Entstanden: 16. Januar 1956

Reicht die Leiter zur Olive,
sieben Leitern reicht herauf:
jedes, das in Büschen schliefe,
jedes Tier steigt hier herauf:
05 Und sie alle ihre Augen
tragen auf die erste Leiter,
auf die zweite, dritte Leiter,
bis zur siebten immer weiter:
wo beschwerlich steigt entgegen
10 augenschwach der Sonnengreis.
Sammelt alle ihre Augen,
bis sie seinem Antlitz taugen,
alle Tiere, alle Blumen, alle Bäche¿ an sich saugen: // 032
in sein schimmerndes Geleis
15 steigt zurück der Sonnengreis.
Lasst uns hin und wider gehen,
an den Teichen lauschend stehen,
wo der Frösche kühles Quaken
reisst des Julis schwüles Laken;
20 und die Wüste brennt dort fern.
Wenn wir plaudernd aus Versehn
mit dem Blick sie überwehn.
Wendet euch dann schnell zurück
zu des Gartens Blust und Glück.
25 Zu der Stickerei auf Seide
an des Kindes neuem Kleide,
dass sie an den Rosen wirken: // 033
und es hebt sich Schwesterauge
zu dem andern Schwesterauge.
30 Wie sich spiegeln in den Spiegeln
dieser milden Seelenlust.
Und die Wüste, die bleibt dort
flieht das Auge, flieht das Wort.
Bleiben wir im Kinderkleide,
35 unsrer Blicke, Hände Weide.
Jakobs Leitern tragen wir
auf die Höhe der Olive,
wo das Kind im Astwerk schliefe.
Und das leichte¿ Nachtgetier
40 wundre sich der Kleider Zier.
Spielt am Nachmittag die Flöte // 034
dass sie trage von den Spiegeln
zu den andern reinen Spiegeln
mit des frommen Glaubens Glänzen
45 eingewirkt in Kleides Glänzen,
in des Kindes Wirkkleid glänzen
Schwestern zarte Sympathie.

Infos
  • Besonderes: Zum nachfolgenden Dramolett (Der offene Garten) gehörig
  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 031, 032, 033, 034