Auch ich hätte Kaiser von Japan werden können,
ich hätte – endlich – ein sicheres Einkommen gehabt
und meine Liebe zum Prunk, zu aristokratischen Formen,
wie man sie häufig bei bürgerlichen
Söhnen der Republiken findet,
05 wäre völlig auf ihre Rechnung gekommen.
Auch hätte mich ganz einfach die Macht
über so viele gelockt,
die Möglichkeit zu edlen und rühmlichen Entschlüssen.
Ich hätte Kaiser von Japan werden können,
warum nicht?
aber die Reise bis dorthin war mir zu weit,
10 und der Wechsel all meiner Lebensumstände, // 043
der Gedanke, auf einmal in Bilderschrift
schreiben zu müssen
(die, wenn ich recht verstehe, nur den
Gedanken und das Bild festhält, nicht
den Sprachlaut, so abstrakt ist sie)
dies widerstrebte meiner Trägheit und auch
meiner Angst vor allem
Unberechenbaren, ganz Fremden.
Und dazu die Pflichten der Repräsentation,
15 die mir ein spontanes Leben verboten hätten,
verboten hätten, wie jetzt,
hinüberzusehn in den Spiegel, worin
die rote Wand der Garage von jenseits der Garage
nicht vermag den Regentag der Strasse
20 zu erhellen und die Sonnenstore, die
man offenbar vergessen hatte,
nun dunkel und düster über die Scheiben herabhängt
und trieft, eine schwere tiefe Wiederholung der Wolken // 044
des Himmels.
Dies alles könnte ich nicht mehr, und so
zog ich, trotz allem, es vor, nicht Kaiser
von Japan zu werden.
Auch ich hätte Kaiser von Japan werden können …*
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1954-55
- Besonderes: Ortsangabe: Basel
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-c/07
- Seite / Blatt: 042, 043, 044 (oben)

Basel
Auch ich hätte Kaiser von Japan werden
können,
aber die Reise bis dorthin war mir zu
lang,
ich hätte – endlich – ein sicheres Einkom-
men gehabt
und meine Liebe zum Prunk, zu aristo-
kratischen Formen,
wie man sie häufig bei bürgerlichen
Söhnen der Republiken
findet,
wäre↓völlig
05 wäre auf ihre Rechnung gekommen.
Auch hätte mich ganz einfach die Macht
über so viele gelockt,
die Möglichkeit zu edlen und rühmlichen
Entschlüssen.
Ich hätte Kaiser von Japan werden
können,
warum nicht?
aber die Reise bis dorthin war mir zu
weit,
10 und auch der Wechsel all meiner Lebens- //

umstände,
umstände der Gedanke, auf einmal in Bilder-
schrift schreiben zu müssen
(die, wenn ich recht verstehe, nur aus¿ den
Gedanken und das Bild festhält, nicht
dieen Sprachlaut, so abstrakt ist sie)
dies widerstrebte meiner Trägheit und auch
meiner Angst vor allem Un-
berechenbaren, ganz Fremden.
Und dazu die Pflichten der Repräsentation,
15 die mir ein spontanes Leben verboten hätten,
verboten hätten, wie jetzt, unter all den Men-
schen
hinüberzusehn auf¿ in den Spiegel, worin
die rote Wand der Garage von jenseits der Ga-
rage
nicht vermag dieen regnerische Regentag der
Strasse
20 zu bel erhellen und die Sonnenstore, die
man offenbar vergessen hatte,
nun dunkel und düster über die Scheiben herab-
hängt
und trieft, eine schwere tiefe Wiederholung
der Wolken //

des Himmels.
Dies alles könnte ich nicht mehr, und so
zog ich, trotz allem, es vor, nicht Kaiser
von Japan zu werden.
14.8.54
Inhalt: 57 Entwürfe zu 42 Gedichten, Notate zu szenischen Texten, Motiv-Notizen
Datierung: 14.1.1954 – 3.10.1955
Textträger: Hellbraunes Notizbuch, liniert, Bleistift
Umfang: 130 beschriebene Seiten (S. 94-114 fetter schwarzer Bleistift)
Publikation: Die verwandelten Schiffe (19 Gedichte), GEDICHTE (1 Gedicht), Verstreutes (4 Gedichte)
Signatur: A-5-c/07 (Schachtel 29)
Spätere Stufen: Manuskripte 1954, 1955, Typoskripte 1954, 1955
Kommentar: S. 120-122 Motive zu Gedichten
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (keine Umschriften bei Prosanotaten)