Ehe das Moos ihn ganz überwuchert
und ehe die Lianen ihn schliessen,
ehe der Efeu die leeren und schrecklich
blickenden Augen blendet,
05 ehe das steinerne Antlitz[,] ganz wieder in Wildnis versinkt,
steige hinein in den offenen Mund,
wo eine einsame Glühlampe baumelt
über dem Andenkenstand in der Tiefe
und kaufe der Frau eine Postkarte ab,
10 die farbig den Vulkan zeigt, wie er
am Himmel rauchend dahinfährt
und vorn das steinerne Antlitz, // 054
wie es war, eh es von Moos ganz überwuchert,
ehe den Mund das Moos überwuchert,
ehe der Efeu die leeren und schrecklich blickenden
Augen geblendet.
15 wie es war, ehe es überwuchert
und ehe es wieder befreit und gereinigt war:
ein Gartenhaus, wohin der Kavalier seine Dame
im Sommer lockte,
wo die bestellten Sänger aus dem Dunkel
schluchzten seine Begierde,
wo man tanzte in Masken des Nachts im Scheine
papierner Laternen
20 und wo man, nicht ohne Gefahr, den steinernen
Runzeln entlang
hinaufstieg in die Lidfalte, wo schon etwas Moos war
zum Lager. // 055
Steige hinein in den offenen Mund und kaufe die Karte,
ehe das Antlitz wieder in Kontemplation der Wildnis versinkt
und die grosse Strasse, Nachttieren nur noch ein Weg,
25 und die Autobusse mit den Fremden, deren einer dich
hertrug,
vergass, versenkt und ganz beschäftigt
mit dem Sammeln von Kräften
bis zur nächsten lauten Enthüllung.
Der Mund
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1955-57
- Details: V. 22 Enthüllung] Versuchung (Alternativ-Variante)
- Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-c/10
- Seite / Blatt: 053, 054, 055

Der Mund
Ehe das Moos ihn ganz überwuchert
und ehe die Lianen ihn schliessen,
ehe der Efeu die leeren und schrecklich
blickenden Augen blendet,
05 ehe das steinerne Antlitz, ganz wieder in Wildnis versinkt,
steige hinein in den riesig offenen Mund,
wo in der Tiefe eine einsame Glühlampe baumelt
und kaufe der Frau eine Karte
über dem Andenkenstand, in der Tiefe:,
und kaufe der Frau eine Postkarte ab mit dem,
10 die bunt farbig den Vulkan zeigt, wie er langsam
am Himmel rauchend dahinfährt
und vorn diesesas steinerne Antlitz, //

wie es aussah vor zweihundert Jahren
wie es war, eh es von Moos ganz überwuchert,
ehe den Mund das Moos überwuchert,
ehe der Efeu die leeren und schrecklich blickenden
Augen geblendet,
ehe
15 wie es war, ehe es überwuchert
und ehe es wieder befreit und gereinigt war:
ein Gartenhaus, w ↓hin
ein Gartenhaus, wo der Kavalier seine Dame
im Sommer lockte,
wo die bestellten Sänger aus dem Dunkel
schluchzten seine Begierde,
wo man tanzte in Masken des Nachts im Scheine
papierner Laternen
20 und wo man, nicht ohne Gefahr, dieen steinernen
Runzeln entlang
hinaufstieg in die Lidfalte, wo schon etwas Moos war
zum Lager. //

Steige hinein in den offenen Mund und kaufe die Karte,
ehe das Antl Meditation↓↓Kontemplation der
ehe das Antlitz wieder in Wildnis versinkt
und d die
und ehe die grosse Strasse , Nachttieren nur noch ein
Weg ist¿,
25 und die Autobusse mit den Fremden, deren einer dich
hertrug,
vergass, ganz beschäftigt mitversenkt und ganz beschäftigt
mit dem Sammeln von Kräften
bis zur nächsten lauten Enthüllung. (Versuchung)
1.2.56
Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)