Ein Handleser von der Piazza Colonna
sagte mir, ich käme bei einem Autounfall ums Leben.
Ich machte mir damals, vor Jahren, nicht viel daraus.
Erst heute muss ich immer dran denken:
05 Die Angstschlucht, an deren Rand wir immer gehen,
zieht unser Auge, das sich immer an die Gräser und Blumen,
an die Eidechsen und Schnecken der Wand heftet,
manchmal überstark hinab in die Tiefe.
Jetzt, wo meine Mutter ächzend liegt auf den Tod,
10 befiel mich die Furcht, die schwere Krankheit,
die in den letzten Monaten mehrere von meinen Bekannten // 067
ergriffen, sässe auch schon in mir: ich ging
fiebrig umher und schloss schon, mühsam,
ab mit meinem Leben, an das ich mich schon[,]
15 langsam beginne zu gewöhnen.
Doch der Arzt, zu dem ich ging als zum Richter,
von dem ich das Urteil erwartete als eine Formalität,
erklärte mich für völlig gesund.
Und sofort begann ich in der Nacht jeweilen,
wenn meine Mutter stöhnt,
20 weil sie nicht atmen kann, an meinen Handleser zu denken
von der Piazza Colonna, der mir sagte,
ich käme bei einem Autounfall ums Leben;
es wäre dies vielleicht nicht das Schlimmste.
Der Handleser
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1954-55
- Details: V. 11 Emendation: Monat → Monaten
- Besonderes:
Notiz (S. 122):
Ein Handleser sagte mir, ich würde bei einem Autounfall umkommen. – Der Einbruch des Zustandes meiner Mutter in mein Sicherheitsgefühl.
Vgl. Tagebuch 4.1.1955:
Merkwürdig, dass mich jene Aussage des Handlesers in Rom mehr als sechs Jahre kaum beschäftigte, ausgenommen in den Augenblicken unmittelbar vor meinen wenigen Autoreisen, und dass diese Erinnerung mich nun plötzlich bestürzte … - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-c/07
- Seite / Blatt: 066, 067

Der Handleser
Auf der Piazza
Ein Handleser von der Piazza Colonna
sagte mir, ich käme um bei einem Autoun-
fall ums Leben.
Ich machte mir damals, vor Jahren, nicht
viel daraus.
Erst heute muss ich immer dran denken:
05 Die Angstschlucht, an deren Rand wir immer
gehen,
öffnet zieht unser Auge manchm, das
sich immer an die Gräser und Blumen,
an die Eidechsen und Schnecken der Wand
heftet,
manchmal überstark hinab in die finstere
Tiefe.
Jetzt, wo meine Mutter ächzend vor liegt
auf den Tod,
10 kann¿ sich¿ befiel mich die Furcht, die
schwere Krankheit,
die in den letzten Monat unter¿ mehrere
von meinen Bekannten //

ergriffen, sässe auch schon in mir: ich ging
fiebrig umher und schloss schon, mühsam,
ab mit meinem gewohnten Leben,
an das ich mich
schon,
15 langsam beginne zu gewöhnen.
Doch der Arzt, zu dem ich ging wie als
zum Richter,
von dem ich das Urteil erwartete als eine
Formalität,
erklärte mich für völlig gesund.
Und sofort begann ich in der Nacht jeweilen,
wenn meine Mutter stöhnt,
20 weil sie nicht atmen kann, an meinen
Handleser zu denken
von der Piazza Colonna, der mir sagte,
ich käme bei einem Autounfall ums Leben;
es wäre dies vielleicht nicht das Schlimmste.
3.1.55
Inhalt: 57 Entwürfe zu 42 Gedichten, Notate zu szenischen Texten, Motiv-Notizen
Datierung: 14.1.1954 – 3.10.1955
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, liniert, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten (S. 94-114 fetter schwarzer Bleistift)
Publikation: Die verwandelten Schiffe (19 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (4 Gedichte)
Signatur: A-5-c/07 (Schachtel 29)
Spätere Stufen: Manuskripte 1954, 1955, Typoskripte 1954, 1955
Kommentar: S. 120-122 Motive zu Gedichten
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (keine Umschriften bei Prosanotaten)