Entstanden: 07. Oktober 1954

Wenn die Taube, 
bevor das Rufen der Männer 
von der Müllabfuhr und das 
Rasseln der Eimer 
05 aufweckt den Schläfer, der sich, 
senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
umdreht mit Ächzen, 
hoch fliegt zum Turm in Alexandrien, 
die gefangene Jungfrau zu nähren, 
10 steht im Schlafrock die Freundin 
auf dem kleinen Balkon und winkt  
in den Hof dem Freund, der 
aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
er gefällt ihr im dunklen 
15 Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
wohin jetzt er zurückkehrt, wie vorhin, 
als er schlief und sie nochmals die 
kleine Lampe mit dem Schirm aus 
löchriger Seide andrehte und
20 aufsass im Bett und ihn ansah. // 10

Wenn mit der Wäsche,
auf dem Dach des Hotels gegenüber
fliegen im Frührauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –  
grösser geflügelte Tauben, 
25 schaut die Freundin verwundert hinauf,  
eh sie hineingeht und ansieht
das Bett, das leere, zerwühlte, des Freundes, im Licht
der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
30 eh sie hineingeht und hört 
die Mülleimer rasseln und rufen die Männer, 
indes im Zimmer daneben, senkrecht 
auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
der Schläfer ächzend sich umdreht. 
35 Eh sie vergisst der einen 
Sekunde grösser geflügelte Tauben, 
Engel, die tragen den hellen 
Leichnam der Jungfrau zur 
Gipfelwolke, des draussen
40 im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

Infos
  • Details: Zweifache Titeländerung: Die heilige Katharina → Ballade von der Gefangenschaft und Begräbnis der heiligen Katharina → Die heilige Katharina
  • Besonderes: Überarbeitung (F) am 16.10.1954; verso: Typoskripte↑ (Sebastian Franck, S. 74, 73)
  • Letzter Druck: Die verwandelten Schiffe 1957
  • Textart: Verse
  • Datierung: vollständig
  • Fassung: Zwischenfassung
  • Schreibzeug: Bleistift
  • Signatur: A-5-c/08_029
  • Seite / Blatt: 09, 10