Manuskripte 1957
Inhalt: 89 Manuskripte und 11 Typoskripte zu 24 Gedichten und 2 szenischen Texten (2 Endfassungen)
Datierung: 27.11.1956 – 31.12.1957
Textträger:114 Einzelblätter (A4-Format); v.a. durchscheinende Makulatur von Gedichttyposkripten und bräunliche Blätter
Umfang: 27 Dossiers, 192 beschriebene Seiten
Publikation: GEDICHTE (10), Verstreutes (2)
Signatur: A-5-d/02 (Schachtel 37)
Herkunft: Mappe EG 57
Wiedergabe: Edierte Texte, Abbildungen, Umschriften
Der Lampion treibt im Gelächter
auf den Gesprächen der Gäste dahin,
bis morgens vier Uhr der Sturm ihn davonträgt
und er an der Zacke zerschellt
05 und seine Reste,
unkenntlich verbeult
liegen unter der Wandung des Donners.
Da steht in der Meerwiese ganz anders
still das Nachmittagsstrandfloss:
10 das Auge packt zu
und greift eine flatternde Stunde vom Mast
und lacht bloss hinüber
zum stiebenden Wettlauf der braunen Minuten.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Bräunliches Papier; Überarbeitung: 3.5.1957
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_009
- Seite / Blatt: 03
Der Lampion treibt im Gelächter
auf den Gesprächen der Gäste dahin,
bis morgens vier Uhr der Sturm ihn davonträgt
und er an der Zacke zerschellt
05 und seine Reste,
unkenntlich verbeult,
liegen unter der Wandung des Donners.
Da steht in der Meerwiese ganz anders
still das Nachmittagsstrandfloss:
10 das Auge packt zu
und greift sich eine flatternde Stunde vom Mast
und lacht bloss hinüber
zum stiebenden Wettlauf der braunen Minuten.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Typoskript mit Direktkorrekturen
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: nur Jahr
- Fassung: Letzte Fassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-d/02_009
- Seite / Blatt: 04
Dass du mir nicht in Birnau
mit den anderen Schiffern einstiegst in die bizarre
rosige Muschel,
sondern es vorzogst, mit jähem
05 Willen die Zustellung des ohnehin unvermeidlichen
Befehls an der Autobahn zu erzwingen.
Nicht erlaubt ist dies Auge,
das nur schaut und nichts ansieht.
Das hattest du nun zu verstehen beschlossen:
10 die Gefahr für die andern
Verkehrsteilnehmer
bei so plötzlichem Wechsel des Ganges. –
Überhaupt „was tun Sie hier an der Strasse?“
„Nichts, nichts, was sollte ich wollen?
15 Wissen Sie nicht? …“
Du hast leider vergessen, // 02
dich vorzeitig mit andern
zwecks Wahrnehmung deiner Interessen
zusammenzuschliessen.
20 Aber du weisst von keinen Interessen,
es sei denn von diesem Bedürfnis,
das auf einmal unüberwindlich da ist,
mit dem Fuss einen dürren
Zweig vom Strassenrand weg
25 in die ängstlichen Gräser zu schieben.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Details: V. 12 Ganges] auch entzifferbar als Glanzes
- Besonderes: Verso: Typoskripte (Der Mund (Sacro Bosco in Bomarzo)), durchgestrichen
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_010
- Seite / Blatt: 01, 02
Dass du mir nicht mit den anderen Schiffern
einstiegst in Birnau
in die rosig erlöschende Muschel,
sondern es vorzogst,
05 an der Autobahn die Zustellung
des ohnhehin unvermeidlichen Befehls zu erzwingen! …:
Nicht erlaubt ist dies Auge,
das nur schaut und nicht ansieht.
Immerhin, das hattest du nun zu verstehen beschlossen:
10 die Gefahr für die andern // 03v
Verkehrsteilnehmer
bei so plötzlichem Wechsel des Glanzes. –
Aber „was tun Sie hier an der Strasse?“
„Nichts nichts, was sollte ich wollen?“
15 „Wissen Sie nicht? …“
Du hast leider vergessen,
dich rechtzeitig mit andern,
zwecks Wahrnehmung deiner Interessen
zusammenzuschliessen.
20 Du weisst von keinen Interessen,
es sei denn von diesem Bedürfnis,
das manchmal unüberwindlich da ist,
mit dem Fuss einen dürren
Zweig vom Strassenrand weg
25 in die Gräser zu schieben.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_010
- Seite / Blatt: 03r/v
Dass du mir nicht mit den anderen Schiffern
einstiegst in Birnau
in die rosig erlöschende Muschel,
sondern es vorzogst,
05 die Zustellung des ohnehin
unvermeidlichen Befehls
an der Autobahn zu erzwingen! …
Nicht erlaubt ist dies Auge,
das nur schaut und nicht ansieht.
10 Immerhin, das hattest du nun zu verstehen beschlossen:
die Gefahr für die andern
Verkehrsteilnehmer
bei so plötzlichem Wechsel des Glanzes. – // 04v
Aber „was tun Sie hier an der Strasse?“
15 „Nichts, nichts, was sollte ich wollen?“
„Wissen Sie nicht …?“
Du hast leider vergessen,
dich rechtzeitig mit andern,
zwecks Wahrnehmung deiner Interessen,
20 zusammenzuschliessen.
Du weisst von keinen Interessen,
es sei denn von diesem Bedürfnis,
das manchmal unüberwindlich da ist,
einen dürren Zweig von der Strasse weg
25 mit dem Fuss in die Gräser zu schieben.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben; Überarbeitung: 3.5.1957
- Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_010
- Seite / Blatt: 04r/v
Dass du nicht mit den anderen Schiffern
einstiegst in Birnau
in die rosig erlöschende Muschel,
sondern es vorzogst,
05 die Zustellung des ohnehin
unvermeidlichen Befehls
an der Autobahn zu erzwingen....
Nicht erlaubt ist dies Auge,
das nur schaut und nicht ansieht.
10 Immerhin, das hattest du nun zu verstehen beschlossen:
die Gefahr für die andern
Verkehrsteilnehmer
bei so plötzlichem Wechsel des Glanzes. –
Aber "was wollen Sie hier an der Strasse?"
15 "Nichts, nichts, was sollte ich wollen?"
"Wissen Sie nicht …?"
Du hast leider vergessen,
dich rechtzeitig mit andern,
zwecks Wahrnehmung deiner Interessen,
20 zusammenzuschliessen.
Du weisst von keinen Interessen,
es sei denn von diesem Bedürfnis, // 05v
das manchmal unüberwindlich da ist,
einen dürren Zweig mit dem Fuss
25 von der Strasse weg in die Gräser zu schieben.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes:
Typoskript mit Direktkorrekturen und Tintenkorrektur;
Blatt beidseitig beschrieben - Letzter Druck: Verstreutes
- Textart: Verse
- Datierung: nur Jahr
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Schreibmaschine
- Signatur: A-5-d/02_010
- Seite / Blatt: 05r/v
Du folgst mir, Schmetterling,
durch alle Gassen von Lucca,
Herbstblatt, aus dem aperspektivischen
Hain des Doms mir gekommen.
05 Verfolgst mich und fliehst nicht
vor dem unduldsam entfalteten
riesigen Vogel Michael,
der auf seines Gegenwalds Gipfel
den Drachen durchbohrt.
10 Du folgst mir herein in das dunkle
Dickicht und wehst von der einen
Blüte korinthischem Duften zur andern
und ziehst mich zum Sarkophag,
den du mit Flügeln erleuchtest, // 01v
15 verwischend vergossenes Blut,
der Toten Gebeine leicht überfächelnd.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes:
Blatt beidseitig beschrieben
Verso: Typoskript (Der Mund), durchgestrichen - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_011
- Seite / Blatt: 01r/v
Du folgst mir, Schmetterling,
durch alle Gassen von Lucca,
Herbstblatt, aus dem aperspektivischen
Vorhain des Doms mir gekommen.
05 Du verfolgst mich und fliehst nicht
vor dem unduldsam entfalteten riesigen
Vogel Michael,
der den Drachen durchbohrt
auf seines Gegenhains Gipfel.
10 Gegenhains, der verbirgt den
Wald, wohin du mir folgst
und wehst von der einen // 02v
korinthischen Blüte zur andern,
mir vorwehst schliesslich, mich ziehst
15 zum Sarkophag, den du flügelnd mit dem süssen
korinthischen Staub überstreust,
verwischend vergossenes Blut,
überfächelnd Gebeine.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Details: V. 06 unduldsam] herrschsüchtig (Alternativ-Variante)
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_011
- Seite / Blatt: 02r/v
Du folgst mir, Schmetterling,
durch alle Gassen von Lucca,
Herbstblatt aus des Doms
aperspektivischem Vorhain.
05 Verfolgst mich und fliehst nicht
vor dem unduldsam entfalteten Vogel
Michael, der den Drachen durchbohrt
auf seines Gegenhains Gipfel
und den Wald verbirgt, wohin du
10 wehst, wo du wehst von der einen
korinthischen Blüte zur andern, // 03v
mir vorwehst, mich zum Sarkophag ziehst,
den du mit dem süssen
Staub überstreust,
15 bedeckend geronnenes Blut,
Gebein überfächelnd.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Letzte Fassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_011
- Seite / Blatt: 03r/v
Über das von Glühlampen umkränzte Madonnenbild, das am 8. Dezember
vor den versammelten Schülern im Chorgewölbe der Luzerner Jesuitenkirche schwebt.
Sie fährt in ihrem Kranz aus elektrischen Lämpchen
durch die Gespensterbahn des Gehirnlabyrinthes:
und stösst jäh auf den Zahnarzt,
der aufsteht und den Bohrer neu in den schreienden Schmerz gräbt.
05 Sie leuchtet in ihrem Winkel die graue
Hand des Lehrer an, die eben die Lateinarbeit (blutrünstig) rötet.
Und feucht wischt ihr übers Gesicht
die Angst um die Versetzung im Frühjahr.
Es braucht jetzt nur noch das Tier dort sich zu recken,
10 purpurn zu stöhnen:
und sie kehrt zurück in den Altarraum. // 01v
Aber leider beruhigt sie sich nicht unter den Phrasen des Mönchs:
„O unbefleckt Empfangene du …“
Zwei Glorienstrahlen sind schon erloschen.
15 Für den Rest ist höchstens noch Hoffnung
wenn der Küster die Sicherung wechselt.
Aber man fürchtet schon, es liegt an den Lampen.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Besonderes:
Blatt beidseitig beschrieben
Verso (oben): Gedicht-Typoskript (Der Mund), durchgestrichen - Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_012
- Seite / Blatt: 01r, 01v (unten)
Über das von Glühlampen umkränzte Madonnenbild, das
jährlich am 8. Dezember vor den versammelten Gymnasiasten
im Chorgewölbe der Luzerner Jesuitenkirche schwebt.
Sie fährt in ihrer Angst aus elektrischen Lämpchen
durch die Gespensterbahn des Gehirnlabyrinths
und läuft schon den Zahnarzt an,
der aufsteht und den Bohrer in den neu schreienden Nerv gräbt.
05 Sie leuchtet in ihrem Winkel an die graue
Hand des Lehrers, die eben die Lateinarbeit schlachtet.
Und die Angst um die Versetzung im Frühjahr
wischt ihr feucht übers Gesicht. // 02v
Es braucht jetzt nur noch das Tier dort
10 sich purpurn zu recken, zu stöhnen:
und sie schwankt zurück in den Altarraum.
Aber leider genügen die Phrasen des Mönchs:
„O unbefleckt Empfangene du …“
nicht mehr, sie zu beruhigen.
15 Zwei Glorienstrahlen sind schon erloschen;
für den Rest ist höchstens noch Hoffnung,
wenn der Küster die Sicherung wechselt.
Aber man fürchtet bereits, es liegt an den Lampen.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Details:
V. 05 in ihrem] im (Alternativ-Variante)
V. 07 Angst] Sorge (Alternativ-Variante) - Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_012
- Seite / Blatt: 02r/v
Wachtraum eines Schülers vor dem von Glühlampen umkränzten Madonnenbild, das jährlich
am 8. Dezember vor den versammelten Gymnasiasten der „Grossen
marianischen Kongregation“ im Chorgewölbe der Luzerner Jesuitenkirche schwebt.
Sie fährt in ihrer Angst aus elektrischen Lämpchen
durch das Gespensterlabyrinth des Gehirns
und fährt gleich auf den Zahnarzt und macht
ihn aufstehn und neu sausen den Bohrer im Nerv.
05 Sie leuchtet im Winkel die graue
Hand des Lehrers an, die eben
die Lateinarbeit schlachtet.
Und die feuchte Sorge um die Versetzung im Frühjahr
wischt ihr übers Gesicht. // 03v
10 Es braucht jetzt nur noch das Tier dort
sich stöhnend zu recken,
und sie schwankt
zurück in den Altarraum.
Aber leider genügen die Phrasen des Mönchs:
15 „O unbefleckt Empfangene du …“
nicht mehr, sie zu beruhigen.
Zwei Glorienstrahlen sind schon erloschen;
für den Rest ist höchstens noch Hoffnung,
wenn der Küster die Sicherung wechselt.
20 Und man fürchtet bereits, es liegt an den Lampen.
- Details
- Konvolut: Manuskripte 1957
- Details: Untertitel: Emendation: umkränzte → umkränzten
- Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt beidseitig beschrieben; Fortsetzung 3.5.1957
- Letzter Druck: Unpubliziert
- Textart: Verse
- Datierung: vollständig
- Fassung: Zwischenfassung
- Schreibzeug: Bleistift
- Signatur: A-5-d/02_012
- Seite / Blatt: 03r/v