Entstanden: 22. März 1955

Unten tief im Brunnen sitzend
habe ich dich gleich erkannt:
als du mir, der ängstlich schwitzend,
ob er nackt und hungrig sitzend,
05 bleiben müsse, warfst herab ein Festgewand. 

Unten tief im Brunnen sitzend, 
hab ich dich doch gleich erkannt, 
als du mir mit Seidenlitzen 
und mit Steinen die im Dunkeln deine Sonne widerblitzen, 
10 warfst herab ein Festgewand. 

Soll ich an die Sonne steigen,
soll ich aus dem Schlamm und Sand
mit dem Festgewande steigen.
Lass mich nur im Grunde bleiben, // 095
15 hier mein Herr und Herrscher sein:
wenn ich aus dem Brunnen stiege,
dann wo bliebe, das du mir herabgesandt,
dann wie bliebe ganz und rein dein Festgewand?

Wirf mir Brot und wirf mir Schinken
20 einmal nur, wo still ich sitzend
freue mich am matten Blinken,
deiner Seide, deiner Steine,
an des Tages Widerblinken,
hungrig bin im Dunkeln sitzend.

25 Unten tief im Brunnen sitzend,
habe ich dich gleich erkannt:
als du mir, der nackt und doch vor Ängsten schwitzend,
warfst herab ein Festgewand,
warfst herab dann auch die Speise // 096
30 und zuletzt zur Aufwärtsreise
warfst herab die lange Leiter;
aber diesen Taggeleiter
will ich nicht. Auf meine Weise
will ich Herr und Herrscher sein.

35 Bleib du nur im hellen Land.
Unten tief im Brunnen sitzend,
dank ich dir und denke dein:
schon am eitlen Festgewand
habe ich dich gleich erkannt.

SYNOPSE aller Fassungen:
Infos
  • Details: V. 14 Emendation: ich → mich
  • Besonderes: z.T. problematische Entzifferungen
  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/07
  • Seite / Blatt: 094, 095, 096