Notizbuch 1950

Inhalt: Notizen, Prosa, 71 Entwürfe zu 54 Gedichten (8 Endfassungen)
Datierung: 7.12.1949 – 10.11.1950
Textträger: Blaues Notizbuch, liniert; Bleistift
Umfang: 144 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (7 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: C-2-b/03 (Schachtel 79)
Spätere Stufen: Manuskripte 1948-51, Typoskripte 1945-50, 1948-50, Kutter
Kommentar: 9 Texte rhythmische Prosa, 21 reine Prosanotate, 1 Briefentwurf
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (3 private Prosanotate nicht erschlossen)
Sehr verehrter Herr Professor,
01 unser Gespräch von gestern liess // 096 mir die Vieldeutigkeit und Mehrseitigkeit jeden Ausdrucks, den man seinem Inneren gibt, neu und fragwürdig erscheinen:
02 wenn in der Arbeit über Sebastian Franck ein zweifellos vorhandenes Misstrauen, eine Distanzierung von ehrwürdigen Formen, die aber dochwohl irgendwie in einem bestimmten Augenblick ihre unbedingte Herrschaft über die Seele verloren hatten, denen sie an einer bestimmten Wendung ihres Weges entfiel, wenn ein solches Misstrauen, eine solche Distanzierung darin sichtbar wurde, so ist mir anderseits seither, in den letzten zwei bis drei Jahren – als einen Wendepunkt möchte ich hier, // 097 wenn es Wendepunkte überhaupt gibt – meine erste Fahrt nach Rom im Frühjahr 1947 bezeichnen – noch bestimmender, verpflichtender klar geworden:
03 dass die grossen Gestalten, in deren Anschauung wir Europäer aufgewachsen und gebildet sind, wohl schlechterdings den einzigen übergreifenden, verbindlichen Wert darstellen, den wir zu vertreten, und darzustellen haben. Und in [in] diesem Zusammenhang erinnere ich mich gern des Wortes von Hofmannsthal, dass die katholische Kirche das einzige grosse Altertum sei, das uns in Europa übrig geblieben ist: in ihr ist die Einheit von Antike und Christentum, in Gestalt und // 098 Innerlichkeit, von Wort und Kunst, mit einem seltenen Glück vollzogen.
04 Insofern und genau insofern würde ich mich katholisch nennen: das mag wenig sein den Eiferern, mir aber, der ich etwas vom Zerstörenden, vom gänzlich Verneinenden der Revolte, des Nihilismus zu ahnen glaube, mir ist diese Entdeckung, die Sicht auf diesen Verlust wertvoll und eigentlich entscheidend.
05 Man muss sich nun fragen, was der dies Erkennende für eine Aufgabe hat: es ist doch wohl die: dass er das Ganze konkret sichtbar zu machen // 099 sucht, dass er die hohe und gültige Gestalt dem Zeitalter, den Empfänglichen und irgendwie Offenen des Zeitalters vermittelt: das wäre mir der Sinn der Dichtung, die Rechtfertigung meiner eigenen dichterischen Versuche.
06 Damit aber kommt zugleich noch ein anderes: das mystische Prinzip der reinen Innerlichkeit, des innerlich gebietenden Gottes, das, was doch das Grosse scheint an der Reformation, das ist immer da. Und es muss da sein, wenn nicht das Leben ersterben, wenn die Gestalt erfüllt und leuchtend bleiben will. Es muss also im Ganzen drin erscheinen, es muss // 100 die Verehrung der Gültigen durchleuchten, ohne sie revolutionär zu sprengen. Und hier liegt die Schwierigkeit, aber auch die Verlockung: dass diese Haltung gelingt, die Verehrung der Gestalt und der innere Gott müssen eins werden. Dies Postulat scheint mir entscheidend. Wie ich es erfülle, weiss ich noch nicht, ich bin am Anfang: aber dass mir diese Mitte zu erreichen, in dies Zentrum vorzudringen gelingt, daran entscheidet sich mir alles, in Leben und Kunst.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Adressat: Prof. Werner Kaegi (Raebers Doktorvater)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Brief
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 095 (unten), 096, 097, 098, 099, 100
Wie das Gespinst des Lichtes, Scheinlichtes wächst und zieht Irrefäden über diese verborgene Flamme, wie diese Stadt wächst, diese künstlichen Häuser über die Wiesen und den Schrei, den reinen Schrei der Grillen und das Rufen des Kuckucks: dieses glücklichern Vogels: der andere Vogel ist verworren und fährt hin und wieder im Netz im Gespinst falschen, verwirrenden Lichtes, Scheinlichtes, das überspinnt die wahre Flamme: die er sucht, der Vogel, jenseits darüber im betäubten Himmel der Nacht, jenseits der Stadt, über den Wiesen im Gesang der Grillen, diesem tönend bergenden Haus: // 102 und die Rufe des Kuckucks sind die lockenden Fenster in den Wald der geöffneten Stille: Wald, wo die Dunkelheit wächst bis nach der Mitte, wo strahlt das wärmende Feuer Rast den Müden und endlich Licht dem Irrschein entflohenen Vogel.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 101, 102 (oben)
Über die Unwirklichkeit: die Schattenhaftigkeit unserer geistigen Strebungen, soweit sie individuell sind. Was nur das Unsere ist, ist auch das Gefährdetste. Die Religion als die gesicherte Heimstätte des Geistes. Sie überdauert das bloss Individuelle. Gibt ihm jedenfalls // 103 Anteil am Allgemeinen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 102 (unten), 103 (oben)
Wirrsal der gestrandeten Träume, die hier gehn und rufen auf der Insel: die schweigt und schön ist im Meer, mitten im Meer; und sie wissen nicht, wo sie gehn. Sie ersehnen das klüftige Gebirg und gehn doch im Garten der Götter, wie in die Verbannung Verschlagne: Ja, ihnen ist der Garten Verbannung: was ist ihnen Duft, wehend her von den blühenden Bäumen, was der Gesang der Zikaden und das hohe Rauschen der Flut: solange begehrt ihr Herz und das Gewaltige will, // 104 solang es nicht weiss vom Glück der reinen Schau: der Ruhe im Einklang des Meers, des Himmels, der lebendigen Quelle, der Ruhe, darin geheim tönt das Ganze:
Denn nach Stillung der Sucht erhellt sie die Liebe zur Insel.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 103, 104 (oben)
Der sich losriss, Gefangner der Tiefsee, riss sich los und hinauf in die obern Wasser: wie war es da licht, wie war es da licht, nur noch licht endlich, überlicht, das tötete den Gefangnen, den jäh befreiten von den tiefen Wassern des Lebens, die waren sein Leben.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Zum Motiv des Tiefseefisches vgl. Die Lügner sind ehrlich 1960, S. 86
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 104 (unten)
Herzgesang, der aus dem Innern schwirrt
und sanft die Seele aus den Fesseln wirrt,
der wie die Taube auf den Gipfeln girrt:
wie hätte auch ein reinerer gefunden
05 das Tor, den wilden Wächter überwunden
nach ach so vielen kerkerdunklen Stunden?
Wenn nicht der tiefste Brunnen, aufgespart,
gesprengt die Schlösser und die Mauern hart,
aufschiessend Licht und Licht geoffenbart?
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 04 Emendation: gefunden, → gefunden
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 105
Der Schlummer, der in der Tiefe heilt,
wie abgeschüttelt ist er, abgefallen,
so jäh, und aus der Höhle
stehn die Schläfer, die letztem blutigen Kampf
05 entronnen, auf: wie steht das
kahle Feld von Blumen überwuchert:
sie gehn mit Kronen glänzend
und grösser wird bis an die Küste hin die Prozession.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 106 (oben)
Die Gefahr als Rettung vor dem Tod der Seele: als Zerreissen des Vorhangs vor dem Allerheiligsten. Der Blick ins Eigentliche wird in der äussersten Situation wieder gewährt: // 107 Anderseits muss erreicht werden: dass auch in der scheinbaren Sicherheit das Bewusstsein von der Wirklichkeit dessen, was ausserhalb liegt, bewahrt bleibt. Überhaupt: die innere Tiefe muss die stets offene Zisterne bleiben, offen auch und spendend, wenn der Regen ausbleibt. Auf nichts angewiesen sein ist der Anfang eines ganz neuen Lebens, eines Lebens, das ohne fiebrische Erregung dennoch lebt, aus sich selber sich lautlos erneuert.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 106 (unten), 107
O Gang an Firmamenten und auf Türmen
bist Sternen nur und Vögeln noch gewährt.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: 2zeiliges Fragment
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: fehlt
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 108 (oben)
Wie steht der Traum im Morgen öde, wie Kulisse nur noch da: das Fest ist leer und seine Gäste sind für ihr Lächeln, für die grosse Geste und für das Tragen dieser alten Kleider bezahlt.
02 So wird denn der, der aufbrach in die Freiheit des Ungewissen, der gefährlichen // 111 Versuche, geneigt sein, hieher zurückzukommen, wenn er, ermüdet, wieder ein Gegebnes sucht, eine begründete Gestalt, wird die Gewänder erneuern und die Posen der Alten: rührender Versuch ist das, doch nicht ohne Sinn und Schönheit: denn unter der Manier brennt die Wunde des Unheilbaren und die Sucht der unstillbaren Frage, Gewand und Pose trägt der, der längst von allem sich entfernt hat, dem nichts mehr gehört und der das Fremde nimmt im heitern Spiel des Weisen, dem alles gut ist, weil er weiss, dass alles doch nicht zureicht, das Unsägliche zu sagen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Ortsangabe: Venedig
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung, Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 110 (unten), 111
Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken
so sei dir zur Tröstung stets das Gewitter des Himmels:
sei dir das Toben der Lüfte, Donner und tötende Flamme,
die die verschlossenen weckt, und sprengt in die starren Gebirge
05 fördernde Stollen
öffnet wieder Quellen der Heilung, springend
aus den Sockeln uralt verschollener Bilder:
so bringt Schrecken Heiliges immer wieder
Mächtiges wirkend.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details:
V. 05 Strophenzäsur danach unsicher
V. 06 öffnet] ev. Öffnet - Besonderes: Ortsangabe: Basel
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 112
Wenn du nicht vermagst das Unlenkbare zu lenken,
sei zur Tröstung dir immer das Gewitter des Himmels:
sei dir das Toben der Lüfte, Donner und tötende Flamme
die die verschlossnen öffnet, weckt die versiegten Quellen
05 aus den Sockeln uralt verschollener Bilder, so bringt
Schrecken Heiliges wieder hervor, Mächtiges wirkend.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 113