Notizbuch 1980-88

Inhalt: 168 Entwürfe zu 124 Gedichten (31 Endfassungen); mit den Zyklen:
Beschwörung des Todes I-XXIX, New York I-VI, Rom I-IX, Escorial I-III, Beschwörung – Andere Abteilung I-XIII, Durchgang I-XI
Datierung: 7.12.1980 – 27.8.1988
Textträger: Rotbraunes Notizbuch, grau-schwarze Tinte
Umfang: 212 beschriebene Seiten (+ U2/U3); Bll von Raeber numeriert, ab Bl. 106v leer
Publikation: Abgewandt Zugewandt: Hochdeutsche Gedichte (52 Gedichte)
Signatur: A-5-h/02 (Schachtel 29)
Spätere Stufen: Manuskripte 1979-1983, Typoskripte 1983
Kommentar: vgl. auch das Typoskript Zur Entstehung
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften
Notizbuch 1980-88
Raebers letztes Gedicht-Notizbuch enthält den Grundstock der Hochdeutschen Gedichte von Abgewandt Zugewandt (1985). Zwei der insgesamt 5 Zyklen und eine Reihe von Einzelgedichten sind allerdings erst danach entstanden und in keine Publikation mehr eingegangen.
Übersicht
| Seiten | Titel | Datum | Anzahl Gedichte |
Fassungen | Letzt- fassungen |
publiziert |
| 3-36 | Beschwörung des Todes I-XXIX | 7.12.-18.9.1981 | 29 | 33 | 2 | 11 |
| 37-40 | Die Stadt | 5.12.1981 | 1 | 1 | 0 | 1 |
| 41-57 | New York I-VI | 30.12.1981-21.1.1982 | 6 | 6 | 0 | 6 |
| 58-96 | Diverse | 6.2.-19.4.1982 | 25 | 35 | 5 | 13 |
| 97-107 | Rom I-IX | 12.4.-4.5.1982 | 9 | 10 | 1 | 7 |
| 108-117 | Diverse | 4.5.-20.5.1982 | 6 | 7 | 2 | 4 |
| 118-122 | Escorial I-III | 3.6.-5.6.1982 | 3 | 3 | 0 | 3 |
| 123-152 | Diverse | 8.6.1982-17.5.1983 | 16 | 17 | 4 | 6 |
| 153-179 | Beschwörung – Andere Abteiiung I-XIII | 14.3.-4.5.1984 | 13 | 35 | 4 | 0 |
| 180-186 | Diverse | 26.4.-31.10.1985 | 3 | 5 | 2 | 1 |
| 187-210 | Durchgang I-XI | 10.5.-5.6.1988 | 11 | 14 | 11 | 0 |
| 211-213 | 2 Gedichte | 18.8.-27.8.1988 | 2 | 2 | 2 | 0 |
Die weitaus komplexeste Textgeschichte weist der erste Zyklus (Beschwörung des Todes) auf. Von den 29 ursprünglichen Texten wurden nur 11 in den Gedichtband aufgenommen, 5 davon bilden den völlig neu konzipierten Zyklus Beschwörung (vgl. Vergleichstabelle)
Und weiter
zurückgezogen
und tiefer
im Dunst doch immer
05 noch wie die Wärme von ferne
über die grünen
leise bewegten
Gebirge von ferne unver-
mindert wehend und un-
10 verändert wehend
wehend herein.
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- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Besonderes: Titel Herein auch auf Blatt Manuskripte 1979-83 (Berührung A), A-5-h/03_101
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 124
Aber es wäre immer nur eine
Berührung sachte und für
einen Moment der
Küste von Polignano der
05 Kreuzung der Siebten
Avenue und der 42. Strasse
oder der grünen
Höhe im Sommer
mit Löwenzahn und Wiesen-
10 schaumkraut immer
nur eine Berührung und dann
wieder die Rückkehr mühelos
und ohne die Qual // 126
der Ablösung zurück
15 in die Höhle mit den
tropfenden Wänden und alle
Berührung erst dort im feuchten
Dämmer verdichtet
zum Traum und erst wirklich.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 125 (62), 126
Und das Glitzern weit
unten weit wie
könnte es oben die dunklen
Schwaden erhellen die Jagd an-
05 halten und stillen
innen inmitten
die wütende Drehung?
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Abgewandt Zugewandt 1985
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 127 (63)
Und die Enge
bedrängender noch
im verqueren Gehäuse.
Die Maulwürfe und die
05 aufgeworfenen Böden.
Aber die Lücken überall in den
Wänden die Blicke
hinaus auf die geballten
Wolken und auf das
10 kopflose Standbild.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Besonderes: Datierung entsprechend (B)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: fehlt
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 128
Und die Enge
bedrängender noch
im verqueren Gehäuse.
Die Maulwürfe und die
05 aufgeworfenen Böden.
Aber die Lücken
überall in den
Wänden. Die bald
geballten, die bald
10 wieder zerrissenen
Wolken. Hatz
unaufhaltsam. Aber
unverrückt und immer
kopflos das Standbild.
15 Der Schatten
wandert über das Pflaster.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 129 (64), 130 (oben)
Und die Welle und die
Welle über den Felsen.
Glitzernder Staub. Das Gehäuse
erbrochen. Zerrissen
05 der Mantel. Die Sieben
Schwerter im Herzen. Und dennoch
kein Tropfen. Und
dennoch verschlossen und ohne
und ohne
10 Kraft die Begierde.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Besonderes: Mit Klammer markiert
- Letzter Druck: Abgewandt Zugewandt 1985
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 130 (unten)
O die Welt
verlassen verlassen und die
herunterfallenden Brocken
barfuss und gefangen
05 hinter den
Brocken der
Falter der grosse
Falter gefangen in der
schwarzen
10 Höhle hinter den
barfuss barhaupt herunter-
gefallenen hinter den
donnernd heruntergefallenen
Brocken barfuss barhaupt
15 die Welt verlassen o
verlassen und gefangen der dunkle // 132
Falter
eingesperrt in der
Höhle die schweren
20 Brocken der leichte der freie
Falter aber
eingesperrt aber
gefangen der Falter die
herunter
25 polternden Brocken bar-
fuss barhaupt die Welt
verlassen verlassen
und eingesperrt und
gefangen verrammelt der schwarze
30 Falter o die
Welt eingesperrt und // 133
verrammelt gefangen o
verlassen verlassen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Abgewandt Zugewandt 1985
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 131 (65), 132, 133 (oben) (66)
Von Wien
steigt er auf und über
dem Schwarzwald erscheint er
dem Wanderer als ein
05 heimischer Vogel und doch
war es vermutlich
im persischen Hochland dass er
ausschlüpfte aus dem
Ei. Aber das ist // 134
10 zulange her. Über
Frankfurt steht er
am höchsten und längsten ein paar
Bilder zeigen ihn mit zwei
Köpfen aber das kommt wohl von einer
15 östlichen Neigung
zum Üppigen und zum
Monströsen ein
Fabeltier wäre er dann aber
er ist ein einfacher
20 Vogel nun schon lange
allein und ohne
Genossen und findet
zwischen den Wolken-
kratzern sein altes
25 Nest St. Bartholomäus nicht mehr schon auf
Goethe hatte er dort // 135
nur noch exotisch
gewirkt wie aus einem
fernen Zwinger herge-
30 flogen doch da fällt
eine Feder und dort
herunter Passanten
lesen sie auf und erinnern
sich sie hätten im Nordosten
35 ihn neulich noch auf einem verschneiten
Sandplatz im Schnee
sitzen sehen abgemagert und heiss-
hungrig schnäbelnd wie lang
ists her dass er über den Toren der alten
40 Städte des Südens aus goldenen Tellern
frass und von Castel del Monte die Flotten // 136
der Türken die
Segel des heiligen Markus erspähte nicht zu
reden von der
45 Grotte am Palatin wo er am längsten
wohnte und am bequemsten noch heute
schmerzt ihn der Rauch in den Augen
womit man ihn austrieb
doch auch über Frankfurt wird er sich nicht lange
50 mehr halten können
hoch in den Lüften und
von keinem gesehen bald
hat er alle Federn verloren man wischt sie
jeweils morgens um fünf Uhr
55 an der Konstabler-
wache an der
Kaiserstrasse zusammen er fällt // 137
wenn er Glück hat am Römer
herunter ein kahles
60 ausgemergeltes Aas liest ihn ein Türke
vom Pflaster auf und wirft ihn zum übrigen
Müll in den Container.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Besonderes: Mit Klammer markiert
- Letzter Druck: Abgewandt Zugewandt 1985
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 133 (unten) (66), 134, 135 (67), 136, 137 (oben) (68)
Nicht den von 1789 in Paris
nein, den von 1794 meine ich
in Frankfurt am Main, den
vierzehnten Juli. Goethe war
05 weit fort in Weimar. Die Frau
Rath lebte immerhin noch. Aber
beide hatten
keinen Sinn für das, was da
vorging, als Franz
10 von Toskana als Letzter // 138
die Römische Krone empfing, Sakra-
ment und
Beschwörung einer magischen
Ordnung voraus-
15 weisend auf das
Imperium, das
universale, das Reich
des Ewigen Friedens, das es
bis heute nicht gibt, auch der
20 Völkerbund und die Vereinten
Nationen sind erst
dürftige Voranzeigen weniger
sinnen-
fällig als der Flug des
25 Adlers, dafür mehr schon
urbi e orbi. Die Tiara
der Adler die Krone
Konrads aus Byzanz
für Goethe und die Frau Rath // 139
30 waren das alles Antiquitäten. Das Allge-
meine gab es für sie
höchstens als eine moralische
Übereinkunft der
Menschen als eine
35 Versittlichung ihres
Umgangs. Das Reich
war ihnen nur noch ein
Überbleibsel der
mittleren Zeit und die Krönung des Kaisers
40 ein gemütliches Schauspiel aus der
Stadtgeschichte von Frankfurt. Was ist es
da zu verwundern, dass die
Söhne und Enkel
den Frankfurter 14. Juli über
45 dem Pariser vergassen und aus dem
Reich ein weiteres
Kästchen machten unter den vielen // 140
Staatskästchen einander
bedrängend zerquetschend auf der
50 schmalen Strasse
zur Macht und zum Reichtum.
Die Doppelkrone des oberen und des
unteren Reiches
wandert ins Museum der Horus-
55 falke in den Zoologischen Garten.
Der wahrhaft
sittliche wahr-
haft vernünftige Mensch
versteht die Zeichen nicht mehr und hat
60 sie, der glückliche hat sie
gar nicht mehr nötig.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Details: V. 30/31 Emendation: Alle-/meine → Allge-/meine
- Letzter Druck: Abgewandt Zugewandt 1985
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 137 (unten) (68), 138, 139 (69), 140
Das Schwirren laut der
Gedanken das immer
lautere Schwirren der Wellen
Getöse betörend der
05 Wellen lautes
Getöse
lähmend betörend. Doch wo
auf den Kämmen auf den
gelähmten sitzen wo nur
10 rasten auf den betörten?
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Besonderes: Mit Klammer markiert
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 141 (70)
Und am Steilhang die Schollen
geborsten die Wurzeln
verdorrt in den Spalten
Aber die Wolke weiss und
05 unverwandt über dem Bergkamm
Und dann
unverwandt in der Tiefe
jenseits der Baum und
staubig
10 vor dem Gemäuer.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 142
Und der Geruch des
Bluts, das durch das Gitter herab-
tropft in dein Verlies
heiss und klebrig herab
05 auf deinen Kopf
deine Füsse in der
dampfenden Pfütze der Abfluss
von Exkrementen verstopft und schon
versunken bis an die Knöchel.
10 Knie nieder.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1980-88
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Tinte
- Signatur: A-5-h/02
- Seite / Blatt: 143 (71)