Notizbuch 1950

Inhalt: Notizen, Prosa, 71 Entwürfe zu 54 Gedichten (8 Endfassungen)
Datierung: 7.12.1949 – 10.11.1950
Textträger: Blaues Notizbuch, liniert; Bleistift
Umfang: 144 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (7 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: C-2-b/03 (Schachtel 79)
Spätere Stufen: Manuskripte 1948-51, Typoskripte 1945-50, 1948-50, Kutter
Kommentar: 9 Texte rhythmische Prosa, 21 reine Prosanotate, 1 Briefentwurf
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (3 private Prosanotate nicht erschlossen)
Wäre dieser Strom doch schon erhoben,
diese Tiefe schon bereut
wäre der Feind vorm Engelheer zerstoben
und das Leben aus dem Licht erneut
05 schwände Zwielicht von den Abendhängen
wäre jede Pflanze rein benannt
und in seinen unversehrten Fängen
trüg der Vogel weg uns aus dem Brand.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 135 (unten)
Die Muschel offen ausgeleert die Schätze des Meeres, die lichten Steine auf dem Strand gebreitet: da kommen die vergessnen Inselwohner, die vor Jahren von Schiffbrüchigen Gebornen, die nie noch sahen andres Reich, sie kommen zu den Schätzen des Tiefenreiches, das sind¿ die ersten ihnen; und Begierde fasst sie, dies zu schaun, dies Reich der Meerbewohner davon sie ihre Eltern glauben; und sie gehn hinaus in die Tiefe, und wenn auch ihr Atem schwindet, sie gehn vom Strande immer // 137 tiefer, von Ferne schimmern die Korallenballen, sie, die Kinder, zu empfangen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 136, 137 (oben)
Was ich jetzt tue, das sind alles Versuche, in jeder Hinsicht Versuche: sowohl im engern Sinn als poetische Unternehmungen, wie auch im weitern Sinne geistiger Aktivität überhaupt: es sind alles einzelne Elemente da, die ich allmählich sammle, die mir von mancher Seite her zukommen. // 138 Aber ich sehe sie noch nicht zusammen. Sie bilden wohl schon irgendwie eine Einheit, aber eine völlig spontane, vorgeistige. Es kommt darauf an, dass ich sie vereinige zu einem System, zu einer geistigen Welt. Erst auf dieser Grundlage kann meine Dichtung jene Eindeutigkeit und jenen Reichtum, jene vollkommene Durchbildung eines Ganzen in alle seine Aspekte und Glieder erreichen, die sie erreichen muss. Ich besitze vielleicht nummerierte¿ Blöcke, aber sie sind noch kein Gebäude. Ich muss einen Kosmos bilden, d. h. den erkannten gestalten, den seit immer seienden erkennen // 139 und im Kunstwerk bilden. Das ist die Sache geistiger Anstrengung, steter geistiger Wachheit, unablässiger Bemühung, eine unabsehbare, aber unbedingt notwendige Arbeit.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Gleicher Text wieder im Tagebuch, 29.10.50
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 137 (unten), 138, 139 (oben)
O all der Druck der ungeheuren Atmosphäre: es klammert sich der Mensch an das Gestirn, das rast ins All, das seinen alten Schutz, die Sicherung des Gleichgewichts verweigert. Fern sind und in die Tiefe irgendwo entschwunden die Schmerzen und des Menschenlebens Gefühle: innen brennt das Herz wie eine Kohle durch die Brust, // 140 nur Glut ist noch dem Gott entgegen, der auf den Wolken von weitem sichtbar in den Tod, ins Bergesbersten, in den Sturz der Brücken, in geifernden Emporquall tiefer Wasser und schmutziger Lava niederkommt.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 139 (unten), 140 (oben)
Die Notwendigkeiten literarischer Äusserung sind verschieden: es gibt jene innerste, spontane, die einfach in die Finger drängt, die Gestalt sucht um jeden Preis. Es gibt auch die andere aus dem Bewusstsein // 141 unbedingter Verpflichtung unter gesammelter Anstrengung mit Beschwörung aller Kräfte auszusagen, den Stoff zu durchformen wie ein Handwerker seinen Stoff formt. Dichtung ist hier Kunsthandwerk, das freilich fragwürdig wird, wenn der Anteil des spontanen Elements darin unter ein notwendiges Minimum sinkt. So treffen hellenistische Vergleiche von Gedichten mit geschnittenen Gemmen durchaus zu; es bedarf das Gedicht wie die Gemme eines Bildes, eines Ursprungsbildes oder zumindest einer Ursprungsempfindung im Geiste des Künstlers, // 142 dann aber vor allem auch des Stoffes, daraus das Bild geschnitten wird, des Wissens und grossen technischen Könnens. Dazu sehr gut Curtius über T. S. Eliot.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Gleicher Text wieder im Tagebuch, 10.11.1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 140 (unten), 141, 142 (oben)
Zu schlagen
an die ehernen Pforten,
bis springt geheimes Schloss
und dann am inneren Tor
05 umzudrehen das Schwert
in der Hand des bronzenen Reiters:
welche Lust,
wenn dann plötzlich
tönt Musik
10 wie von den Wachen des Sultans,
wenn sich die Pferde // 143
drehn um den Platz
und aus dem Innern
ziehen heraus
15 bunte Scharen,
schöne Puppen
mit Seide staffiert,
gelben und roten und grünen Turbanen,
auf dem weissen Elefanten
20 aber hoch auf dem Elefanten
reitet das Kind
wie lebendig aus Wachs,
mit dem goldnen Putz
und die Händchen bewegend im Takt.
25 Eine Spieluhr die ganze Stadt,
und alle Säulen
mit den goldenen Wächtern
singend.
Alles bewegt // 144
30 durch den Schlag auf das Schloss
durch das Drehen des Schwertes:
tote Spieluhr ist diese Stadt
und einsam
lachend der Wandrer.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 142 (unten), 143, 144 (oben)
Das Kind allein ist es, das
leben könnte,
so sprach der Karawanenführer
zu den Gefährten und lud
05 sie mit der Hand herein in
die Messingstadt,
die glänzte mitten in der roten Wüste:
wie der Saal sich auftat,
Zauberraum inmitten all der Spielfiguren, // 145
10 all des Gesangs
und Tanzes mit den künstlichen Gliedern,
wie er sich auftat
lag das Kind auf hohem Bett
und zwei Wächter davor mit den Keulen:
15 vergreift euch nicht, sprach der Karawanenführer,
es lebt allein, dies Kind allein,
das unerweckbar schlummert,
es lebt, wenn es erwachte, wärs der Tod.
Als einer aber vorsprang, ungedenk der Warnung,
20 zu greifen nach den
Juwelen, nach dem Schmuck der Kleider:
da schlug die Keule ihn von // 146
links, die Keule ihn von rechts:
Die Säulen schwiegen, der
25 Zug der bunten Puppen steht still
und zu schlagen die Tore: die Wandrer verwesen
verwesen sterbenden Leibes,
der Glanz der Metalle ist blass:
nur das Kind, geweckt, geht
30 durch die Strassen, vorbei
an den Leichen,
nur das Kind vorbei an den
Puppen,
lächelnd in Neugier
klatscht in die Händchen
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 144 (unten), 145, 146