Entstanden: 01. Dezember 1957

Die Fischhändlerin leert
den Eimer aus auf die Strasse: das Wasser 
kommt nicht auf gegen den heissen 
Asphalt und ist, kaum 
05 er es nur begriff, schon verdunstet. 

Der Fisch aber war, 
als man ihn fing heute früh, 
gerade so weit gekommen: 
„Seit ich einmal, von Licht und Wärme 
10 gelockt, dorthin hinaufstiess, 
von wo vor langem der Riese // 05v
viele der unsern erschlagend, 
herabgestürzt war: 
der Meteor, der seither, Seesterne 
15 im Ohr, auf der Brust 
Polypen, daliegt, das Bild eines Hochfischs … 

Seit ich einmal hinaufstiess, 
fürchte ich mich: Das Kühle 
war nicht mehr da, mir erstarrten 
20 die Kiemen. Die Flossen 
fanden keinen Widerstand mehr, 
sich fächelnd voran zu bewegen … . 

Kam der Hochfisch von dort, gehn wir 
alle dorthin und verlieren Kiemen und Flossen? 
25 Durch wieviele Tode? // 06r

Vor kurzem sank ein kleiner und weicher 
Hochfisch auf den grossen und harten: 
eine Abart, schon geschwächt, 
weil es jenseits im Leeren 
30 auf die Dauer zu leben unmöglich? 

Der Hochfisch war Übertreibung. 
Unten muss man bleiben und die 
durch Wärme und Licht 
verdächtigen Höhen vermeiden. 
35 Wohnen will ich von morgen 
an in dem noch freien 
Ohr des grossen Hochfischs. Dort ist 
die Erinnerung Ansporn und Warnung zugleich. …“ // 06v

Hier war der Fisch heute früh, 
40 gerade als man ihn fing. 
Doch das Wasser, das die Händlerin ausgiesst, 
kommt gegen den heissen 
Asphalt der Strasse nicht auf 
und ist, kaum er es nur 
45 begriff, schon verdunstet.

Infos
  • Besonderes: Bräunliches Papier; Blätter beidseitig beschrieben
  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/02_021
  • Seite / Blatt: 05r/v, 06r/v