Entstanden: 16. November 1954

Den glänzenden Falter 
trägt innen die unscheinbare
Nonnenraupe; als sie in der Vorhalle lange 
gewartet hatte und, nun auf dem Platz es zu dämmern begonnen, 
05 endlich an den Gendarmen vorbei, die in Gruppen zu vieren die 
Drängenden ordnen, 
eingedrungen war ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen 
verborgene Lampen erleuchten: 

in der reglosen Hitze nur vom dunkel 
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten, 
10 fängt sie jetzt endlich mit dem über 
den Kopf emporgehaltenen kleinen 
Spiegel – darin nie oder nur mit 
schlechtem Gewissen sich selbst sie erblickte – 
den weissen Greis weit vorn auf dem Thron 
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte), 
der die Menge französisch anspricht: 

und sie jubelt ‚wie schöner doch ist‘ und 
trägt ihn, Raupe den Falter, dann hinaus auf die Strasse, 
blind für die im Wechsel helle, im Wechsel erloschne Monstranz 
20 der die Reihen der Klosterschülerinnen von weitem 
mit Kerzen entgegenziehn durch die Schwärme 
der Autoglühwürmer, für den Neonring über jetzt lichten // 20
Laternen um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder 
die rote Hostie ‚Motta‘, gelb werbend, umkränzt: 

25 trägt ihn, bis dass sie, die Raupe, 
selbst, eines sicheren Tags, ist ein glänzender Falter.

Infos
  • Besonderes: Strophennumerierung am linken Rand (1-4)
    Die meisten Korrekturen ab (K) wurden nicht in die Druckfassung übernommen.
    Verso: Typoskripte (19v: Allegorie, 20v: Die Sirenen), durchgestrichen
  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/08_035
  • Seite / Blatt: 19, 20