Entstanden: 24. Oktober 1955

Ich kann das Mädchen,
die im grasgrünen Pijama am Haustor lungert,
nicht fragen, ich kann den alten Pförtner, der
in der Loge alte Lampenschirme flickt
und mir freundlich die Zeitung gibt,
05 und bestätigt, dass sein Sonntag schön war trotz Regen,
ich kann die Bäume am Weg, die mir die Blätter
verdriesslich zuwerfen,
nicht fragen:
ob sie die Perle gesehen, die ich heute früh // 022
beim Erwachen plötzlich hielt in der Geisthand,
10 die mir sogar das Rasieren erträglich
und das Ankleiden leicht gemacht hatte
mit ihrem inneren Glanz.
Ich kann sie nicht fragen,
denn irgendwo auf der Treppe ging sie verloren,
15 fiel hinab unter ein Wahlresultat,
unter ein Gespräch mit der Fürsorgerin über
den Mathematikstudenten aus Wien,
ganz hinab, bis dort, wo ich allein, höchstens, sie finde,
so tief, dass ich ganz aufkratzen muss meine Böden
und alle Pflaster meiner Strassen aufreissen muss // 023
20 und vielleicht auch dann niemals wieder sie finde.
Aber was weiss schon ein Mädchen im Pijama,
was weiss ein Pförtner, was wissen die blattschwachen
Bäume,
was weiss die um alle besorgte Fürsorgerin
von der am Morgen in die Geisthand aus
25 der schon wieder weggeschwemmten Muschel
gefallenen Perle?

SYNOPSE aller Fassungen:
Infos
  • Details: V. 03 Emendation: flickt, → flickt
  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/10
  • Seite / Blatt: 021, 022, 023