Notizbuch 1950

Inhalt: Notizen, Prosa, 71 Entwürfe zu 54 Gedichten (8 Endfassungen)
Datierung: 7.12.1949 – 10.11.1950
Textträger: Blaues Notizbuch, liniert; Bleistift
Umfang: 144 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (7 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: C-2-b/03 (Schachtel 79)
Spätere Stufen: Manuskripte 1948-51, Typoskripte 1945-50, 1948-50, Kutter
Kommentar: 9 Texte rhythmische Prosa, 21 reine Prosanotate, 1 Briefentwurf
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (3 private Prosanotate nicht erschlossen)
Ist das heutige nicht,
schmerzlich entrissne Lied,
jenen früheren gleich,
Liedern der Jugend einst?
05 Jene Ströme nicht mehr
leuchten hinab die Schlucht,
auch die finsterste Kluft
füllend mit Silberstaub,
tönend, tönend hinein
10 in den geheimen Ort
wo den künftigen Gott
schweigend die Nymphe stillt // 115
Doch der Weiher ist voll
hier an dem Fuss des Bergs
15 reinen Wassers und auch
trübes Gewässer wird
rein im lauteren Schoss,
wo unterm Laub bewahrt
auch im heissen August
20 Schattenbesinnung bleibt.
Wipfellichtung gewährt
spiegelnden Einfall wohl
heller Wölbung: doch auf
flammt sie furchtbar im Herbst.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details:
V. 14 Darunter Variante in Klammern: hier unterm Fuss des Bergs
V. 24 furchtbar] ev. fruchtbar - Besonderes: Zweizeilige Strophen
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 114, 115
Aus dem Gebirge
stürzen Donner heraus
stürzen Bäche unbändigen Tosens,
wirren Lichtes hinab
05 in die gelassenen Täler
Immer wieder jedoch
fahren, bedeutend,
dass das ewige Licht
immer noch jenseits
10 scheint und leuchtet zu innerst;
(denn uns allen ist das Jenseitige
innen, o welches Wissen, dass
uns das eigene Herz
schon fast verliess, nie uns gehört,
15 schon dem Ursprung anhängt, der
ewigen Sonne)
fahren die Blitze herüber
von dem Gebirge dort
her zu der heiligen Höhe; // 117
20 von den Donnern gefolgt,
die erschüttern, wahrlich
Land und Gewässer:
wie verstummen die Bäche,
still wie sind sie und dunkel,
25 lichtlos vor diesem Licht,
vor diesem Donner,
nur noch Widerschein
glänzt in ihrem Stieben,
Widerschein des Strahls,
30 aus dem unsichtbaren
fern und zu innerst gewussten
Licht entsandten Blitzes:
o wie wirklicher ist, was
nie das Auge geschaut,
nur die Seele gewusst,
nur¿ dem Geiste wahrlich verkündigte Wahrheit.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 116, 117
Ungestillt immer ist
der vergebliche Traum
an der Mark des Gehöfts:
Hundegebell
05 hält den Wanderer hier
fest im Geheimnis
unvollkommner Verwandlung:
wo das Gebirge
sendet Wasser herab
10 ruht der wartende Hirte
glücklich im Busch:
nicht aber vermag er
den Erschreckten
einzulassen in die Friedung,
15 dieser Frucht und Vieh
nährenden Wiesen:
Immer bedrohen den
Fremdling die Wächter, // 119
dass er doch weiter gehe
20 und auch andern
Hirten bringe
Nachricht vom Nahen
röhrenden Wildes,
das vor sich her treibt
25 rasender Wirbelwind.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 23 Emendation: Wilbes, → Wildes,
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 118, 119 (oben)
Mit der Reformation kam eine Bewegung ins Rollen, die wohl nicht wieder zur Ruhe kommt und sich immer mehr beschleunigen wird, als bis die Gestalt überhaupt restlos aufgelöst ist, bis zum // 120 Triumph der reinen Innerlichkeit: bis die Welt das Reich des Bösen geworden ist und die Gegenwart Gottes nur noch in bestimmten begrenzten Bezirken geglaubt und erfahren wird.
02 Es gibt wenig Furchtbareres als die Überhebung dieser Spiritualisten, die sich allein Offenbarungsträger glauben, in jeder Gestalt aber den Antichrist vermuten. Der grossen Menge der Unerleuchteten begegnen sie mit der beleidigenden Liebe des Wissenden, der ja auch weiss, dass selbst die Torheit und Bosheit der grossen Mehrzahl von Gott zum Guten gelenkt wird.
03 Eigentümlich: diese Reduktion des Christentums auf einen biblischen // 121 Glauben der Urgemeinde, dieses Ausspielen der Bibel gegen die kirchliche Überlieferung, als ob man nicht die Bibel von der Kirche überliefert bekommen hätte, als ob es ohne Kirche überhaupt noch eine Bibel gäbe. Soll mir das Christentum noch etwas bedeuten, so kann ich doch darunter nur den in der Kirche überlieferten Glauben und die in der Kirche überlieferten sakramentalen Geheimnisse verstehen. Lehne ich diese lebende Autorität ab, so sehe ich nicht ein, warum ich aus dem ganzen Schatz nur ein Stück, die Bibel nämlich, behalten soll. Im Augenblick, wo ich willens bin, mich von jeder sichtbaren Autorität zu abstrahieren, // 122 kann ich auch von der Bibel abstrahieren und mir eine eigene Welt errichten und sie nach eigenem Gutdünken ausstatten; es gibt da genug Mobiliar in den religiösen und philosophischen Überlieferungen aller Erdteile, die dem autonomen Individuum genau so hochwertig und leuchtend erscheinen können wie die christliche, in die gerade wir nun hineingeboren sind.
04 Aber auf diesem Wege kommt man nirgends hin: der christliche Glaube kann, wenn überhaupt, nur so mich verpflichten, wenn ich ihn von der Kirche, in der der Herr, der menschgewordene Gott, weiterlebt und in den Sakramenten wirkt, gehorsam annehme. Andernfalls, // 123 als blosser Buchglaube, ist er eine Lehre, die nirgends Gestalt gewinnt, beziehungslos über dem Menschlichen schwebt und nur den verpflichtet, der ihn sich intellektuell aneignet. Es handelt sich dann nur noch darum, welches Buch mir am meisten Eindruck macht, wenn ich Christ, Buddhist, Mohammedaner oder Konfuzianer werde.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Text übertitelt: Braunschweig 22.9.50; gleicher Text wieder im Tagebuch, 25.9.1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 119 (unten), 120, 121, 122, 123 (oben)
Es spiegelt sich in Teichen Winterhimmel,
der steht als Klarheit über dem Gewimmel
der Kommer und der Geher, dem Gebimmel
von feilen Glocken aus dem Schlittenhimmel // 124
05 Die Festen treiben, schneller noch die Losen
vom Markt zum Wald, wo jene reinen Rosen
auf ihre Brücken leuchten u. das Tosen
bestrafen still, die schneeigen Willenlosen. // 125
Denn ungekränkt von geil gereckten Armen
10 des Zwischenreichs wo jeden Morgen ohn Erbarmen
an Neid und Sucht die Sorgen neu erwarmen
ist Himmel hell und Eisesrose da den freien Willens Armen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 18 Alternativ-Zeile: sind Höhenkraft und Tiefenkräfte da den freien Willens Armen.
- Besonderes: Wiedergabe letzte Strophe: Alternativ-Variante S. 125
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 123 (unten), 124, 125
Wie ist das Tier verwandelt an dem Morgen,
der diese Nebel endlich trennt:
sobald das grause Kleid im Forst verborgen
eilt es vors neue Firmament.
05 Vors wieder feste dem, den Grenzenloses
erschreckte, Höhle heissem Tier,
das schweifend findet andres ruheloses
in Wanderers nächtiger Begier. // 127
Wie diese düstre Frucht mit Stank der Schande
10 das wurmzerfressne Herz gesteht
und sühnend Schmetterling entlässt dem Lande
sei für die andre gleich erfleht.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 126, 127 (oben)
Die Tore dröhnen in die Pfosten
und durch die geheime Halle, // 128
die Greise heben das Haupt nicht
auf vom Mahl: o Speise voller Duft und Süsse Gottes,
05 wenngleich die Säulen wanken,
heilige Pfeiler der ererbten Ordnung:
Speise ist mehr als Ordnung, Gott
selbst¿ ist
Brot und Wein, auch in
den fremden Ländern ist er
den Verbannten geheimnis-
voll und wirklich immer da.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Verszeilen lösen sich am Ende auf
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 127 (unten), 128
Diese Hülle ist noch vor dem Saal
vor dem herrlich vorgestellten Mahl
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: 2 fragmentarische Verse (Paarreim)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 129 (oben)
Nun die Speise den Gästen allen geistig gemundet
und der Wein befreit ihren verschlossenen Sinn:
stand der Meister auf und blickte, der König, das Heer an
wie der Erbe des Volks Grosse zum Treuschwur empfängt:
05 In dem Brot bin ich euch, entrückt schon, immer zugegen // 130
nie, solang ihr es esst, seid ihr verlassen beim Mahl.
Stets erhellt euch der Wein die schwarz verschatteten Tage,
flammt so oft ihr ihn trinkt, hellere Sonne, mein Blut
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 129 (unten), 130 (oben)
Die trauerreiche Zeit des trüben Traumes,
das sinnenlose Spiel von Strom und Nebel:
wie alles ungestaltet
erscheint nur mühsam angedeutet.
05 Und lechzt doch nach Gestalt, nach festem Um-
riss: sind die Häuser noch so unbestimmt?
Sind sie nicht viel eh Gespenster: // 131
abgezogner Schein des einst wahrhaft gewollten Bildes
Und die Brücke wie eine Lockung zum Sturz ins Leere,
10 Scheinsteg hinüber den Scheinfluss:
wie sind doch diese Bilder dünn und fliessend,
bald täuschender bald schwindend hin ins Wesenlose:
O, wenn sie gänzlich schwänden, wäre dann auf einmal da
das Ganze wirklich, der wahre Strom, die Brücke und das Haus
15 und ohne Furcht ging über Sicherem der Fuss?
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 130 (unten), 131
Einleitung zum Helblingabend:
01 Dichtung ist Übermittlung einer Schau: die verborgene Realität wird dem Leser oder Hörer mitgeteilt. Da sie Schau und wiederholende Gestaltung der Realität ist, hat sie Existenz – einmal da – ganz unabhängig vom Dichter. Darum die Person des Dichters von durchaus zweitrangiger Bedeutung.
02 Diese Gedichte bedeuten nichts als sie selbst. Ihr Sinn soll in ihnen selber gesucht werden: Es gibt keinen Gegensatz von Form Inhalt, sodass etwa der Inhalt, die Bedeutung hinter der Aussage gesucht werden müsste. Der innere Sinn erscheint in der // 133 Gestalt, der Sprachgestalt des Gedichtes.
03 Es ist vielleicht nicht immer möglich, diese Verse mit einmal Hören ganz aufzunehmen, sie z. B. intellektuell zu realisieren. So muss ich wohl empfehlen, dass man versuche, sich ihnen einfach ganz arglos zu öffnen, das aufzunehmen, was eben eindringt; dieser Weg mag wohl weiter führen, als wenn man sich bemüht, in das Halbdunkel des nicht Einleuchtenden grübelnd vorzudringen. Die Gedichte, als Ganzheit empfangen, beleuchten sich gegenseitig, wenn nicht vollständig, so doch genügend, um ihre tiefste Absicht zu // 134 verraten.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes:
Vgl. dazu das Tagebuch, 26.10.1950:
Gestern las ich bei Helbling u. Lichtenhahn aus meinen Versen vor: mich ergriff auf einmal die Furcht, ich könnte – sowenig ich doch schreibe, so liederlich wenig ich arbeite – noch immer zu viel schreiben. Zuviel, weil jene Augenblicke, wo ich meinen wahren Standort zu sehen glaube, noch viel seltener sind als die andern, in denen ich mich imstande fühle zu schreiben. Sodass vielleicht der Grossteil meiner Gedichte aus jenem Alltagsbewusstsein herauskommen, für jenes Alltagsbewusstsein zeugen, für das zu zeugen keinesfalls lohnt. - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 132, 133, 134 (oben)
Die Klarheit selber ist verderblich, wo die grosse Not sie herstellt als eine Wand, die Finsternis verdecken soll.
02 Hinter einer dünnen Wand bin ich: es schimmert durch ein Lichtes, das ich nur ahne, nimmermehr erkenne. Das ist meine Krankheit: das Nichterkennen dessen, das ich vorhanden und erkennbar weiss. O Gefängnis ohne Ausgang: Ausgang ins Wort ist da. Doch ist das Wort erlaubt, wenn es nicht Wort der Erkenntnis ist?
03 Ich gehe in einem kleinen Zimmer // 135 stets auf und ab, als ob es keine Tür gäbe, keine Treppe in den Garten hinaus und in ein grosses Land.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Gleicher Text wieder im Tagebuch, 27.10.1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 134 (unten), 135 (oben)