Typoskripte 1943-46
Inhalt: 22 Typoskripte zu 21 Gedichten (17 Endfassungen)
Datierung: 16.7.1943 – 24.5.1946
Textträger: Einzelblätter (A4-Format)
Umfang: 43 Bll
Publikation: Verstreutes (1)
Signatur: A-5-b/01 (Schachtel 30)
Herkunft: gräulich-grüne Mappe: (Gedichte 1944/45)
Wiedergabe: Edierte Texte
Manchmal gedenken wir Lauten
mittags des stilleren Mondes,
der nicht in Flammen uns wärmt,
dennoch die Nächte erhellt.
05 Manchmal, ob auch wir nicht wollen,
steht inmitten des Herzens
aufrecht und dunkel die Pappel,
auf ihrem Wipfel der Mond,
ruhend vom einsamen Gang
10 durch die sternblühende Nacht.
Nacht rührt oft uns die Seele,
oft uns Lärmenden noch:
War sie nicht Schossraum des Worts,
das unsre Welten erschuf?
15 Fiel es nicht klingend in sie,
trug nicht Nacht die Musik?
Stille der Nächte allein
nährte den wachsenden Ton.
Und das Dunkel des Raums
20 wiegte das Licht in den Tag.
Aber die Mutter verging
klaglos im Schmerz der Geburt.
Siehe, die Pappel, sie trägt
dunkel im Wipfel den Mond:
25 Stille im Herzen des Lärms
und des grell - lichten Tags
wächst schon neu eine Nacht.
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details:
V. 21-24 alR Bleistiftstrich;
V. 23 Bleistiftkorrektur: Doch → Siehe, (nicht im Druck) - Besonderes: Durchschlag
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: fehlt
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_013
- Seite / Blatt: 01
Als ich des wachen, lauteren Tages Sehnsucht erfahren,
innen glühende, über die Hänge, über die kaum mit
Reben bepflanzten Gärten der Liebe, hob ich mich auf, zu
suchen die heilige Stadt, das für Ostern gereinigte Volk und
05 opfernde Priester im Tempel. Doch öde fand ich die Strassen,
wild überwachsen des Heiligtums Höfe. Da dacht' ich des Wortes,
dass einst komme die Zeit, wo nicht mehr wir beten zum Vater
hier im Tempel und dort auf samaritanischem Berge,
sondern dann wird erscheinen, unversehens und lieblich,
10 still auf Höhen des Geistes, dem selig staunenden Wandrer
duftend entgegen aus Dornen, blaue berauschende Blüte.
Viele vergessen ihn zwar und gehn an ihm achtlos vorüber,
da sie Gewalt nur ergreift. Doch immer bleiben die andern,
lauschend der leiseren Landschaft und nicht der Stürme bedürfend,
15 harrt doch am Wege der Gott, vor dem ins Mark sie erschauern.
Lust ist schon der duftende Tag und wehes Entzücken
nie genügendem Herzen, wenn purpurn und lila die Blumen
flammen und grün und schattig ruhen die sinnenden Bäume.
Sehnsucht, rot geronnen im Mohn, überströmende, süsse,
20 dunkle Erinnrung der Linden: heller leuchten der Ahnen
Schätze, unter die Armen verteilt. Und weiss auf dem Gipfel // 02
steigen die Wolken wie Weihrauch empor; denn auch dort ist nun Tempel.
Freudiger Segel gelassnes Ballett auf schimmernder Bühne:
vor der Szene des Weinbergs wandeln und wehen sie schweigend,
25 längst schon im Tanze geübt, am Fest, im Lächeln des Gottes.
Drüben warten die Trauben auf Glanz und geistige Fülle,
alles wird Wein noch für uns, wird Rausch und innere Leuchte.
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- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details: V. 02/03 Direktkorrektur: mit Reben / → mit / Reben
- Besonderes: 2 Durchschläge (2 Bll); Hexameter
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: fehlt
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Zyklus: ja
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_014
- Seite / Blatt: 01, 02
Wenn als Gefährte der Landschaft einsam ich bleibe am Abend,
eile ich bang und schnell meinen Pfad, wie eine verratne
Braut erhebt sich die Nacht und fleht, dass ich sie erkenne.
Länger geleiten nicht Bäume sanft wie am Tage die Strassen,
05 brünstig lodert der Geist, der stets ihr Innres bewohnte
nun in die äussersten Zweige, und dunkel ruft er herüber,
ob nicht Verwandtes sei hier, zu spüren sein Lechzen im Blute.
Schauen nicht grüne Augen herauf aus den Wellen des Flusses,
stumm und verzaubert? Doch nimmer find' ich den Spruch, um zu lösen
10 all die verwunschenen Wesen aus Bann und magischen Fesseln.
Abgewendet im Glanz des eigenen, ewgen Entzückens,
halten sich Götter umarmt, von Sträuchern der Liebe behütet.
Ihnen schimmern wie Silber durch blaue, wechselnde Schatten
Schultern und Knie und wogende Brust, vom Monde beschienen.
15 Der geht über der Wolken gestaltenwirrem Getriebe,
seherisch lächelnd seit alters, und wie der Biene die Blumen // 02
stehn im Geheimnisse offen, aus träumeduftenden Kelchen
trinkt er das innerste Gold und träuft es wie Honig hernieder.
O, schon erquickt er der Nacht die brennenden Lippen, und bald wie
20 schlummernde Kinder atmet sie still und wandelt zum Morgen.
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- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Besonderes:
(1) Durchschlag; Titel nachträglich mit Tinte eingefügt
(2) Durchschlag ohne Titel
Text erst in dieser Fassung mit Genfer Ode. 1 kombiniert - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: fehlt
- Fassung: Letzte Fassung
- Zyklus: ja
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_014
- Seite / Blatt: 03, 04
Bleiche Hügel,
verebbend in mondlose Nacht,
unbewegte, gefrorene Wasser.
Hirten sitzen, in Decken gehüllt,
05 bei schlafender Herde,
selber fast schlummernd,
und sinnen gewöhnliche Dinge,
graue und kalte.
Ihrer Träume fiebrige Tauben,
10 ausgesandt nach dem Eiland des Glückes,
lange kehrten sie heim in ernüchterte Seelen.
Aber allen, die wohnen zwischen den Blättern der Rose,
kommt einmal der Tag, oder, schöner noch,
einmal die Nacht,
15 da sie, erwachend, ziehn durch Nüstern den Duft,
den süssen, süssen, der sie schon immer umgab.
So ist der Engel,
inwendiger Bote,
stets, wie Glut unter Asche, verborgen.
20 Jetzt flammt er auf,
die Bäume der grauen Allee.
als Fackeln entzündend.
Und seine Stimme,
hatte sie ihnen nicht oft aus Geheimem gesprochen?
25 Nun tönt sie, mittägliche Sonne des Klangs,
aus bebender Mitte und ruft:
"Fürchtet euch nicht!"
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- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Besonderes: Typoskript + Durchschlag
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_015
- Seite / Blatt: 02
Bleiche Hügel,
verebbend in mondlose Nacht,
unbewegte, gefrorene Wasser.
Hirten sitzen, in Decken gehüllt,
05 bei schlafender Herde,
selber fast schlummernd,
und sinnen gewöhnliche Dinge,
graue und kalte.
Ihrer Träume fiebrige Tauben,
10 ausgesandt nach dem Eiland des Glückes,
lange kehrten sie heim in ernüchterte Seelen.
Aber allen, die wohnen zwischen den Blättern der Rose,
kommt einmal der Tag, oder, schöner noch,
einmal die Nacht,
15 da sie, erwachend, ziehn durch Nüstern den Duft,
den süssen, süssen, der sie schon immer umgab.
So ist der Engel,
stets inwendiger Bote:
war er auch, wie Glut unter Asche, verborgen,
20 jetzt flammt er auf,
entzündet gleich Fackeln
die Bäume der grauen Allee.
Nun tönt sie,
Klangsonne, jähe, des Nachts,
25 Stimme aus bebender Mitte und ruft:
"Fürchtet euch nicht!"
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Besonderes: Durchschlag
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_015
- Seite / Blatt: 01
- Identisch mit: Typoskripte 1945-50
Düstere Gitter,
Schatten werfen sie früh
auf lichte Fliesen des Zimmers.
Doch hell ragt draussen der Turm,
05 und Berge aus klarem Gestein
sind vom Abend geblieben,
auch silberstämmige Bäume
mit lautlosen Kronen.
Weiss schon schlägt
10 ein Vogel am Brunnen das Rad
im tauigen Garten.
Und dort hängt von der Brüstung
blau und golden der Teppich.
Flamme zittert im wiegenden Käfig,
15 kühler des Morgens,
da vor den letzten Sternen
flieht der Jüngling hinweg
vom Lager des Weibes:
Bitter ward die Umarmung.
20 Aber die Strasse
zu rötlichen Horizonten
duftet unendlich.
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Besonderes: Durchschlag
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_016
- Seite / Blatt: 01
- Identisch mit: Typoskripte 1945-50
Was willst du, Schwan, mich in die Rosen drängen?
Nicht mag ich denn in deiner Grotte Finsternis entbrennen.
Und wenn die Brüder alle, schon vergehend, sängen,
so blieb' ich, weiss noch, in der Nacht allein.
05 Du sollst mich erst am Wasserfall erkennen,
der mich zum Purpursee hinunterreisst:
er lockt und rauscht, ich gleite
und stürze in die unverhoffte Weite,
der stillen Perle zu, die in der Tiefe gleisst.
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- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details:
V. 03 Korrektur: vergehend → vergehend,
V. 07 Direktkorrektur: ich gleite[und stür] - Besonderes: Durchschlag; Titel mit schwachem Bleistift eingefügt
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_017
- Seite / Blatt: 01
Tänzer auf flimmerndem Seil im gelben Zwielicht des Zeltes, hoch über wilder Musik schritt er behend, über der schnaubenden Jagd schwarzer Pferde mit silbernen Mähnen, über Wolken rötlichen Staubes.
02 Schreiten musste er stets, tanzen auf unverlässlichem Tau, jede Bewegung erwägend, ob sie ihn weiter leite den schaukelnden Pfad, ob sie ihn stürze in wirre, nie ganz unterschiedene Tiefe.
03 Oben im First des Zeltes, am hohen Mast, da drehte sich die glänzende Kugel, gefügt aus kleinen, metallnen Quadraten, und fing durch bunt verglaste Lukarnen die Sonne, warf sie in den dämmernden Raum wie farbige Blüten, wie sanfte Wirbel von Opalen, Smaragden, Demanten.
04 Wenn er nur hinaufsehen dürfte, für eines Augenblicks Hälfte hinaufsehn zu diesem Wundergestirn, das oft violett erglomm, gleich den schönen Käfern am Lattich, die er als Knabe gesammelt, oft rot wie Astern am Abend im Herbst, eidechsgrün endlich, gelb auch und blau. – – – –
05 Böse Wahl zwischen Dunkelschlund und Ekstase: noch, noch geht er, sieh, noch wiegt er den weissen, biegsamen Stab in den Händen und tanzt und lächelt. Aber es lauscht seine furchtsame Seele, es lauschen der Sinne innerste stets auf jede Regung des Taus: schwingender, leichter, mühsamer, mühsamer Gang!
06 Wie hält er den Blick, dass er ihm, lange schon flügge, nicht plötzlich entweicht zu des Schimmerplaneten lockender Drehung?
07 Nicht lange mehr hält über schaukelndem Tau des Willens dürftig geschmiedeter Käfig gefangen den starken, verschlagenen Drang: genau fand er aus die schwächsten der Stäbe.
08 (Bleibe Aug' auf dem Stabe, bleib' auf dem Seil:) Purpurn braust es herauf aus drehendem Grunde. Es wandelt der Raum vom Amethyst zum Rubin. – – – –
09 Wer fängt den Tänzer im Fall, wenn das Tau ihm zu schmal wird? Wer fängt den von innen verbrannten, den stürzenden Sperling im Fall?
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details:
Korrekturen in Absatz 3: die metallene Kugel [aus] → die metallene Kugel, gefügt aus kleinen → die glänzende Kugel, gefügt aus kleinen,
Korrektur im letzten Absatz: Wer hält → Wer fängt - Besonderes: Durchschlag mit Direktkorrekturen und Tintenkorrektur
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_018
- Seite / Blatt: 01
- Werke / Chronos: 27
Aeste streiften
den Kahn am Gemäuer;
unter Brücken geduckt,
nahte er dunkel.
05 Freundlich rief
der Fischer dem Knaben,
der hinaus in die Strömung
sandte des Bootes
zierliches Abbild.
10 Und ringsum standen am Ufer
kleine Mädchen und staunten,
wie es, vom Winde bedrängt,
dem Ufer entfloh.
Doch Abend ist's nun,
15 fern sind die Schiffe,
und leer ist von Kindern die Insel.
Welk an der Stirne des Gottes
duftet der Kranz:
irre starrt er,
20 mit kalten Augen,
durch Blüten und Efeu. // 02
Die Hermen alle,
die vormals frommen des Gartens,
lächeln im Rausch,
25 der über die Bäume heraufkommt
und die Wipfel der Pappeln
sausend bewegt.
Bis plötzlich
aus Wolken,
30 auf Haine hernieder und Wiesen,
stürzt gewittrige Glut
wie vergiftete Pfeile.
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details: V. 08 Direktkorrektur: Bootes[zierliches Abb]
- Besonderes: Durchschlag (2 Bll)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_019
- Seite / Blatt: 01, 02
Vulkanischer Gipfel,
kaum versunken im Meer
(der offenen Muschel des Abends
blieb alabastern zurück
05 die Vase wölkenden Rauchs),
und schon ist das Eiland
wider Hoffnung erreicht.
Hafen und Strassen bewegt
die Rüstung der Feier.
10 Fackeln brennen im
Tauwerk der Schiffe
und rot in den Hainen,
wo Mädchen wehren dem Arm
bekränzter Epheben.
15 Von vergossener Spende
duftende Stufen
steigt der Priester herab,
dem Lustgedränge verschleiert,
und ordnet die Chöre:
20 schnell vor Einbruch der Nacht.
- Details
- Konvolut: Typoskripte 1943-46
- Details:
V. 06 Tintenkorrektur: das innerste Eiland → das Eiland
V. 11/12 Tintenkorrektur: Aufteilung auf 2 Zeilen - Besonderes: Durchschlag mit Korrekturen; darüber die Nummer 2 (= Insel /2)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-b/01_020
- Seite / Blatt: 01
- Identisch mit: Typoskripte 1945-50