Entstanden: 21. April 1957

Als ich die Augen auftat in der finsteren Kammer, 
bekam ich Angst und begann 
mich langsam in dem Grabmal aufwärts zu tasten. 

Ich baute mir die oberen Zimmer aus 
05 und drapierte mich mit schweren Brokaten: 
Meine Krone trug ich, voll Lust zur Übertreibung, jetzt dreifach.
Die Reste von Bescheidenheit, 
die ich im Leben noch hatte, von den Alten her, 
liess ich jetzt ganz weg, 
10 da mir die Biegung der Seele so wichtig geworden war seither. // 05v

Und nachts 
befleissigte ich mich der Sprache und Gestik 
verzückter Fische, 
die nur einfach, ohne Reflexion 
15 still schimmernd schwimmen. 

Bis ich mich schliesslich, 
nach all den vielen Versuchen, 
mein Imperium so verbindlich darzustellen, 
dass keiner, den es je ergriff, 
20 es vergessen und sich ihm jemals wieder entziehen könnte: 
entschied für eines der am längsten wirksamen Bilder, 
das am wenigsten den Verdacht der blossen Maskerade auf sich zieht 

und trat, 
nicht ohne Bedenken wegen des doch verbleibenden,
unvermeidlichen // 06
25 Restes von Pathos (solchen Auftritts) 
– aber das schien mir das kleinere Übel – 
auf die Zinne: 

Die Flügel vom Herabflug noch gebreitet, 
das Schwert der Seuche in die Scheide steckend, 
30 kurz, in der schönen Pose, der gemein verständlichen, 
des nach langem Groll versöhnten, 
durch Bitten, Bussasche, Kerzen und Prozessionen endlich
beschwichtigten 
und so auf dieser hohen Stelle fromm erinnert festgehaltnen, 
(die Stadt) beruhigenden Engels.

SYNOPSE aller Fassungen:
Infos
  • Details: V. 11 nachts] gelegentlich dazwischen (Alternativ-Variante); V. 34 die Stadt] alle Welt (Alternativ-Variante)
  • Besonderes: Bräunliches Papier; Blatt 05 beidseitig beschrieben
  • Letzter Druck: GEDICHTE 1960
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-d/02
  • Seite / Blatt: 05r/v, 06