Entstanden: 12. Oktober 1954

Den glänzenden Falter 
trägt innen die unscheinbare Raupe,
die Nonne, wenn sie, nachdem in der Vorhalle lang sie 
gewartet und, als auf dem Platz es zu dämmern begonnen, 
05 endlich an den Gendarmen vorbei, die in Gruppen zu vier
die Drängenden ordnen. 
eingedrungen ins Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen 
verborgene Lampen erleuchten: 

wenn, in der reglosen Hitze nur vom dunkel 
stockenden Blutstrom der Frommen aufrecht gehalten, 
10 nun endlich sie fängt im über 
den Kopf emporgehaltenen kleinen 
Spiegel – darin nie oder nur mit 
schlechtem Gewissen sich selbst sie erblickte – 
auf den weissen Greis weit vorn auf dem Thron 
15 (man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte), 
der französisch anspricht die Menge: 

jubelt sie „wie schön er doch ist“ und 
trägt, Raupe den Falter, ihn dann hinaus auf die Strasse // 16
blind für den hoch über den Reihen 
20 der Klosterschülerinnen, die mit Kerzen 
durch die Schwärme der Autoglühwürmer 
zur im Wechsel hellen, im Wechsel erloschnen Monstranz ziehn, 
für den Neonring über jetzt lichten Laternen 
um die Silhouette des Mailänder Doms, der wieder, 
25 gelb werbend, umkränzt die rote Hostie „Motta“ –: 

trägt ihn, bis dass sie, die Raupe, 
selbst, eines sicheren Tags, ein glänzender Falter.

Infos
  • Besonderes: alR Strophennumerierung I - IV
    Verso: Typoskripte↑ (Sebastian Franck, S. 65, 64)
  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/08_035
  • Seite / Blatt: 15, 16