Notizbuch 1950

Inhalt: Notizen, Prosa, 71 Entwürfe zu 54 Gedichten (8 Endfassungen)
Datierung: 7.12.1949 – 10.11.1950
Textträger: Blaues Notizbuch, liniert; Bleistift
Umfang: 144 beschriebene Seiten
Publikation: Gesicht im Mittag (7 Gedichte), Verstreutes (3 Gedichte)
Signatur: C-2-b/03 (Schachtel 79)
Spätere Stufen: Manuskripte 1948-51, Typoskripte 1945-50, 1948-50, Kutter
Kommentar: 9 Texte rhythmische Prosa, 21 reine Prosanotate, 1 Briefentwurf
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften (3 private Prosanotate nicht erschlossen)
Dieses Dürsten nach den ältsten Quellen
und Sucht nach Kräutern in des Waldes Mitte:
die Wege führen hin von allerwärts.
Wo an den offnen Wassern unbekannte Beeren
05 wachsen, entdecken einige die fremde Kraft,
die ihren Ursprung Furchtlosen verrät,
die selbst die Wandlung an den Rändern überdauern,
das Nachtgeschrei der Vögel nicht erschreckt,
ihr nahes Flattern in dem Dörnicht.
10 Es gibt, die eine Säule leitet, der Göttin vorlängst
aufgestellt. Die andern aber fol- // 053
gen jenem Bildnis, das je näher zielwärts,
glühender in ihrer Seele steht.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 052, 053 (oben)
Nun ist Trübnis noch hier, die Höhen
bewölkend, nun im Tale der Dust den Bächen entlang.
Den Fahrenden sind die stillen Gespräche zur Tröstung,
da ihnen wandert der Gott
05 geistiger leuchtend dabei.
Herberg suchend am Abend sind sie den Schwellen bereitet,
die den heiligen Gast nehmen in Frömmigkeit auf.
Nicht ist jeglichem Haus solche Empfängnis versprochen, // 054
aber der düstere Tag bringt oft das Heilige ein.
10 Bringt oft der Wanderer zwei, die sich am Wege gefunden
und mit dem leuchtenden Blick
kommt noch der Dritte zugleich.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 053 (unten), 054 (oben)
Ob auch die Höhen betrübt der grauliche Nebel
und im Tale der Dust wölkt sich den Bächen entlang
sind den Fahrenden noch die stillen Gespräche zur Tröstung,
da ihnen wandert der Gott geistiger leuchtend dabei.
05 Herberg suchend am Abend finden sie Schwellen bereitet,
die den zufälligen Gast, nehmen in Frömmigkeit auf. // 055
Nicht zwar jeglichem Haus ist solche Empfängnis versprochen,
aber der düstere Tag bringt oft das Heilige ein:
bringt der Wanderer zwei, die sich am Wege gefunden
10 und mit dem leuchtenden Wort kommt auch der dritte zugleich.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Distichen (ausgenommen V. 01)
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 054 (unten), 055 (oben)
Und hält der Schiffer
des Bootes Last
nur über den Tiefen
nur über der Nacht
05 so kommt zu dem Fange
dem reichlichen ein
von selbst an die Angel
der heilige Schatz:
die Muschel der Tiefe // 056
10 verhülltes Licht
enthüllt sich dem Schiffer,
der nie es gesucht.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 11 Emendation: den → dem
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 055 (unten), 056 (oben)
Wer der Erde Fährlichkeit entrönne,
den fasste doch die Flut, der er bestimmt,
der starke Sog, dem der Verlorne nur entrinnt,
damit er seine Tiefe nicht gewönne:
05 Das Tosen reisst den Unbewahrten nieder,
mit seiner letzten Klarheit in die Gischt
bis aus der Hölle rettungsloser Mitte, wieder // 057
beschwichtigt unerhört¿, aufscheint das ungesehene Licht.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details:
V. 01 Emendation: wer → Wer
V. 06 Emendation: Klarheit Klarheit → Klarheit
V. 08 Emendation: beschwigtigt → beschwichtigt - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 056 (unten), 057 (oben)
Und wer der Erde Fährlichkeit entrönne
den fasste doch die Flut, der er bestimmt,
der Sog, dem der Verlorne nur entrinnt,
damit er seine Tiefe nicht gewönne:
05 Das Tosen reisst den Unbewahrten nieder
und seine letzte Klarheit in die Gischt
bis aus der Hölle Mitte jäh das Licht
das ewig vor geschaute aufglänzt wieder
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Details: V. 01 Emendation: Wer → wer
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 057 (unten)
Flieht der Tag,
der die reine Natur,
die wandelnde, in Wäldern geborgne,
an Bächen geduckte
05 bog und zerbrach:
dann kommt die Nacht zurück
mit klarer Dämmerung
und mit den Schatten der Sanftmut,
die heilen die Verletzte
10 und der Verwundeten
ziehen den Dorn aus dem Fuss,
den sie schmerzend nachzieht.
In der Höhle ist ihr ein Lager bereitet
für den Schlummer
und geheimen Weg
15 in jenen anderen Tag,
der nicht aufgeht und endet.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 058
Die Beziehung zum Vergangenen:
01 Da im Grunde nichts vergeht, es keine Abscheidung gibt von irgend einem wesentlich Zugehörigen, muss der Punkt erreicht werden, wo alle vergangenen Situationen zugleich erlebt werden können und zwar ohne dass sie sich Abbruch tun oder widersprechen, sondern so, dass sie alle zusammen erst ein ganzes Erlebnis bilden, die ganze erlebte Realität darstellen. Annäherung an diesen Punkt wäre praktische Annäherung an die Gestalt. Überflüssig zu sagen, dass auch dieser Punkt nicht erreicht werden kann, was die Leidenschaft der Annäherung nicht mindern, sondern steigern soll: es kann immer noch ein Mehreres erreicht werden. // 060
02 Die Gefahr der Erstarrung mit dem zunehmenden Abstand von der Erschütterung: die Erschütterung als Quelle einer sich fortpflanzenden Bewegung. Sie muss also stets wieder in der Erinnerung reproduziert werden. Auch hier muss sich eine Beherrschung der Mittel immer mehr ausbilden, die Verfügung über den in der Tiefe ruhenden Erinnerungstoff: alles Vergangene muss potentiell stets gegenwärtig sein.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Fortsetzung am gleichen Tag. Gleicher Text im Tagebuch, 31.1.1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosanotat
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 059, 060 (oben)
Die Glut, die ich jenseits sehe
und das Getümmel der Schrei-
aufgebrochenen Nacht, wie zuckt es
nicht in meine hoch gelegene // 061
Kammer. Durch die offenen Fenster. Die Burg ist nicht fest, und dies allein wäre schrecklich, wenn sie mich hielte in undurchdringlichen Mauern. Wenn die Schlacht sich fern zöge hinter die Wälder und ich, untauglich zum Krieg, nicht mehr säh an der Decke roten Widerschein und den Schrei und das Klirren der Helden. Dies nur lindert den Schwachen, dass ihm die Mitte gewährt ist, wo die volle Rundung erscheint und die Bruderschaft unter den Streitern: denn das Reinste wird im Beschauer.
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- Konvolut: Notizbuch 1950
- Besonderes: Übergang zu rhythmischer Prosa
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Prosagedicht
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 060 (unten), 061
Dem Gänger auf der Hügelstrasse
sind die vier Götterbilder
rein am Saum entlang: der erste,
dem die klare Stirne leuchtet,
05 die zweite, die Verborgnes unberührbar schützt,
die dritte, die des Lebens Mitte öffnet,
der vierte, der die Traube dann gewährt.
So führt der hell Besonnene bis hin zum Rausch-Entrückten,
indes die Gärten sich zu Tale senken,
10 wo von der Kaisersäule bis zur Kaisersäule
der Tänzer geht auf bebend hoch gespanntem Seil.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 062
Dem Gänger auf der Hügelstrasse sind
vier Götterbilder rein am Saum Geleiter:
der erste, dem die klare Stirne leuchtet;
die zweite, die Verborgnes unberührbar schützt;
05 die dritte, die des Lebens Mitte öffnet;
der vierte, der die Traube dann gewährt.
So wird Besonnener zum Rausch-Entrückten,
indes der Weg durch Gärten steigt zu Tale,
wo von der Kaisersäule hin zur andern
10 der Tänzer geht auf hoch gespanntem Seil.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 063
Die ausgegossne Fülle liegt auf dem Teppich
mitten in Markts Getriebe: der
Teppich trug sie her, die seltnen Früchte.
Aus Madagaskar Datteln, Pfirsiche
05 aus dem Iran und andalusische Mandeln.
Doch niemand sieht, was her
der Teppich trug. Doch niemand
kauft die Schätze. Der Teppich ist
schon selbst ein fernes Land.
10 Was auf ihm liegt, ist niemals in der Nähe.
Bis dass der Zaubrer kommt und
mit der Flöte die Käufer lockt:
dann hört ein jeder aus seiner
Brust den eignen Osten singen,
15 des eignen Ostens Antwort an den zauberischen Jüngling.
- Details
- Konvolut: Notizbuch 1950
- Letzter Druck: GESICHT IM MITTAG 1950
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Erste Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: C-2-b/03
- Seite / Blatt: 064
- Werke / Chronos: Dieses enorme Gedicht, 66