Die Heilung

Synopse

  • Die Heilung

    Notizbuch 1957-58 — Entstanden: 21. Mai 1957

    Nicht küssen lässt sich der Engel die Füsse:
    Er nimmt diese Absicht
    hin mit Nachsicht und Lächeln:
    Glaubst du, dass ich,
    05weil ich im Buschhemd und zerrissnen
    Farmerhosen da bin im Park,
    gelehnt an den Abfallkorb,
    eine Banane angegessen
    und neckisch hinterm Rücken versteckt, // 017
    10glaubst du, dass ich
    deswegen berührbarer wäre
    als andere Engel?
    Der Geheimrat wusste es wohl,
    als er ihn von weitem sah
    15von seiner weissen Bank aus,
    wie er weit hinten stand inmitten
    der Kinder und der
    scheltenden Mütter,
    er wusste es wohl,
    20dass dieser gekommen war
    in den gleichgültigen Sonntag,
    ihm seine Heilung zu sagen. // 018
    Gewiss war es ihm dann,
    als die Sonne fester den Nebel umnahm
    25und die Kinder entglitten,
    schnell: da blieb er
    drüben zwischen den schweren
    Todkastanien stehn,
    den duftenden, obwohl es
    30schon anfing zu rieseln
    und selbst das stupsnasige Mädchen,
    das verlegen zwischen den Bänken
    auf- und abging,
    sein Rad nahm und wegfuhr –
    35er hatte, um den Duft von schlechter
    Seife und Parfüm zu vermeiden, // 019
    die Bank schon dreimal gewechselt –
    Dem Geheimrat lächelte er,
    bot ihm ein Stück der Banane.
    40Aber die Füsse, nein,
    die liess er nicht küssen,
    obwohl der Geheimrat,
    schon den Stock auf den Boden
    gelegt hatte und sich
    45anschickte zu knien,
    ungeachtet dass so der schwarze
    Sonntagsmantel in den Kies
    in den Sand sank:
    Er hob ihn auf und steckte // 020
    50ihm in den Mund
    den ganzen Rest der Banane.
    Es regnete schon sehr stark.

  • Die Heilung (A)

    Manuskripte 1957 — Entstanden: 20. August 1957

    „Glaubst du, dass ich,
    weil ich im Buschhemd und in zerrissenen 
    Farmerhosen am Abfallkorb lehne, 
    eine Banane angegessen hinterm Rücke versteckt, 
    05glaubst du, dass ich deswegen berührbarer bin als andere Engel?“

    Der Geheimrat dachte sofort, 
    als er ihn von weitem sah, 
    von einer weissen Bank aus, 
    wie er hinten im Park stand 
    10unter Kindern und scheltenden Müttern: 
    dass dieser gekommen war in den schläfrigen Sonntag, 
    ihm seine Heilung zu bringen. 

    Gewiss wars ihm dann, 
    als die Sonne den Nebel fester umnahm 
    15und die Kinder entglitten: // 01v
    da blieb jener drüben zwischen den schweren
    Todkastanien stehen, 
    obwohl es schon anfing zu rieseln 
    und auch das stupsnasige Mädchen, 
    20das zwischen den Bänken hartnäckig 
    verlegen lang schon auf- und abging, 
    sein Rad nahm und wegfuhr: 
    um dem Duft von schlechter 
    Seife und Parfüm zu entfliehen, 
    25hatte der Geheimrat die Bank schon dreimal gewechselt – 

    Als er jetzt langsam herankam, 
    lachte der Engel und streckte ihm die Banane entgegen: 
    Aber die Füsse, nein, die liess er nicht küssen, 
    obwohl der Geheimrat 
    30schon den Stock auf den Boden 
    gelegt hatte und sich anschickte, zu knien, 
    ungeachtet, dass der Saum seines schwarzen // 02
    Sonntagsmantels in den Kies, 
    in den Sand sank; 
    35und es regnete jetzt sehr stark: 
    Der Engel hob ihn auf und steckte 
    ihm in den Mund den ganzen Rest der Banane. –

  • Die Heilung (B)

    Manuskripte 1957 — Entstanden: 03. November 1957

    „Glaubst du, dass ich,
    weil ich im karierten Hemd und in 
    Farmerhosen am Abfallkorb lehne, 
    in der Hand eine angegessne Banane, 
    05glaubst du, dass ich deswegen nahbarer bin als andere Engel?“

    Der Geheimrat dachte sofort, 
    als er ihn von einer weissen 
    Bank aus unter Kindern 
    und gestikulierenden Müttern hinten im Park stehn sah: 
    10dass dieser gekommen war in den Sonntag, 
    ihm seine Heilung zu bringen. 

    Gewiss war es ihm dann, 
    als die Sonne den Nebel fester umnahm // 03v
    und die Kinder entglitten: 
    15da blieb jener drüben zwischen den schweren 
    Todkastanien stehen, 
    obwohl es anfing zu rieseln 
    und auch das Mädchen, 
    das zwischen den Bänken hartnäckig 
    20verlegen lang schon auf- und abging, 
    sein Rad nahm und wegfuhr. 

    Als er jetzt langsam und keuchend 
    von Asthma herankam, 
    lachte der Engel und streckte ihm die Banane entgegen: 
    25Aber die Füsse, nein, die liess er nicht küssen, 
    obwohl der Geheimrat schon den Stock auf den Boden 
    gelegt und sich anschickte zu knien, 
    ungeachtet, dass der Saum seines // 04
    Sonntagsüberziehers 
    30in den Kies, in den Sand sank. 
    Und es begann jetzt sehr stark zu regnen: 
    Der Engel hob ihn auf und steckte 
    ihm in den Mund den ganzen Rest der Banane.

  • Die Heilung (C/D)

    Manuskripte 1957 — Entstanden: 28. November 1957

    „Glaubst du, dass ich,
    weil ich im Buschhemd und in 
    Farmerhosen am Abfallkorb lehne, 
    in der Hand eine angegessne Banane, 
    05glaubst du, dass ich deswegen 
    nahbarer bin als andere Engel?“

    Der Geheimrat dachte sofort, 
    als er ihn von seiner weissen 
    Bank aus unter Kindern und strickenden Müttern 
    10hinten im Park stehen sah:
    dass dieser gekommen war in den Sonntag, 
    ihm seine Heilung zu bringen. // 05v

    Gewiss war es ihm, als die Sonne den Nebel 
    fester umnahm und die Kinder entglitten: 
    15Da blieb jener zwischen den schweren 
    Todkastanien stehen, 
    obwohl es anfing zu rieseln 
    und auch das Mädchen, 
    das zwischen den Bänken 
    20verlegen lang schon auf- und abging, 
    sein Rad nahm und wegfuhr. 

    Als er jetzt, keuchend 
    von Asthma, herankam, 
    lachte der Engel und streckte 
    25ihm die Banane entgegen. 
    Aber die Füsse, nein, liess er nicht küssen, 
    wenn auch der Stock des Geheimrats 
    schon auf der Erde // 06
    lag und er sich zu knien anschickte 
    30 – ungeachtet ,des Saums 
    seines Sonntagsmantels, 
    der in den Sand sank – .

    Und es regnete sehr stark: Der Engel 
    hob ihn auf und steckte 
    35ihm in den Mund den ganzen Rest der Banane.

  • Die Heilung

    Typoskripte 1957 — Entstanden: 1957

    "Glaubst du, dass ich,
    weil ich im Buschhemd und in
    Farmerhosen am Abfallkorb lehne,
    in der Hand eine angegessne Banane,
    05glaubst du, dass ich deswegen
    nahbarer bin als andere Engel?"

    Der Geheimrat dachte sofort,
    als er ihn von seiner weissen
    Bank aus unter Kinden und strickenden Müttern
    10hinten im Park stehen sah:
    dass dieser gekommen war in den Sonntag,
    ihm seine Heilung zu bringen.

    Gewiss war es ihm, als die Sonne den Nebel
    fester umnahm und die Kinder entflohen:
    15Da blieb jener zwischen den schweren
    Todkastanien stehen,
    obwohl es anfing zu rieseln
    und auch das Mädchen,
    das zwischen den Bänken
    20verlegen lang schon auf- und abging,
    sein Rad nahm und wegfuhr.

    Als er jetzt, keuchend
    von Asthma, herankam,
    lachte der Engel und streckte
    25ihm die Banane entgegen. // 01v
    Aber die Füsse, nein, die liess er nicht küssen,
    wenn auch der Stock des Geheimrats
    schon auf der Erde
    lag und er sich zu knien anschickte
    30– ungeachtet des Saums
    seines Sonntagsmantels,
    der in den Sand sank –.

    Und es regnete sehr stark: Der Engel
    hob ihn auf und steckte
    35ihm in den Mund den ganzen Rest der Banane.