Notizbuch 1950

Inhalt: Notizen, Prosa, 71 Entwürfe zu 54 Gedichten (8 Endfassungen)
Datierung: 7.12.1949 – 10.11.1950
Textträger: Blaues Notizbuch, liniert; Bleistift
Umfang: 144 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (7 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: C-2-b/03 (Schachtel 79)
Spätere Stufen: Manuskripte 1948-51, Typoskripte 1945-50, 1948-50, Kutter
Kommentar: 9 Texte rhythmische Prosa, 21 reine Prosanotate, 1 Briefentwurf
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (3 private Prosanotate nicht erschlossen)
Ausgegossne Fülle mitten in Markts Gepränge,
Teppich trug sie her, die seltenen Früchte:
aus Madagaskar Datteln, Pfirsiche aus dem Iran
und andalusische Mandeln.
05 Niemand aber sieht die Schätze, die her der Teppich trug
oder kaufte sie gar: Der Teppich
schon selbst ist ein fernes Land.
Was auf ihm liegt, ist niemals in der Nähe.
Bis dass der Zauberer kommt und mit der Flöte die Käufer lockt:
10 dann hört ein jeder aus seiner Brust
den eigenen Osten singen, des
eigenen Ostens Antwort an den Zauberjüngling
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: GESICHT IM MITTAG 1950
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 065
Wanderung des Wissens durch die Pforten
des Tags, der Nacht und ihres Überganges
führt endlich in die hellste Halle
die steht im Zenith alles Unsichtbaren:
05 dort hängt smaragdnes Ei hernieder aus der Kuppel,
bis einst in Scherben es zerstösst des Vogels,
des göttlichen, Erwachen und mit Kreisen
des heilenden Fluges füllt verwunschene Räume.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 066
Die Wanderung nach Wissen durch die Pforten
des Tags, der Nacht und ihres Überganges
führt in die lichte Alabasterhalle,
die steht im Zenith alles Unsichtbaren.
05 Das smaragdene Ei hängt nieder aus der Kuppel,
bis einst bei Vogels göttlichem Erwachen
es stürzt in Scherben und das tönende Kreisen
des Fluges füllt und heilt verwunschene Räume.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 067
Willst du dieses Bildnis ganz enthüllen,
Bildnis, das der Schatten noch bedeckt:
die Gefangnen weichen an den Eingang,
scheun den Grund noch mehr, den stets sie scheuten:
05 weil das Furchtbare, das in der Tiefe blieb bisher,
erwachen will, des Gefängnisses Gefängnis
bricht auf es heute? Fürchterlicher Freiheit
Abgrund öffnet er sich und verschlingt
in taube Tiefe die die Nacht schon drückte?
10 Schaut Gefangne an das abertote Auge // 069
weiss dann einer noch, dass je es Leben gab?
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: GESICHT IM MITTAG 1950
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 068, 069 (oben)
Ruf frei über der Öde,
Wachstum der Einsamkeit, die ihn mehrt,
der Wüste mehrt das Lied, das
die Früchte trägt, die Früchte
05 der Inseln. Sie kommen herein
auf den Schwingen des Liedes,
die Blumen der Inseln:
auch die Liebenden hier sind
eins mit jenen andern der reichen Ufer.
10 Die Erschütterten alle sehen das Licht,
sehen die kreisende Sonne
wo sie auch seien; sie ist ihrem // 070
Lichte verwandt, in ihm
grüsst sie Gesicht der uralten Zeit,
15 jener Helden Gesichter, und der uralten Könige,
die alle das Eine geschaut.
In ihm sind sie alle gegenwärtig,
sind sie alle, die Fernsten ver-
gangnen und jene von heute,
20 vereint, kreisend in dieser Kuppel,
diesem geöffneten Kelch,
dessen Staubblätter glühn, drei Staubblätter,
getragen von der schwebenden Kraft,
die kommt aus dem mittelsten Punkt.
25 Blätter der Blume, Gestirne // 071
kreisende Musen der Sphären.
Singende Schwestern: Geleiterinnen der Seelen,
im Aufstieg, im Aufstieg nach der Mitte der Blume,
im Abstieg nach der inneren Mitte,
30 denn jeder letzte, jeder glühendste
Punkt ist mit dem andern identisch.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 069 (unten), 070, 071 (oben)
Aus der gestürzten Schale fällt
der Tropfen nieder, glühender
Tropfen des Weins,
ihm folgt Tropfen für Tropfen:
05 weil der Gott, wie er hob den Becher zum Munde
jenen Schrecklichen sah, der // 072
aus der Öde hereinkam, übergewaltig
und fürchterlich blickend.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 071 (unten), 072 (oben)
Aus der gestürzten Schale
fallen die glühenden Tropfen
letzte glühende Tropfen,
weil der Gott,
05 da er hob den Becher zum Munde
vor jenem Fürchterlichen erschrak
der aus der Öde hereinkam,
ungeheuer und mit seinem Schatten
die Halle verdunkelnd.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 072 (Mitte)
Aus der gestürzten Schale rinnen letzte glühende
Tropfen, weil den Gott, da er hob den Becher zum Munde // 073
jener Ungeheure schreckte, der aus der Ödnis,
mit seinem Schatten die Halle verdunkelnd, plötzlich hereintrat.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 072 (unten), 073 (oben)
Aus der gestürzten Schale rinnen Tropfen, glühend,
weil den Trinker, da er hob den Becher zum Mund,
jener schreckte, der Ungeheure, der aus der Ödnis,
mit seinem Schatten die Halle verdunkelnd, plötzlich hereintrat.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 073 (unten)
O der schöne, der noch verständliche Himmel:
bald ist er geschlossen und jene Schale
von neuem darüber gefügt, die ihn einstmals verdeckte.
Speise wird die Erinnerung sein an die gnädige Öffnung,
05 leuchtenden Blick aus der Bläue herab,
Flutung des Hellen herab in die Ödnis.
Jener Augen, die nicht schliefen inmitten der Nacht,
die sinnend ruhten im Staub, wie
aufging die Freudenerscheinung:
10 immer dringt aus ihnen auf die anderen ein
Wissen um die Gestirne, die Lenker, die herzerschütternde Freude des Anblicks.
(Wieder ist er, der schöne, der noch verständliche Himmel // 075
ganz geschlossen und jene Schale von neuem
darüber gefügt, die ihn einstmals verdeckte.)
15 Hinter der Hülle verborgen, dem ehernen Helm
sind sie sonst nun, und jene andern
wissen nichts von dem Himmel, da sie schliefen,
Nahrung der Steppe musste ihnen genügen zuvor und genügt ihnen heute.
Käme ihnen nicht der Hunger nach reiner Speise, nach der Labung des Himmels,
20 nach der Schauung des enthüllten höchsten Gewölbes, // 076
käme ihnen nicht dieser unbezwingliche Hunger,
Kenntnis vergessner Verwandtschaft,
aus jener Augen, aus jener Seelenworte die sahn,
kosteten Glück und des ungeschwächt Wirklichen Dasein.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 20 Emendation: Gewöllbes → Gewölbes
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 074, 075, 076 (oben)
Entlassenes Licht, das noch in der Hölle schwebt,
Fackel flackernd durch die Räume wieder.
Warum die Sonne dies aus ihrem Kreisen sandte:
sie besitzt alles und kann nichts verlieren,
05 soviel sie schenkt auch. // 077
So reist sie über den Gängern auch in der dunkeln Wölbung.
Geheimnisvoll bewegt und von innen nirgends ruhig.
So begegnen drin die Söhne der Götter,
verbannt und doch verstossen nicht:
10 sie leben in der Flamme, die unsterblich ist.
Sie haben vom Gestirn geraubt, was es ihnen schenkte.
Und Raub und Schenkung bleiben gültig.
Jenen andern bleibt es, auf dem Berg zu warten,
bis eins der Feuer im Vorüberfahren
15 ergreift und mit sich trägt, // 078
doch fasst es nur den, der irdischer Hülle
sich ganz entschlägt und nackt
auf der Höhe harrt, im stürmischen Wind und Regen:
den fasst es einst vielleicht und trägt ihn durch die Kerkerräume,
20 bis einst vielleicht der übergrosse Sturm
ihn heimweht in die Sonne und die Versammlung der befreiten Brüder.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 076 (unten), 077, 078 (oben)
Spiel ohne Ende, vom Hereinklang genährt
aus dem grossen Lauf der seienden Dinge, // 079
schön für die Sitzenden in den Wiegenetzen
in den an Seilen wiegenden Gittern,
05 die von den Kräften, den
Strahlen die ausgehn von hier und kommen von dort
Getragenen Spieler.
Vorrat an Bällen ist gross, ist unendlich,
und noch nicht, lange noch nicht
10 sind alle ergriffen.
Noch nicht ist der Spieltanz vollendet
von Gitter zu Gitter und der Schritt über die
Kraft-Seile alle,
was denn schadet der Fall und
ein Versehen des Fusses? // 080
Den Stürzenden fängt ein anderes Netz,
15 ein anderes Gitter, an Seilen sicher
schwankend befestigt, bebend auf.
Und schaukelnd liegt er unter andern,
bunteren Bällen.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: GESICHT IM MITTAG 1950
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 078 (unten), 079, 080 (oben)