Manuskripte 1957
Inhalt: 89 Manuskripte und 11 Typoskripte zu 24 Gedichten und 2 szenischen Texten (2 Endfassungen)
Datierung: 27.11.1956 – 31.12.1957
Textträger:114 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Gedichttyposkripten und bräunliche Blätter
Umfang: 27 Dossiers, 192 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (10), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-d/02 (Schachtel 37)
Herkunft: Mappe EG 57
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften
Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle:
„Wie unter Tiburs Bäumen,
05 wenn da der Dichter sass
und unter Götterträumen
der Jahre Flucht vergass …“
die dürren Gebirge zum Grünen.
Treibt den einen in die Hotelbar, die
10 von langen Wimpern
und schlecht geröteten Lippen
erhitzten Schnäpse zu trinken.
Den andern erregt sie,
die rauhe Uralte,
15 sie selber zu suchen: Er läuft
zum Tempel. Sie hat sich // 03v
in der Cella verborgen.
Voll strahlt jetzt erst
der Mond, die Hänge
20 duften, die Droge
wäre vielleicht jetzt am stärksten.
Doch ihn erschrecken
Ruinen schon wieder, und Blüten
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern.
25 Und selbst die Kaskaden; sie fallen
stumm vor der Stimme,
die aus dem Tempel die Strophe:
„Wo ihn die Ulme kühlte
und wo sie stolz und froh
30 um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio“
mechanisch heiser herabschreit.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Details: V. 27 dem Tempel] der Cella (Alternativ-Variante)
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: GEDICHTE 1960
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_025
- Seite / Blatt: 03r/v
Nur in den ersten
Nächten des Frühlings erregt
der Gesang der Sibylle:
„Wie unter Tiburs Bäumen,
05 wenn da der Dichter sass
und unter Götterträumen
der Jahre Flucht vergass …“
die dürren Gebirge zum Grünen.
Treibt den einen in die Hotelbar, die
10 von Lippenrot heissen
Schnäpse zu trinken.
Den andern erregt sie,
die rauhe Uralte
selber im Tempel zu suchen: Sie hat sich
15 in der Cella verborgen. // 04v
Und voll
strahlt jetzt erst der Mond. Die Hänge
dampfen; die Droge
wäre jetzt wohl am stärksten.
20 Doch ihn erschrecken
Ruinen schon wieder, und Blüten
fand er so üppig sonst nur auf Gräbern.
Sogar die Kaskaden, sie fallen
stumm vor der Stimme,
25 die aus der Cella
„wo ihn die Ulme kühlte
und wo sie stolz und froh
um Silberblüten spielte,
die Flut des Anio“
30 im Wachtraum heiser herabschreit.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: GEDICHTE 1960
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_025
- Seite / Blatt: 04r/v
01 Chiron, legt die Leier beiseite: Ich glaube, ich habe dich jetzt alles gelehrt, was ich dich lehren kann<.>
02 Achill: Heisst das, dass du jetzt nicht mehr mit mir sprechen willst?
03 Chiron: Das heisst es sicher nicht. Aber es ist nicht mehr nötig, sowie es diese drei Jahre lang vielleicht nötig war.
04 Achill: Nein, erst jetzt fängt unser Gespräch an interessant zu werden, seit du vor vierzehn Tagen die Leier das erste Mal beiseite legtest.
05 Chiron: Nur die Leier konnte ich dich lehren. Daran hatte unser Gespräch Halt. Ohne bedürfte es eines Aufwands von deiner und meiner Seite, von dem ich nicht weiss, ob du bereit bist, ihn zu leisten. Und ich glaube auch gar nicht, dass du ihn leisten sollst. Ich habe erreicht, was ich wollte, was ich erhoffen durfte; du brauchst mich nicht mehr.
06 Achill: Du willst mich verlassen?
07 Chiron: Und dabei bist du der, welcher den Abschied will. Nur weil du jung und zutraulich bist und weil man // 01v dir viel von Dankbarkeit und Treue gesprochen hat, willst du es im Augenblick nicht wahr haben. Aber das gibt sich schnell. Es ist genau umgekehrt: ich bin der, welcher dich bitten möchte, dessen Seele bittet, den Abschied aufzuschieben, mit mir weiterzuleben wie bisher.
08 Achill: Aber das will ich doch!
09 Chiron: Es ist nicht möglich, nachdem ich die Leier weggelegt habe. – Du schaust mich an, Achill! Stört dich, dass ich ein Kentaur bin
10 Er wendet sich zur Höhle.
11 Achill: Du gehst?
12 Chiron, ruft zurück: Behalte die Leier, ich schenke sie dir.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes:
Blatt beidseitig beschrieben
Verso: unten Typoskript↑ (Zwischen den Kerzen, V. 01-05) - Letzter Druck: GEDICHTE 1960
- Textart: Szenisch
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_027
- Seite / Blatt: 01r/v
01 Chiron, legt die Leier beiseite: Ich glaube, ich habe dich jetzt alles gelehrt, was ich dich lehren kann.
02 Achill: Heisst das, dass du jetzt nicht mehr mit mir sprechen willst?
03 Chiron: Das heisst es sicher nicht. Aber es ist nicht mehr nötig, so wie es diese drei Jahre lang vielleicht nötig war.
04 Achill: Nein, erst jetzt fängt unser Gespräch an interessant zu werden, seit du vor vierzehn Tagen das erste Mal die Leier weggelegt hast.
05 Chiron: Nur die Leier konnte ich dich lehren. Daran hatte unser Gespräch Halt. Ohne bedürfte es eines Aufwands von deiner und meiner Seite, von dem ich nicht weiss, ob du bereit bist, ihn zu leisten. Und ich glaube auch gar nicht, dass du ihn leisten sollst. Ich habe erreicht, was ich wollte, was ich erhoffen durfte; du brauchst mich nicht mehr. // 03
06 Achill: Du willst mich verlassen?
07 Chiron: Und dabei bist du der, welcher den Abschied will. Nur weil du jung und zutraulich bist und weil man dir viel von Dankbarkeit und Treue gesprochen hat, willst du es im Augenblick nicht wahr haben. Aber das gibt sich schnell. Es ist genau umgekehrt; ich bin der, welcher dich bitten möchte, dessen Seele bittet, den Abschied aufzuschieben, weiterzuleben mit mir wie bisher.
08 Achill: Aber das will ich doch.
09 Chiron: Es ist nicht möglich, nachdem ich die Leier weggelegt habe. – Du schaust mich an, Achill! Stört dich, dass ich ein Kentaur bin?
10 Er wendet sich zur Höhle.
11 Achill: Du gehst?
12 Chiron, ruft zurück: Behalte die Leier, ich schenke sie dir.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Verso: Typoskript (Der Mund)
- Letzter Druck: GEDICHTE 1960
- Textart: Szenisch
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_027
- Seite / Blatt: 02, 03