Entstanden: 26. September 1954

Den glänzenden Falter 
trägt ganz innen die unscheinbare Raupe,
die Nonne, wenn sie, nachdem sie lang in der Vorhalle gewartet 
und endlich, als auf dem Platz es zu dämmern beginnt, 
05 vorbei an den Polizisten, die in Gruppen zu vier die Drängenden 
ordnen, 
eindringt in die Kirche, 
das Herz, dessen Riesengewölb hinter Simsen verborgne 
Lampen erleuchten;

wenn, in der reglosen Hitze nur von der Mitdrängenden 
10 dunkel stockigem Blutstrom aufrecht gehalten 
nun endlich sie fängt im über 
den Kopf emporgehaltnen kleinen 
Spiegel – darin nie oder nur mit schlechtem 
Gewissen sich selbst sie erblickte – 
15 auf den weissen Greis weit vorn auf dem Thron 
(man hat alle Fenster geschlossen, damit er sich nicht erkälte), 
der französisch anspricht die Menge, 
jubelt sie „wie schön er doch ist“ und 
trägt, Raupe den Falter, ihn dann hinaus auf die Strasse, 
20 blind für die Reihen jetzt lichter Laternen, // 10
für den hoch im Wechsel hellen, im Wechsel erloschnen 
Ring um die Silhouette des Mailänder Doms, 
der wirbt für Süsswaren „Motta“:

trägt für immer, die unscheinbare 
25 Raupe, ganz innen ihn schauend, bis dass sie 
selber, eines sicheren Tags, 
selber ein glänzender Falter.

Infos
  • Details: V. 09/10 ev. nur eine Verszeile
  • Besonderes: Verso: Typoskripte↑ (Sebastian Franck, S. 78, 77)
  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/08_035
  • Seite / Blatt: 09, 10