schweizerische Sprachdilemma
Verlag: Ammann Verlag AG, Zürich (1985)
Druck: Benziger AG, Einsiedeln
Inhalt: 52 hochdeutsche Gedichte (+ 36 Mundart-Gedichte + Essay)
Textträger: Broschiertes Bändchen mit Umschlag-Porträt, Spaltentexten, 128 Ss;
S. 5-61 Hochdeutsche Gedichte; S. 63-102 Alemannische Gedichte

Vorstufen: Notizbuch 1980-1988, Manuskripte 1979-1983
Kommentar: Beschreibung; vgl. auch Raebers Typoskript Zur Entstehung

      )

Beschwörung / I

Aber wir wollten eine
Kugel machen zusammen
geschlossen spiegelnd
und glatt außen woran
05 der Regen abliefe die Blitze
abprallten und wenn sie zu Boden
fiele rollte sie
unverletzt einfach davon.

Innen aber da wären
10 Gärten mit Brunnen mit Beeten
voller Rosen da wären
weiche Wiesen und Berge
blau wie von Bassano
und Wälder vor allem
15 Wälder das Unter-
holz undurchdringlich.

Inwendige Wildnis für dich
und für mich inwendige Zuflucht
eine Kugel
20 für dich und für mich
wollten wir machen.

      )

Beschwörung / II

Warm und mächtig
sanft
unaufhaltsam getragen
hinaus und ohne zu wissen
05 gib dich ergib dich
getragen hinaus
und keine
Küste und kein
Gebirge dahinter
10 aber das Rauschen die Fahrt
getragen hinaus
ohne Ruder und ohne
Steuer gib dich
der Woge und ohne
15 getragen hinaus
zu wissen
ergib dich.

      )

Beschwörung / III

Gegen-
steuern gegen
die Strömung und immer
schneller der Sog der
05 purpurne Wirbel und die
Gerippe der Schiffe und die
geborstenen Kisten verstreut
begraben im Schlamm die
Münzen der Dogen die
10 glucksende Kälte
gegen-
steuern gegen
den Löwen geflügelt
unwiderstehlich.

      )

Beschwörung / IV

Keine Regung
drinnen du hörst
nichts vom Getümmel
draußen vom Lärm im
05 Schatten des Baums die
Stille für dich
drinnen
Stille für mich.

      )

Beschwörung / V

Bäume die letzten
am Rand und drinnen
der Dornbusch anzu-
kommen und zu
05 verbrennen und Asche und eins
mit dem Sand die Begierde.

Aber der Sumpfwald nachher
aber
die Klagen der Vögel.

      )

Eingeschlossen

Heraus
genommen
heraus
geschnitten
05 heraus
gerissen aus deiner
Brust und fort
getragen weitab
weitab und blutend
10 abgetrennt von seiner Wurzel
in die Kapsel aus Silber
eingeschlossen
und in den Pfeiler
eingemauert

15 eingeschlossen
dein Herz.

      )

Alles hinab

Alles hinab
alles über den Staudamm
hinab die
Löffel die Gabeln der Suppen-
05 topf und die Teller alles
alles hinab die Puppen die
Bären die Eisenbahn und der
Plüschelefant
alles hinab die
10 Hose die Jacke die Schuhe
alles alles
über den Staudamm hinab die
Stühle die Tische die
Betten alles
15 alles hinab und in den
Sturz des Wassers
hinab und am Ende
hinab du und ich hinterher:
wie das zusammen wie das
20 über dir über mir
zusammen und unten
die Stille die Stille der Fisch
stehend mit offenen Augen mit
leuchtenden Augen im Dunkel
25 betrachtend uns beide.

      )

Am Ende

Und am Ende
weichen die Wände nach beiden
Seiten gleißend
die See und still und
keine Grenze nirgendwo nirgends es sei denn
05 der Strich der den Himmel
scheidet die Dünste
blindlings scheidet vom riesigen
silbernen Teller.

      )

Draußen

Draußen weit draußen
das Wrack die
ölige Lache. Der Sturm erst
bringt wieder die schwarzen
05 Kadaver die qualvoll
draußen weit draußen
qualvoll
verendeten Vögel.

      )

Einsicht

Versunken im Schneematsch die nassen
Füße. Das Eisbrett
von der Schmelze vergessen.
Höhere Einsicht.

      )

Halde

Die dürren
Blätter Gefieder
zerzaust und
schillernd die leeren
05 Augen der Mittag
aber trotzig mit hundert
blitzenden Rudern
weicht
nicht von der Stelle.

      )

Lichtung

Die Lichtung wieder
verwachsen verschlammt
der Weiher keine
Pfähle kein Steg und kein Mond mehr
05 sichelscharf mitten
drin in der Wunde.

      )

Grabmal

Aufgeschlagen der Vorhang
die Last des
Porphyrs auf dem
Genick dem
05 Bogen der Klinge. Die Löcher
der Augen saugend
und vor dem Eingang
erhoben die Sanduhr.

      )

Aquädukt

Geschrei von den Mauer-
kanten herunter
und Anflug und Abflug die Sträucher
jählings duftend
05 die Tümpel um die
Pfeiler wie Weiher das Glucksen
der Sümpfe
Geschrei

      )

Einblick

Der Kopf in der Nische
zertrümmert und
die blutigen Binden.
Der Zug der
05 träge
kriechenden Käfer.
Von weitem mit langen
Pausen dazwischen
das Echo
10 der Tropfen im Ausguß.

      )

Pfeile

Einen nach dem
andern heraus
gezogen und auf-
gestapelt unter dem
05 Segel die Spitzen
getrocknet im leisen
Wind die vor der
Zeit beschwichtigte Blutung.

      )

Nebel

Weiße o weiße
Schwaden wieder herein
geweht und von den
Wipfeln gefangen
05 schwebende weiße o weiße
Schwaden des Nebels
gefoltert beraubt
Tropfen die Tropfen
o weiße

      )

Fluß im Gewitter

Und das Glitzern weit
unten weit wie
könnte es oben die Schwaden
erhellen und innen
05 stillen inmitten
die wütende Drehung?

      )

Und ohne

Die Welle die Welle
das Haus
zerbrochen das Kleid
zerrissen die Sieben
05 Schwerter im Herzen
und dennoch
kein Tropfen verschlossen
die Welle die Welle
und ohne
10 Kraft die Begierde.

      )

Aber hinaus

Aber hinaus ins
Wasser gegangen
und weiter und nach den
Kieseln der Sand
05 und weiter
draußen der Schlamm und
weiter und tiefer
draußen weich um die Füße und kein
Knirschen mehr und kein
10 Klirren nur noch
Glucksen immer
wieder die gleichen
vagen Gedanken

      )

Kennst du nicht?

Kennst du nicht die
Straße die Flocken
im Nebel
und nach dem Durchschlupf
05 hinter der Hecke jäh
den Geruch der Wildnis
kennst du ihn nicht und dahinter
den Streifen Sand und
aufgelaufen im seichten
10 Wasser das Wrack und
ohne Fenster und leer
geräumt und
ohne Türen?

      )

Das Idol

Abgewetzt
von den Küssen gestürzt
vergessen verkauft und
fortgebracht übers Wasser verworfen
05 geschmolzen im Stadtbrand und wieder
vergessen und dann
der eine der andre
im zufällig auf-
gebrochenen Graben der eine
10 der andre vom goldenen Mantel
unter Kakerlaken unter
gelblichen Maden
golden der eine gefunden
golden der andere Faden.

      )

Rätsel

Oder droben auf der
weißen Fläche über
dem steigenden Wasser
wenn nun ein Windstoß
05 die Wolken die Wolken zerrisse
oder der Blitz zerschnitte
die Schwaden der Blitz
einen Augenblick alles
bedeutend beglänzt einen Augenblick
10 alles im Nebel
oder droben wer weiß auf der weißen
Fläche oder über dem steigenden
Wasser wer weiß?

      )

Meerkrebs

Vom Rand des Tümpels
wenn er drüben das blaue
Segel über dem blauen
Meer unter dem blauen
05 Himmel sähe
was täte
der Krebs vor der dreifachen Bläue?

Aber der Grund
des Tümpels die Rückkehr
10 nicht zu vermeiden.

      )

Jenseits

Jenseits der schwärzlichen
Moore hinter dem trocknen
Gestrüpp dem breiten
Kiesband am Ufer
05 jenseits der windigen
Hänge mit den Baracken
jenseits der Schluchten voller
Skelette jenseits der lecken
Boote der Stürme der Schiff-
10 brüche der wunder-
baren Errettungen jenseits
jenseits der warmen
Golfe der verwunschenen
Inseln jenseits des äußersten
15 Saums und des letzten des aller-
letzten Augenblicks
jenseits

      )

Stilleben

Und das zersprungene Ei das
brennende Haus und das Taxi
mit der Leiche im Fond die
Schnecken auf der
Stirn und der Wange
05 auf der Mole die Rippen
des Schiffs am Strand die
toten Vögel schwarz
verschmiert die Gebeine
im kristallenen Sarg
10 in Gold und in Perlen gefaßt be-
krönt mit Rubinen die Blumen
gelb der Ginster und der
Frauenschuh purpurn der Rauch
aus den Schloten geduckt
15 über den Dächern der Hund
in der Kuhle verendet die Lokomotive
rostig auf den verwachsenen Schienen der Engel
mit dem gezückten
Schwert auf dem Gipfel
20 des Grabmals die aufge-
rissene Brust mit dem flammenden
Herzen der Wind
hart und sandig von den
Dünen herüber die Blumen
25 Eisenhut und Drachenkamm unter
Disteln verborgen die prallen
Stengel und aus der
Wolkenmanschette
die Hand mit der Rose

      )

Wenn es käme

Wenn es käme
wenn es nochmals
käme über den Weiher der Mastbaum
namenlos aufge-
05 richtet am Bug und das schwarze
Laken am Heck
das Gerüst und die große
Glocke die Balken
ächzend wenn es heran-
10 käme nochmals als ob
es keiner bewegte
und unter den tropfenden
Steinen heran-
käme und auf die Lücke
15 zuführe und durch die Lücke
diesmal hinaus-
führe und sich im weißen im weit
aufgerissenen Rachen
diesmal draußen verlöre

      )

Abgewandt zugewandt

Abgewandt von den
Häusern den
staubigen Bäumen
dem Platz mit den
05 kantigen Steinen
abgewandt von den
Laken die von den Seilen herab
hängen der Schweiß der
Nächte darin die
10 Todesangst und das
Gestöhn wenn der Morgen
herankommt
zugewandt mit dem
Gesicht den Felsen den
15 Klippen ins Meer
in den Spalten
wenige Blüten
aber blau aber rot
das Tor vor der Flut
gleich wieder verschlossen
20 zugewandt dem
Strand mit den Kieseln den leeren
Gräbern im Steilhang
dem Flügel der lautlos heran
gleitet und alles
25 zudeckt den Schimmer
auslöscht die
bleierne Platte
den Duft von
versteinerten Blumen
30 hin und her // 035
irrend darüber
abgewandt von den
Häusern dem
Staub und den Straßen
35 zugewandt dem offenen
Tor unterm über-
hängenden Felsen
Erwartung.

      )

Spritzer

Die Spritzer auf dem
Spiegel die Krümel
auf dem abgegessenen
Tisch keine
05 Botschaft die
Knochen im Eimer
nicht einmal eine
Drohung im halb
geöffneten Fenster vier
10 Monate schon dauert der Winter der
Kanal im Dunst
im vereisten
Tümpel keine Botschaft und erst
recht keine Drohung der Fuß
15 nicht einmal auf die erste
Stufe gesetzt der
Sog des Kellers und ange-
kündigt von Käfern
schwarz aber und glänzend
20 das Leder der Bank im
knarrenden Aufzug und auf dem
Spiegel die Spritzer

      )

Punischer Krieg

Einer
hinter dem andern und tief
in den Nebel die
niedrigen Hügel und dann das
05 Flattern darüber im
Regen das
Flattern im Schnee doch schon um die nächste
Biegung die hohen
Stapel am Wasser die vielen
10 Galeeren eine
hinter der andern die Einfahrt
versperrt Elefanten
draußen gefangen die
wütenden Rüssel und um die
15 nächste Biegung wieder
die Hügel der Nebel
wieder das Flattern
im Regen im Schnee in allen
Wänden die Lücken erschüttert
20 vom Ton der Trompeten.

      )

Falter verlassen

Für Karl Rössing

Barfuß barhaupt die Welt
verlassen der Falter in der
Höhle gefangen und das
Poltern der Brocken
05 barfuß barhaupt die Welt
verlassen der leichte
Falter aber
eingesperrt aber
gefangen und das
10 Poltern der Brocken
barfuß barhaupt die Welt
verlassen und einge-
sperrt und gefangen
in der Höhle verrammelt
15 der dunkle der leichte
Falter
verlassen verlassen.

      )

Stadtnacht

Aus der Mitte lauf
durch die Alleen hinaus
lauf und halt nicht an am
aufgelassenen Friedhof
05 tritt nicht durch die enge
Pforte steig nicht
in das Beingewölbe
hinunter Geruch der
Pfützen säuerlich süßlich
10 durchtränkt die
Papiertaschentücher
an der Ampel
oben ein Quietschen ein
Wagen hält und
15 halt nicht lauf weiter
über die Brücke die
Mitte Widerschein hell am bewölkten
Himmel die Ab-
geschiednen gelehnt
20 an die Bäume halt nicht
halt nicht und lauf
zurück über
die andere Brücke
durch das Tor ohne
25 Flügel kein Eingang
kein Ausgang zurück
halt nicht halt nicht
lauf
in die Mumie gleißend und
30 nicht zu erwecken
hinein in die Mitte.

      )

New York / I

Was für Blumen was
für Blätter weg-
geworfen die Stengel
schwarz und zertreten
05 die Zypresse
über den Bäumen und über
Pylonen die
Pyramide.
Oder die Wüste kristallen
10 glänzend geschliffen Beschwörung
des Todes Zau-
bergeste gegen den leeren
Himmel erhoben ohne
Trost ohne Tränen
15 Kartenhaus immer
vertrackter immer
höher gebaut einge-
stürzt und abge-
rissen und unermüdlich
20 wieder begonnen zwischen den beiden
Flüssen des Paradieses zusammen-
gebraut aus tausend
Geräuschen. Da liegt
der totgesagte der
25 haarige Riese immer noch
schau nur im Gras und hält die
Muschel ans Ohr lauschend
und lacht.

      )

New York / II

Wolkenkratzer als neue
Leiber für
die Senatoren Venedigs ab-
gerissen im Aufbau und wieder
05 errichtet endlos
die Prozessionen
der Skarabäen
der Pharaonen die Häute
schuppig und bunt
10 im Dickicht der Tempel
allein auf der Lichtung
Prozessionen
und die Opferung auf dem
blutigen Altar verwischt
15 überwuchert und jetzt
die Avenuen vereist
die Bäume
schwarz ohne Blätter
Prozessionen
20 von überall her
nirgendwo
ein Grab ein Gehäuse mit einem
Kraut einem Knochen
einem abgerissenen Fetzen
25 heiligen Linnens.

Für Christiane Zimmer

Uptown Flügel schleift
Downtown hinunter die Federn
der Flaum verklebt von Teer und Kot
die Avenue
05 Uptown Downtown vom Eiswind
gerissen hinunter die Federn
schmutzig der Flaum
verklebt und schmutzig von Teer
und schmutzig von Kot der Flügel Türkis-
10 flügel jetzund nicht mehr
Uptown schleift
abgerissen vom Eiswind im Schnee von der letzten
Woche Downtown hinunter der schöne
Flügel Türkis-
15 flügel jetzund nicht mehr die Federn
schwer und schmutzig verklebt von
Teer und von Kot verklebt
und schwer und schmutzig der Flaum
schleift im Schnee von der letzten
20 Woche schwärzlich
liegen geblieben
Uptown die Avenue
Downtown hinunter Türkis-
flügel jetzund Woche nicht mehr
25 schwärzlich verklebt und schwer und
schmutzig liegen geblieben die Federn
der Flaum ab-
Uptown gerissen vom Eiswind der Flügel die Sechste
Downtown der schöne
30 Downtown hinunter
Türkis

      )

New York / IV

Saugen
langsam inständig
saugen unab-
lässig saugen ohne
05 je zu erlahmen mit ganzer
Seele saugen nur
saugen
angesogen heran
gesogen nahe immer
10 näher heran
gesogen und
näher und näher
heran und voll
gesogen und
15 voller und voller
gesogen einge-
sogen herein immer
tiefer herein gesogen und
tiefer und tiefer
20 herein und aus-
gesogen und immer
mehr ausgesogen ganz
ausgesogen leer
bis zur Neige gesogen.

      )

New York / V

Häute von den
Wänden hängende
Häute abge-
schälte abge-
05 zogene Häute
überall von allen
Wänden herunter
hängende Häute vom
Blut vom Fleisch von den Knochen
10 befreite reine
gereinigte Häute
an Nägeln an reinen
gereinigten Köpfen
der Nägel herunter
15 hängende Häute
von den säuberlich in den
geputzten in den geschrubbten
Wänden von allem
Schmutz gesäuberten Nägeln
20 von den blitzenden Köpfen der Nägel
reinlich verteilt über die peinlich
gereinigten Wände herunter
hängende Häute.

      )

New York / VI

Wärst du nur hinten
in der Schlange geblieben und hättest
dich nicht nach vorn ge-
drängelt sie hätten
05 dich noch früh genug
an die unterste Stufe der Treppe
geschoben sie hätten
dich noch früh genug die Treppe
Stufe für Stufe hinauf
10 gestoßen sie hätten
dich noch früh genug
auf der obersten Stufe der Treppe
festgehalten sie hätten
dich noch früh genug
15 nicht mehr zurück
nie mehr hinunter gelassen
sie hätten

      )

Rom / I

Bis hoch hinauf das
Geröll die Schwärme
der Tauben die Hündin
alt mit hängenden Zitzen
05 das brünstige
Zucken der Zunge Geruch
noch immer
scharf zwischen den Steinen.

      )

Rom / II

Der Schatten
plötzlich auf dem entleerten
Platz. Die Asche
unter dem Rost die
05 eingetrockneten Tropfen
Erinnerung an die
irdische an die
himmlische Liebe ein Schwirren
bald näher bald ferner. Das Rad
10 dreht sich im Regen.

Der Staub der
Wind die
Wirbel im Tor der
riesigen roten
05 Mauer
und drinnen die Becken
vertrocknet Gelächter
Gejauchz in den Bögen verloren
der Kot
10 der Vögel und die Umarmung
später
verspätet im Wagen.

      )

Rom / IV

Und ein Gedanke
lange
schwebend und
unergossen ein Schatten
05 unentschlossen dahin
fahrend über die Gärten die Dächer
schaukelnd und dann die
Böe jäh die
Regenentschließung.

      )

Rom / V

Der Sturmwind vom Palatin
herüber und dann
der Regen man braucht keinen Kuchen
mehr bei Giolitti zu kaufen nur einfach
05 hinunterspringen vom Dach und
über den Böen leise
und weich hinweg
über die Kuppeln weich
und leise hinweg
10 über die Plätze und wenn
die Motociclette dort unten
vor der Maddalena noch
so laut hupen und wenn
die Stimme dort unten
15 am Pantheon noch so
schrill kreischt
o Taumel
Glück der Entrückung.

Und dann das Becken
ausgelaufen das warme
das kalte Wasser nicht einmal ein toter
Fisch der Wärter im dunklen
05 Anzug und niemals im warmen
niemals im kalten Wasser gebadet doch gegen
den Regen eine zusammen-
gefaltete Zeitung.

      )

Rom / VII

Düfte von nie
gerochenen Blumen die Lüfte
dicht zu Gewölk und
dichter geronnen die Knochen
05 aus den Binden heraus
und davon
geschwemmt von der Schlammflut.

Unter den Mauern
sagst du unter den Wurzeln
sollten wir suchen den Einstieg
in das Gewölbe:
05 Die Nischen dort unten die Wände
tropfend das sei
eher nach unserem Herzen.

Das Heulen aber der Hupen
der Widerhall von den Mauern
10 vom Gewölbe dort unten und aus den
Nischen und von den Wänden
tropfend unter den Wurzeln
was sagst du?

      )

Rom / IX / Via Appia

Das Grab
begraben unter
Gestrüpp der Wagen
ächzt die Brüste
05 versickern
glitschige Stufen
gestillt die
Schattengewächse.

      )

Escorial / I

In die Säle hinein
in die Zimmer durch alle
Gänge Wider-
hall deiner Schritte innen
05 zuinnerst die Zelle
der Rost und die Kohlen 
darunter Geruch von verbranntem
Fleisch
und dann zurück durch die Säle
10 die Zimmer durch alle
Gänge Wider-
hall deiner Schritte hinaus
ins Freie die Weite
winzige Falter und weiß
15 über den Büschen. 

      )

Escorial / II

Oder unten durch die
Keller und durch die Grüfte die feuchten
Kutten in Fetzen
zerfallend in Fäden Partikel
05 farblos und muffig
riechend und in den Kapuzen
quiekende Mäuse und vorn
am Ende die Kästen mit schweren
Deckeln versunken
10 im Schutt doch im ängstlichen
Licht die Windung der Treppe und oben
von neuem die Weite
winzige Falter und weiß
über den Büschen.

      )

Escorial / III

Oder von Turm zu Turm von einem
Giebel zum andern der Schall
der Glocken als käme
der Richter am Himmel und nicht
05 eine einzige Wolke die weißen
Kaninchen und weit
entfernt sich zu fürchten am Fuß
der bebenden Kuppel
mampfend und in den Augen
10  Neugier blinkend sie sind
bestimmt für das Nachtmahl.

Von Wien
stieg er auf und über
dem Schwarzwald erschien er
als einheimischer Vogel und doch
05 war es vermutlich im persischen Hochland wo er
ausschlüpfte aus dem
Ei aber das ist
zu lange her über
Frankfurt steht er
10 seit einem halben Jahrtausend
von Zeit zu Zeit immer wieder und manche
behaupten sogar er habe
eine zeitlang zwei Köpfe gehabt ein Fabel-
tier sei er damals gewesen doch seither
15 ist er ein einfacher
Vogel nun schon
lange allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
20 kratzern sein altes
Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem fernen
25 Zwinger hergeflogen da fällt
eine Feder und dort
eine Feder herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten ihn neulich
30 im Nordosten auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiß-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her daß er über den Toren der freien
35 Städte aus goldenen Tellern
fraß und von Castel del Monte die Flotten
der Sarazenen die Segel
mit dem geflügelten Löwen erspähte daß er in der
Höhle
40 am Palatin hauste bequem
und gefürchtet noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht mehr
45 halten können schon bald
hat er alle Federn verloren man wischt sie
jeweils morgens um fünf Uhr
an der Konstabler-
wache zusammen er fällt
50 wenn er Glück hat am Römer
herunter ein kahles
ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container.

Nicht der von 1789 in Paris
der von 1794 in Frankfurt am Main der
vierzehnte Juli Goethe
war weit fort in Weimar die Frau
05 Rat lebte immer noch beide
hatten keinen Sinn für das was da
vorging als der grämliche
Franz von Toskana als Letzter
die Römische Krone empfing
10 Sakrament und Beschwörung
magischen Ordnung voraus-
weisend auf das universale
Reich des ewigen Friedens das es
bis heute nicht gibt und auch der
15 Völkerbund und die Vereinten
Nationen sind erst
Voranzeigen weniger sinnen-
fällig als der lange
Flug des Adlers vom Nil bis zum Main aber dafür
20 schon allgemeiner die Krone
die heilige Lanze waren für Goethe
und für die Frau Rat nur
Antiquitäten das All-
gemeine gab es für sie nur als eine
25 moralische Übereinkunft der Menschen das Reich
war ein Überbleibsel
der mittleren Zeit und die Krönung des Kaisers
ein gemütliches Schauspiel aus der // 061
Heimatgeschichte was ist es
30 da zu verwundern daß die
Söhne und Enkel den Frankfurter vierzehnten Juli über
dem Pariser vergassen und aus dem
Reich einen weiteren
Panzerwagen machten unter den vielen
35 Panzerwägen alle plombiert und einander
bedrängend zerquetschend auf der
schmalen Straße zur Welt-
macht und zum Reichtum die Doppel-
krone des Oberen und des
40 Unteren Reichs kommt ins
Museum der Horus-
falke in den Zoologischen Garten der wahrhaft
sittliche wahrhaft
vernünftige Mensch versteht die
45 Zeichen nicht und hat sie
der glückliche
auch nicht mehr nötig.

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