Im Brunnen

Synopse

  • Im Brunnen

    Notizbuch 1954-55 — Entstanden: 22. März 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der ängstlich schwitzend,
    ob er nackt und hungrig sitzend,
    05bleiben müsse, warfst herab ein Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    hab ich dich doch gleich erkannt, 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen die im Dunkeln deine Sonne widerblitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich an die Sonne steigen,
    soll ich aus dem Schlamm und Sand
    mit dem Festgewande steigen.
    Lass mich nur im Grunde bleiben, // 095
    15hier mein Herr und Herrscher sein:
    wenn ich aus dem Brunnen stiege,
    dann wo bliebe, das du mir herabgesandt,
    dann wie bliebe ganz und rein dein Festgewand?

    Wirf mir Brot und wirf mir Schinken
    20einmal nur, wo still ich sitzend
    freue mich am matten Blinken,
    deiner Seide, deiner Steine,
    an des Tages Widerblinken,
    hungrig bin im Dunkeln sitzend.

    25Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der nackt und doch vor Ängsten schwitzend,
    warfst herab ein Festgewand,
    warfst herab dann auch die Speise // 096
    30 und zuletzt zur Aufwärtsreise
    warfst herab die lange Leiter;
    aber diesen Taggeleiter
    will ich nicht. Auf meine Weise
    will ich Herr und Herrscher sein.

    35 Bleib du nur im hellen Land.
    Unten tief im Brunnen sitzend,
    dank ich dir und denke dein:
    schon am eitlen Festgewand
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen (A)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 07. April 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der ängstlich schwitzend, 
    ob er nackt und hungrig sitzend, 
    05bleiben müsse? warfst herab ein Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    hab ich dich doch gleich erkannt, 
    als du mir mit Seidenlitzen und mit Steinen, 
    die im Dunkel deine Sonne widerblitzen,
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich an die Sonne steigen, 
    soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? 
    Lass mich nur im Brunnen bleiben, 
    15hier mein Herr und Herrscher sein: 
    Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
    dann wo bliebe, das du mir herabgesandt, 
    ganz und rein dein Festgewand? 

    Wirf mir Brot und wirf mir Schinken 
    20in den Grund, wo still ich sitzend, 
    freue mich am matten Blinken 
    deiner Seide, deiner Steine, 
    doch hungrig bin, im Dunkeln sitzend. // 01v

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    25habe ich dich gleich erkannt; 
    als du mir, der nackt und doch vor Ängsten schwitzend, 
    warfst herab ein Festgewand. 
    Warfst herab dann auch die Speise 
    und zuletzt zur Aufwärtsreise, 
    30warfst herab die lange Leiter: 
    aber diesen Taggeleiter 
    will ich nicht. Auf meine Weise 
    will ich Herr und Herrscher sein. 

    Bleib du nur im lichten Land. 
    35Unten tief im Brunnen sitzend, 
    dank ich dir und denke dein: 
    schon am eitlen Festgewand, 
    das du mir herabgesandt, 
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen (B)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 21. April 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der ängstlich schwitzte, 
    ob er nackt und hungrig sitzen 
    05bleiben müsse? warfst herab ein Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    hab ich dich doch gleich erkannt, 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? 
    Lass mich nur im Brunnen bleiben, 
    hier mein Herr und Herrscher sein: 
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
    dann wo bliebe, das du mir herabgesandt, 
    ganz und rein dein Festgewand? 

    Wirf mir lieber Brot und Schinken 
    in den Grund, wo still ich sitze 
    20und mich freu am matten Blinken 
    deiner Seide, deiner Steine, 
    doch hungrig schon seit Stunden sitze. // 02v

    Untern tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    25als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte, 
    warfst herab ein Festgewand, 
    warfst herab dann auch die Speise 
    und zuletzt zur Aufwärtsreise 
    warfst herab die leichte Leiter: 
    30aber diesen Taggeleiter 
    will ich nicht. Auf meine Weise 
    will ich Herr und Herrscher sein. 

    Bleib allein im trocknen Land. 
    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    35wink ich dir und danke dir:
    schon am eitlen Festgewand, 
    das du mir herabgesandt, 
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen (C)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 05. Mai 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir, der ängstlich schwitzte, 
    ob er nackt und hungrig sitzen 
    05bleiben müsse? warfst herab das Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    hab ich dich doch gleich erkannt, 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? 
    Lass mich nur mein Herr und Herrscher 
    hier im Brunnen unten bleiben: 
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
    dann wie bliebe, das du mir herabgesandt, 
    heil und ganz dein Festgewand? 

    Wirf mir lieber Brot und Schinken 
    in den Grund, wo still ich sitze 
    20und mich freu am seltnen Blinken 
    deiner Steine, deiner Seide, 
    doch seit Stunden hungrig sitze. // 03v

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    25als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte, 
    warfst herab das Festgewand, 
    warfst herab dann auch die Speise 
    und zuletzt zur Kletterreise 
    warfst herab die leichte Leiter; 
    30aber diesen Aufwärtsleiter 
    will ich nicht. Nach eigner Weise 
    will ich Brunnenherrscher sein. 

    Bleib allein im trocknen Land. 
    Unten tief im Brunnen sitzend 
    35wink ich dir und lache dir: 
    schon am eitlen Festgewand, 
    das du mir herabgesandt, 
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen (D)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 22. Juni 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir, der ängstlich schwitzte, 
    ob er nackt und hungrig sitzen 
    05bleiben müsse, warfst herab das Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? 
    Lass mich als mein Herr und Herrscher 
    hier im Brunnen unten bleiben: 
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
    wie dann bliebe, das du mir herabgesandt, 
    heil und ganz dein Festgewand? 

    Wirf mir lieber Brot und Schinken 
    in den Grund, wo still ich sitze 
    20und mich freu am seltnen Blinken 
    deiner Steine deiner Seide, 
    doch seit Stunden hungrig sitze. // 05

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    25als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte, 
    warfst herab das Festgewand, 
    warfst herab dann auch die Speise 
    und zuletzt zur Kletterreise 
    warfst herab die leichte Leiter: 
    30aber diesen Aufwärtsleiter 
    will ich nicht. Nach eigner Weise 
    will ich Brunnenherscher sein. 

    Schon am eitlen Festgewand, 
    das du mir herabgesandt, 
    35habe ich dich gleich erkannt. 
    Unten tief im Brunnen sitzend 
    wink ich dir und lache dir: 
    Bleib allein im trocknen Land.

  • Im Brunnen (E)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 06. Juli 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der ängstlich schwitzte, 
    ob er nackt und hungrig sitzen 
    05bleiben müsse, warfst herab ein Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? – 
    Lass mich als mein Herr und Herrscher 
    hier im Brunnen unten bleiben: 
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege, 
    wie dann bliebe, das du mir herabgesandt, 
    heil und ganz dein Festgewand? 

    Wirf mir lieber Brot und Schinken 
    in den Grund, wo still ich sitze 
    20und mich freu am seltnen Blinken 
    deiner Seide, deiner Steine, 
    doch seit Stunden hungrig sitze. // 07

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt: 
    25als du mir, der nackt vor Ängsten schwitzte,
    warfst herab das Festgewand,
    warfst herab dann auch die Speise
    und zuletzt zur Kletterreise
    warfst herab die leichte Leiter:
    30aber diesen Aufwärtsleiter
    will ich nicht. Nach eigner Weise
    will ich Brunnenherrscher sein. 

    Unten tief im Brunnen sitzend,
    wink ich dir und lache dir:
    35Bleib allein im trocknen Land.
    Schon am eitlen Festgewand
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen (F)

    Manuskripte 1955 — Entstanden: 1955

    unten tief im Brunnen sitzend,
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir, der ängstlich schwitzte, 
    ob er nackt und hungrig sitzen 
    05bleiben müsse, warfst herab ein Festgewand. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    als du mir mit Seidenlitzen 
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen, 
    10warfst herab ein Festgewand. 

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand 
    mit dem Festgewand dir steigen? – 
    Lass mich als mein Herr und Herrscher 
    hier im Brunnen unten bleiben: 
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege,
    wie dann bliebe, das du mir herabgesandt, 
    heil und ganz dein Festgewand? 

    Wirf mir lieber  Brot und Schinken 
    in den Grund, wo gern ich sitze 
    20und mich freu am seltnen Blinken 
    deiner Seide, deiner Steine – 
    doch seit Stunden hungrig sitze. 

    Unten tief im Brunnen sitzend, 
    habe ich dich gleich erkannt: 
    25als du mir, der nackt vor Aengsten schwitzte, 
    warfst herab das Festgewand, 
    warfst herab dann auch die Speise 
    und zuletzt zur Kletterreise 
    warfst herab die leichte Leiter: 
    30aber diesen Aufwärtsleiter 
    will ich nicht. Nach eigner Weise // 08v
    will ich Brunnenherrscher sein. 

    Unten tief im Brunnen sitzend 
    wink ich dir und lache dir: 
    35Bleib allein im trocknen Land. 
    Schon am eitlen Festgewand 
    habe ich dich gleich erkannt.

  • Im Brunnen

    Typoskripte 1955 — Entstanden: 1955

    Unten tief im Brunnen sitzend 
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir, der ängstlich schwitzte,
    ob er nackt und hungrig sitzen
    05bleiben müsse, warfst herab ein Festgewand.

    Unten tief im Brunnen sitzend
    habe ich dich gleich erkannt:
    als du mir mit Seidenlitzen
    und mit Steinen, die im Dunkel plötzlich blitzen,
    10warfst herab ein Festgewand.

    Soll ich aus dem Schlamm und Sand
    mit dem Festgewand dir steigen?
    lass mich als mein Herr und Herrscher
    hier im Brunnen unten bleiben:
    15Wenn ich aus dem Brunnen stiege,
    wie dann bliebe, das du mir herabgesandt,
    heil und ganz dein Festgewand?

    Wirf mir lieber Brot und Schinken
    in den Grund, wo gern ich sitze
    20und mich freu am seltnen Blinken
    deiner Seide, deiner Steine –
    doch seit Stunden hungrig sitze.

    Unten tief im Brunnen sitzend
    habe ich dich geich erkannt:
    25als du mir, der nackt vor Aengsten schwitzte,
    warfst herab das Festgewand,
    warfst herab dann auch die Speise
    und zuletzt zur Kletterreise
    warfst herab die leichte Leiter:
    30Aber diesen Aufwärtsleiter
    will ich nicht. Nach eigner Weise
    will ich Brunnenherrscher sein. // 01v

    Unten tief im Brunnen sitzend
    wink ich dir und lache dir:
    35Bleib allein im trocknen Land.
    Schon am eitlen Festgewand
    habe ich dich gleich erkannt.