Entstanden: 19. Mai 1955

Wenn er die Orange zerschneidet,
achtet er drauf, dass ihm der Saft
nicht den weissen Kragen und die Manschetten, 
die er zwar jeden Tag wechselt, bespritzt. 

05 Denn er ist nervöser als sonst schon: 
weil er die Stadt so plötzlich verlassen 
musste und in dieses Kloster herausziehn, 
wo es nur Mönche gibt, die mit Blicken 
seine Seele zu retten versuchen. 

10 Aber das ist doch besser, 
als in dem feuchten 
Palast zu bleiben und sich 
wie Pastetenfleisch immer von neuem 
von der Tunke des Jammers von fünfzig 
15 Frauen übergiessen und ganz 
durchtränken zu lassen. 

Hier wenigstens ist es trocken, 
und niemand verlangt von ihm Trauer 
um das Mädchen, das er 
20 nur wenig und förmlich gekannt hat 
(im Bett braucht man, gottseidank, nicht zu sprechen). // 04
Hier kann er zusehen, wie man, 
nachdem die Sonne hinter baumlos 
starren Wogen unterging, das einzige
25 Rosenbeet mitten im Gemüseplatz 
giesst und kann dann, damit man 
sein Gähnen nicht sieht, hineingehn 
und genau drauf achten, dass er beim Zerschneiden 
der Orange nicht bespritzt den weissen 
30 Kragen und die Manschetten, die er 
zwar jeden Tag wechselt.

Infos
  • Besonderes: Verso: Typoskripte↑ (Sebastian Franck, S. 139)
  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/11_009
  • Seite / Blatt: 03, 04