Ich kann das Mädchen,
die im grasgrünen Pijama am Haustor lungert,
nicht fragen, ich kann den alten Pförtner, der
in der Loge alte Lampenschirme flickt
und mir freundlich die Zeitung gibt,
05 und bestätigt, dass sein Sonntag schön war trotz Regen,
ich kann die Bäume am Weg, die mir die Blätter
verdriesslich zuwerfen,
nicht fragen:
ob sie die Perle gesehen, die ich heute früh // 022
beim Erwachen plötzlich hielt in der Geisthand,
10 die mir sogar das Rasieren erträglich
und das Ankleiden leicht gemacht hatte
mit ihrem inneren Glanz.
Ich kann sie nicht fragen,
denn irgendwo auf der Treppe ging sie verloren,
15 fiel hinab unter ein Wahlresultat,
unter ein Gespräch mit der Fürsorgerin über
den Mathematikstudenten aus Wien,
ganz hinab, bis dort, wo ich allein, höchstens, sie finde,
so tief, dass ich ganz aufkratzen muss meine Böden
und alle Pflaster meiner Strassen aufreissen muss // 023
20 und vielleicht auch dann niemals wieder sie finde.
Aber was weiss schon ein Mädchen im Pijama,
was weiss ein Pförtner, was wissen die blattschwachen
Bäume,
was weiss die um alle besorgte Fürsorgerin
von der am Morgen in die Geisthand aus
25 der schon wieder weggeschwemmten Muschel
gefallenen Perle?
Die Perle
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1955-57
- Details: V. 03 Emendation: flickt, → flickt
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-c/10
- Seite / Blatt: 021, 022, 023

Die Perle
ich kann docheas nichtfragen, Mädchen
Ich kann dochieas nicht fragen, Studentin,
die gähnend im grasgrünen Pijama am Haustor
lungert,
nicht fragen, ich kann den alten Pförtner, der
in der Loge alte Lampenschirme
flickt, nicht fragen,
Ich kann die und mir freundlich die Zeitung
gibt,
05 und bestätigt, dass sein Sonntag schön war trotz Regen,
ich kann die Bäume am Weg, die mir die Blätter
verdriesslich zuwerfen,
nicht fragen:
ob sie mdie
ob sie meine Perle gesehen, die ich heute früh //

beim Erwachen plötzlich hielt in der Geisthand,
10 die mir sogar das Rasieren erträglich
und das Ankleiden leicht gemacht hatte
mit ihrem inneren
mit ihrem schwarzen¿ Glanz.
Ich kann sie nicht fragen, denn¿
denn irgendwo auf der Treppe ging sie verloren,
15 fiel hinab unter ein Wahlresultat,
unter ein Gespräch mit der Fürsorgerin über
den Mathematikstudenten aus Wien,
ganz hinab, bis dort, wo ich allein, höchstens,
sie finde,
so tief, dass ich ganz aufkratzen muss meine
Böden
und alle Pflaster meiner Strassen aufreissen muss //

20 und vielleicht auch dann, niemals wieder sie
finde.
Aber was weiss schon ein
Aber was weiss schon das Mädchen im Pijama,
was weiss ein Pförtner, was wissen die blattschwachen
Bäume,
was weiss die um alle besorgte Fürsorgerin
von der
von einer am Morgen in derie Geisthand aus
25 der schon wieder weggeschwemmten Muschel
gefallenen Perle?
24.10.55
Inhalt: Notizen, 42 Entwürfe zu 37 Gedichten (1 Endfassung)
Datierung: 6.10.1955 – 7.4.1957
Textträger: schwarzes Notizbuch (Krokodil, Plastik), Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten
Publikation: Die verwandelten Schiffe (10 Gedichte), GEDICHTE (5 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: A-5-c/10 (Schachtel 29)
Spätere Stufen: Manuskripte 1955, 1956, 1957, Typoskripte 1955, 1956, 1957
Kommentar: Die Prosanotate, von hinten her bis S. 117 eingetragen, entstammen der Legenda aurea des Jacobus de Voragine und den religionswissenschaftlichen Studien von Mircea Eliade
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Diplomatische Umschriften (auch von den Prosanotaten)