Entstanden: 03. Januar 1955

Ein Handleser von der Piazza Colonna
sagte mir, ich käme bei einem Autounfall ums Leben.
Ich machte mir damals, vor Jahren, nicht viel daraus.
Erst heute muss ich immer dran denken:
05 Die Angstschlucht, an deren Rand wir immer gehen,
zieht unser Auge, das sich immer an die Gräser und Blumen,
an die Eidechsen und Schnecken der Wand heftet,
manchmal überstark hinab in die Tiefe.
Jetzt, wo meine Mutter ächzend liegt auf den Tod,
10 befiel mich die Furcht, die schwere Krankheit,
die in den letzten Monaten mehrere von meinen Bekannten // 067
ergriffen, sässe auch schon in mir: ich ging
fiebrig umher und schloss schon, mühsam,
ab mit meinem Leben, an das ich mich schon[,]
15 langsam beginne zu gewöhnen.
Doch der Arzt, zu dem ich ging als zum Richter,
von dem ich das Urteil erwartete als eine Formalität,
erklärte mich für völlig gesund.
Und sofort begann ich in der Nacht jeweilen,
wenn meine Mutter stöhnt, 
20 weil sie nicht atmen kann, an meinen Handleser zu denken
von der Piazza Colonna, der mir sagte,
ich käme bei einem Autounfall ums Leben;
es wäre dies vielleicht nicht das Schlimmste.

SYNOPSE aller Fassungen:
Infos
  • Details: V. 11 Emendation: Monat → Monaten
  • Besonderes: Notiz (S. 122):
    Ein Handleser sagte mir, ich würde bei einem Autounfall umkommen. – Der Einbruch des Zustandes meiner Mutter in mein Sicherheitsgefühl.
    Vgl. Tagebuch 4.1.1955:
    Merkwürdig, dass mich jene Aussage des Handlesers in Rom mehr als sechs Jahre kaum beschäftigte, ausgenommen in den Augenblicken unmittelbar vor meinen wenigen Autoreisen, und dass diese Erinnerung mich nun plötzlich bestürzte …
  • Letzter Druck: Unpubliziert
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Erste Fassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/07
  • Seite / Blatt: 066, 067