Die heilige Katharina

Synopse

  • Die heilige Katharina

    Notizbuch 1954-55 — Entstanden: 28. Juli 1954

    Wenn die Taube
    täglich, bevor das Rufen der Männer
    der Müllabfuhr und ihr
    Rasseln mit den Eimern weckt
    05die Schläfer,
    die sich, eine angestrengte Falte 
    über die Stirn, senkrecht,
    die anzeigt, ihre Mühe, wieder einzuschlafen
    umdrehn mit Ächzen:
    10hoch fliegt vorüber zum Turm in Alexandrien,
    die gefangene Jungfrau zu nähren,
    steht im Schlafrock die Freundin
    auf dem Küchenbalkon und winkt
    dem Freund dieser Nacht hinab
    15auf den Hof, wo nun schnell er sein
    Rad besteigt, selber winkend zurück,
    und er gefällt ihr im dunklen Rock
    mit den goldnen Zeichen der Post,
    wohin er vor morgen zurückkkehrt, // 031
    20wie er ihr gefiel, da er schlief
    an ihrer Seite und sie nochmals
    die kleine Lampe mit dem Schirm
    von schwülfarbner löchriger Seide
    andrehte, und sich setzte im Bett,
    und lang ihn ansah.
    25Jetzt steht sie und winkt
    und sieht die Taube, eh sie hineingeht,
    fliegen, ohne dass sie wüsste wohin.
    Bis sie nach Tagen, vielen, steht wieder
    und winkt und rafft über der Brust
    30den alten, geblümten Schlafrock zusammen
    und fasst, sich wendend, das Haar // 032
    mit einer Spange zum Knoten:
    und sieht hoch überm Kamin des Hotels überm Hof,
    wo flattert immer die Wäsche auf dem Dachbalkon
    35in der Dämmerung und mit dem kalten
    Frühwind fliegen die Engel, gross-
    geflügelte Tauben, die tragen
    den hellen Leichnam der Jungfrau,
    ihn zu bergen auf der Spitze des Bergs,
    40der weit draussen im Dunst 
    von Wolken nicht sehr verschieden 
    ruht und wartet, unersteigliches Grabmal. 
    Sie schaut eine Sekunde hinauf, 
    verwundert, bevor sie hineingeht, 
    45sieht an das Bett, das zerwühlte,
    denkt an den Freund, im Licht der
    kleinen, jetzt schon bei offnen Gardinen 
    bleichen Lampe mit dem löchrigen Schirm, 
    indes die Männer von der Müllabfuhr
    50sich anrufen rauh und
    rasselnd mit Eimern wecken die Schläfer.

  • Die heilige Katharina (A)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 04. August 1954

    Wenn die Taube
    täglich, bevor das Rufen der Männer
    der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer 
    05weckt die Schläfer, die sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    umdrehn mit Ächzen: 
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10 steht im Schlafmantel die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt 
    dem Freund dieser Nacht 
    hinab in den Hof, wo schnell er 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt, 
    15und er gefällt ihr im dunklen 
    Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
    wohin er vor Morgen zurückkehrt. 
    Wie er ihr gefiel, da er schlief, 
    und sie nochmals die kleine 
    20Lampe mit dem Schirm aus löchriger 
    Seide andrehte und sich setzte im Bett 
    und ihn ansah. – 
    Sie steht und winkt und sieht 
    die Taube, eh sie hineingeht, fliegen, 
    25wie täglich vorüber. // 02
    Bis sie nach Tagen, vielen, steht wieder 
    und winkt und rafft über der Brust 
    den alten geblümten Schlafmantel zusammen: 
    und sieht hoch überm Kamin des Hotels gegenüber, 
    30draus steigt der Rauch vom Frühstück 
    des Personals, über der auf der 
    Dachterrasse flatternden Wäsche, 
    mit dem kalten Frühwind 
    fliegen, grösser geflügelte 
    35Tauben, die Engel, die tragen 
    den hellen Leichnam der Jungfrau auf die Spitze des Bergs, 
    der weit draussen im Dunst, 
    von Wolken kaum unterscheidbar, 
    wartet, ein unerbrechliches Grabmal. 
    40Sie schaut eine Sekunde hinauf, 
    verwundert, bevor sie hineingeht, 
    und sieht an, und vergisst, da sie ansieht 
    das Bett, das zerwühlte, des Freunds, im Licht 
    der kleinen, jetzt schon bei offnen Gardinen 
    45bleichen Lampe mit dem Schirm aus löchriger Seide. 
    Indes die Mülleimer rasseln 
    und rauh rufen die Männer 
    und die Schläfer, senkrecht auf der Stirn eine Falte 
    des Ärgers im Ächzen sich umdrehn.

  • Die heilige Katharina (B)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 06. August 1954

    Wenn die Taube 
    täglich, bevor das Rufen der Männer 
    von der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer 
    05aufweckt den Schläfer, der sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    umdreht mit Ächzen: 
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10steht im Nachtkleid die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt dem 
    Freund hinab in den Hof, wo
    er aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt, 
    (und er gefällt ihr im dunklen 
    15Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
    wohin er vor Morgen zurückkehrt. 
    Wie er gefiel, als er schlief und sie nochmals
    die kleine Lampe mit dem Schirm aus
    löchriger Seide andrehte und sich
    20setzte im Bett und ihn ansah. – 
    Sie steht und winkt und sieht, 
    eh sie hineingeht, fliegen, 
    vorüber, wie täglich, die Taube. 
    Bis sie nach Tagen, steht wieder 
    25und winkt und rafft über der Brust 
    das alte, geblümte Nachtkleid zusammen: // 04
    und sieht hoch überm Kamin
    des Hotels gegenüber, draus der Rauch steigt
    vom Frühstück des Personals, hoch über
    30der auf der Dachterrasse flatternden Wäsche mit dem
    kühlen Frühwind fliegen gross
    geflügelte Tauben, Engel, die den hellen
    Leichnam der Jungfrau tragen auf die
    Spitze des Bergs, der draussen im Dunst 
    35steht, Wolke in Wolken, ein unerbrechliches Grabmal. 
    Eine Sekunde schaut sie hinauf, verwundert,
    eh sie hineingeht und ansieht, und vergisst, da sie ansieht 
    das Bett, das zerwühlte, des Freundes, im Licht 
    der kleinen, jetzt schon bei offnen Gardinen 
    40bleichen Lampe mit dem Schirm aus löchriger Seide. 
    Und hört die Mülleimer
    rasseln und rauh rufen die Männer, 
    indes im Zimmer daneben<,> senkrecht auf der Stirn
    eine Falte des Ärgers,
    45der Schläfer im Ächzen sich umdreht.

  • Die heilige Katharina (C)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 27. August 1954

    Wenn die Taube 
    täglich, bevor das Rufen der Männer 
    von der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer 
    05aufweckt den Schläfer, der sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    umdreht mit Ächzen, 
    hoch fliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10steht im Schlafrock die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt  
    hinab in den Hof dem Freund, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt 
    – und er gefällt ihr im dunklen 
    15Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
    wohin jetzt er zurückkehrt, wie er 
    ihr gefiel, als er schlief und sie nochmals die
    kleine Lampe mit dem Schirm aus 
    löchriger Seide andrehte und sich 
    20setzte im Bett und ihn ansah –.
    Sie steht und winkt und sieht, eh sie
    hineingeht, fliegen vorüber, wie täglich, die Taube. 

    Bis sie nach Tagen, steht wieder 
    und winkt und rafft über der Brust den // 06
    25alten, geblümten Schlafrock zusammen: 
    und sieht überm Kaminrauch des Hotels gegenüber  
    – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –,  
    über der Wäsche, die auf der Dachterrasse flattert, mit dem 
    kühlen Frühwind fliegen grösser 
    30geflügelte Tauben, sieht Engel tragen den hellen 
    Leichnam der Jungfrau auf die 
    Spitze des Bergs dort draussen im Dunst, 
    Wolke in Wolken, ein
    unersteigliches, unerbrechliches Grabmal. 
    35Eine Sekunde schaut sie hinauf, verwundert, 
    eh sie hineingeht und ansieht und vergisst, da sie ansieht 
    das Bett, das zerwühlte, des Freundes, im Licht 
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen 
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide. 
    40Und hört die Mülleimer 
    rasseln und rufen die Männer, 
    indes im Zimmer daneben, senkrecht
    auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    der Schläfer ächzend sich umdreht.

  • Die heilige Katharina (D)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 21. September 1954

    Wenn die Taube, 
    bevor das Rufen der Männer 
    von der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer 
    05aufweckt den Schläfer, der sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    umdreht mit Ächzen, 
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10steht im Schlafrock die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt  
    in den Hof dem Freund, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
    er gefällt ihr im dunklen 
    15Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
    wohin jetzt er zurückkehrt, wie er 
    ihr gefiel, als er schlief und sie nochmals die
    kleine Lampe mit dem Schirm aus 
    löchriger Seide andrehte und sich 
    20setzte im Bett und ihn ansah. 

    Bis sie nach Tagen, steht wieder 
    und winkt und sieht überm Kaminrauch des
    Hotels gegenüber // 08
    – man kocht fürs Personal eben das Frühstück – 
    über der Wäsche, die auf der Dachterrasse flattert,
    25mit dem Frühwind fliegen grösser 
    geflügelte Tauben; eine Sekunde
    schaut sie hinauf,  verwundert, 
    eh sie hineingeht und ansieht 
    das Bett, das zerwühlte des Freundes, im Licht
    30 der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
    eh sie hineingeht und hört
    die Mülleimer rasseln und rufen die Männer, 
    indes im Zimmer daneben, senkrecht 
    35 auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    der Schläfer ächzend sich umdreht. 
    Eh sie vergisst der einen 
    Sekunde grösser geflügelte Tauben, 
    Engel, die tragen den hellen 
    40 Leichnam der Jungfrau auf die 
    Spitze des Bergs dort draussen im Dunst, 
    Wolke in Wolken, ein 
    (unersteigliches,) unerbrechliches Grabmal.

  • Die heilige Katharina (E/F)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 07. Oktober 1954

    Wenn die Taube, 
    bevor das Rufen der Männer 
    von der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer 
    05aufweckt den Schläfer, der sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    umdreht mit Ächzen, 
    hoch fliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10steht im Schlafrock die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt  
    in den Hof dem Freund, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
    er gefällt ihr im dunklen 
    15Rock mit den glänzenden Zeichen der Post, 
    wohin jetzt er zurückkehrt, wie vorhin, 
    als er schlief und sie nochmals die 
    kleine Lampe mit dem Schirm aus 
    löchriger Seide andrehte und
    20aufsass im Bett und ihn ansah. // 10

    Wenn mit der Wäsche,
    auf dem Dach des Hotels gegenüber
    fliegen im Frührauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –  
    grösser geflügelte Tauben, 
    25schaut die Freundin verwundert hinauf,  
    eh sie hineingeht und ansieht
    das Bett, das leere, zerwühlte, des Freundes, im Licht
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
    30eh sie hineingeht und hört 
    die Mülleimer rasseln und rufen die Männer, 
    indes im Zimmer daneben, senkrecht 
    auf der Stirn eine Falte des Ärgers, 
    der Schläfer ächzend sich umdreht. 
    35Eh sie vergisst der einen 
    Sekunde grösser geflügelte Tauben, 
    Engel, die tragen den hellen 
    Leichnam der Jungfrau zur 
    Gipfelwolke, des draussen
    40im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

  • Die heilige Katharina (G)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 17. Oktober 1954

    Wenn die Taube,
    bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das 
    Rasseln der Eimer
    05aufweckt den Schläfer, der sich, 
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Aergers, 
    umdreht mit Aechzen, 
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren, 
    10steht im Schlafrock die Freundin 
    auf dem kleinen Balkon und winkt 
    in den Hof dem Freund, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
    er gefällt ihr nicht anders im dunklen 
    15Rock mit dem glänzenden Posthorn, als vorhin, 
    da er schlief und sie nochmals die 
    kleine Lampe mit dem Schirm aus 
    löchriger Seide andrehte und 
    aufsass im Bett und ihn ansah. 

    20Wenn mit der Wäsche 
    auf dem Dach des Hotels gegenüber 
    fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das
    Frühstück – 
    grösser geflügelte Tauben, 
    schaut die Freundin verwundert hinauf, 
    25eh sie hineingeht und ansieht 
    das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht // 12
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen 
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide, 
    eh sie hineingeht und hört 
    30die Mülleimer rasseln und rufen die Männer, 
    indes im Zimmer daneben, senkrecht 
    auf der Stirn eine Falte des Aergers, 
    der Schläfer ächzend sich umdreht. 

    Eh sie vergisst der einen 
    35Sekunde grösser geflügelte 
    Engeltauben, die tragen den hellen 
    Leichnam der Jungfrau zur 
    Gipfelwolke des draussen 
    im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

  • Die heilige Katharina

    Typoskripte 1954 — Entstanden: 23. Oktober 1954

    Wenn die Taube,
    bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer
    05aufweckt den Schläfer, der,
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Aergers,
    sich umdreht mit Aechzen,
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien,
    die gefangene Jungfrau zu nähren,
    10steht im Schlafrock die Freundin
    auf dem kleinen Balkon und winkt
    in den Hof dem Freund, der
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt:
    er gefällt ihr nicht anders im dunklen
    15Rock mit dem glänzenden Posthorn, als vorhin,
    da er schlief und sie nochmals die
    kleine Lampe mit dem Schirm aus
    löchriger Seide andrehte und
    aufsass im Bett und ihn ansah.

    20Wenn mit der Wäsche
    auf dem Dach des Hotels gegenüber
    fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück – // 02
    grösser geflügelte Tauben,
    schaut die Freundin verwundert hinauf,
    25eh sie hineingeht und ansieht
    das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
    eh sie hineingeht und hört
    30die Mülleimer rasseln und rufen die Männer,
    indes im Zimmer daneben, senkrecht
    auf der Stirn eine Falte des Aergers,
    der Schläfer ächzend sich umdreht.

    Eh sie vergisst der einen
    35Sekunde größer geflügelte
    Engeltauben, die tragen den hellen
    Leichnam der Jungfrau zur
    Gipfelwolke des draussen
    im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

  • Die heilige Katharina (H)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 23. Oktober 1954

    Bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer 
    den Schläfer aufweckt, der, 
    05auf der Stirn senkrecht eine Falte des Aergers, 
    sich mit Aechzen umdreht, 
    fliegt die Taube zum Turm, 
    die gefangene Jungfrau zu nähren. 
    Und die Freundin steht im Schlafrock 
    10auf dem kleinen Balkon und winkt 
    dem Freund in den Hof, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
    er gefällt ihr im dunklen Rock 
    mit dem glänzenden Posthorn nicht anders, als vorhin, 
    15da er schlief und sie die 
    kleine Lampe mit dem Schirm aus 
    löchriger Seide nochmals andrehte und 
    im Bett aufsass und ihn ansah. 

    Auf dem Dach des Hotels gegenüber 
    20fliegen mit der Wäsche im Rauch 
    – man kocht fürs Personal eben das Frühstück – // 14
    grösser geflügelte Tauben. 
    Und die Freundin schaut verwundert hinauf, 
    eh sie hineingeht und das leere, 
    25zerwühlte Bett des Freundes ansieht im Licht 
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen 
    unterm Schirm aus löchriger Seide zu verzweifeln beginnt, 
    eh sie hineingeht und die Mülleimer 
    rasseln hört und die Männer rufen, 
    30indes im Zimmer daneben der Schläfer, 
    auf der Stirn senkrecht eine Falte des Aergers, 
    sich mit Ächzen umdreht. 

    Eh sie die grösser geflügelten Tauben 
    der einen Sekunde vergisst, 
    35Engel, die den hellen Leichnam der Jungfrau 
    zur Gipfelwolke des unerbrechlichen Grabmals 
    tragen draussen im Dunst.

  • Die heilige Katharina (J)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 20. November 1954

    Bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer 
    den Schläfer aufweckt, der, 
    05auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers, 
    sich mit Aechzen umdreht, 
    fliegt die Taube zum Turm, 
    um die gefangene Jungfrau zu nähren; 
    und die Freundin steht im Schlafrock 
    10auf dem kleinen Balkon und winkt 
    dem Freund in den Hof, der 
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt: 
    er gefällt ihr im dunklen Rock 
    mit dem glänzenden Posthorn nicht anders, als vorhin, 
    15da er schlief und sie die kleine 
    Lampe mit dem Schirm aus löchriger 
    Seide nochmals andrehte und 
    im Bett aufsass und ihn ansah. 

    Auf dem Dach des Hotels gegenüber 
    20fliegen mit der Wäsche im Rauch 
    – man kocht eben das Frühstück fürs Personal – 
    grösser geflügelte Tauben; 
    und die Freundin schaut verwundert hinauf, 
    eh sie hineingeht und das leere, 
    25zerwühlte Bett des Freundes ansieht im Licht 
    der kleinen Lampe, die jetzt bei offnen Gardinen 
    unterm Schirm aus löchriger Seide schon zu verzweifeln beginnt, 
    eh sie hineingeht und die Mülleimer 
    rasseln hört und die Männer rufen, 
    30indes im Zimmer daneben der Schläfer, 
    auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers, 
    sich mit Aechzen umdreht. // 16

    Eh sie die grösser geflügelten Tauben 
    der einen Sekunde vergisst, 
    35die Engel, die den hellen Leichnam der Jungfrau 
    draussen im Dunst tragen 
    zur Gipfelwolke des Grabmals<.>

  • Die heilige Katharina (Andere Fassung) (K)

    Manuskripte 1954 — Entstanden: 22. November 1954

    Bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer 
    den Schläfer aufweckt, der, 
    05auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers, 
    sich mit Aechzen umdreht, 
    fliegt die Taube zum Turm, 
    um die gefangene Jungfrau zu nähren; 
    und die Freundin steht im Schlafrock 
    10auf dem kleinen Balkon und winkt 
    dem Freund, der aufs Rad steigt 
    und eilig zurückwinkt, in den Hof: 
    er gefällt ihr im dunklen Rock 
    mit dem glänzenden Posthorn nicht anders, als vorhin, 
    15da er schlief und sie die kleine 
    Lampe mit dem Schirm aus löchriger 
    Seide nochmals andrehte und 
    im Bett aufsass und ihn ansah. 

    Auf dem Dach des Hotels gegenüber 
    20fliegen mit der Wäsche im Rauch 
    – man kocht eben das Frühstück fürs Personal – 
    grösser geflügelte Tauben; 
    und die Freundin schaut verwundert hinauf, 
    eh sie hineingeht und das leere, 
    25zerwühlte Bett des Freundes ansieht im Licht 
    der kleinen Lampe, die jetzt bei offnen Gardinen 
    unterm Schirm aus löchriger Seide schon zu verzweifeln beginnt, 
    eh sie hineingeht und die Mülleimer 
    rasseln hört und die Männer rufen, 
    30indes im Zimmer daneben der Schläfer, // 18
    auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers, 
    sich mit Aechzen umdreht. 

    Eh sie die grösser geflügelten 
    Engeltauben der einen Sekunde 
    35vergisst, die draussen im Dunst den 
    hellen Leichnam der Jungfrau 
    zur Gipfelwolke des Grabmals tragen.

  • Die heilige Katharina / (Andere Fassung)

    Typoskripte 1954 — Entstanden: 22. November 1954

    Bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer
    den Schläfer aufweckt, der,
    05 auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers,
    sich mit Aechzen umdreht,
    fliegt die Taube zum Turm,
    um die gefangene Jungfrau zu nähren;
    und die Freundin steht im Schlafrock
    10 auf dem kleinen Balkon und winkt
    dem Freund, der aufs Rad steigt
    und eilig zurückwinkt, in den Hof:
    er gefällt ihr im dunklen Rock
    mit dem glänzenden Posthorn nicht anders, als vorhin,
    15 da er schlief und sie die kleine
    Lampe mit dem Schirm aus löchriger
    Seide nochmals andrehte und
    im Bett aufsass und ihn ansah.

    Auf dem Dach des Hotels gegenüber
    20 fliegen mit der Wäsche im Rauch
    – man kocht eben das Frühstück fürs Personal –
    grösser geflügelte Tauben;
    und die Freundin schaut verwundert hinauf,
    eh sie hineingeht und das leere,
    25 zerwühlte Bett des Freundes ansieht im Licht
    der kleinen Lampe, die jetzt bei offnen Gardinen
    unterm Schirm aus löchriger Seite schon zu verzweifeln beginnt,
    eh sie hineingeht und die Mülleimer
    rasseln hört und die Männer rufen,
    30 indes im Zimmer daneben der Schläfer, // 02
    auf der Stirn eine senkrechte Falte des Aergers,
    sich mit Aechzen umdreht.

    Eh sie die grösser geflügelten
    Engeltauben der einen Sekunde
    35 vergisst, die draussen im Dunst den
    hellen Leichnam der Jungfrau
    zur Gipfelwolke des Grabmals tragen.

  • Die heilige Katharina

    Verstreutes — Publiziert: 24. Mai 1955

    Wenn die Taube,
    bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer
    05aufweckt den Schläfer, der,
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
    sich umdreht mit Ächzen,
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien,
    die gefangene Jungfrau zu nähren,
    10steht im Schlafrock die Freundin
    auf dem kleinen Balkon und winkt
    in den Hof dem Freund, der
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt:
    er gefällt ihr nicht anders im dunklen
    15Rock mit dem glänzenden Posthorn als vorhin,
    da er schlief und sie nochmals die
    kleine Lampe mit dem Schirm aus
    löchriger Seide andrehte und
    aufsaß im Bett und ihn ansah.

    20Wenn mit der Wäsche
    auf dem Dach des Hotels gegenüber
    fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –
    größer geflügelte Tauben,
    schaut die Freundin verwundert hinauf, //
    25eh sie hineingeht und ansieht
    das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
    eh sie hineingeht und hört
    30die Mülleimer rasseln und rufen die Männer,
    indes im Zimmer daneben, senkrecht
    auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
    der Schläfer ächzend sich umdreht.

    Eh sie vergißt der einen
    35Sekunde größer geflügelte
    Engeltauben, die tragen den hellen
    Leichnam der Jungfrau zur
    Gipfelwolke des draußen
    im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.

    1) Zur Legende von ihrer wunderbaren Ernährung im Gefängnis durch eine Taube und ihrer Beisetzung auf dem Sinai durch Engel.

  • DIE HEILIGE KATHARINA

    Die verwandelten Schiffe 1957 — Publiziert: 1957

    Zur Legende von ihrer wunderbaren Ernährung im Gefängnis durch eine Taube
    und ihrer Beisetzung auf dem Sinai durch Engel.

    Wenn die Taube,
    bevor das Rufen der Männer
    von der Müllabfuhr und das
    Rasseln der Eimer
    05aufweckt den Schläfer, der,
    senkrecht auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
    sich umdreht mit Ächzen,
    hochfliegt zum Turm in Alexandrien,
    die gefangene Jungfrau zu nähren,
    10steht im Schlafrock die Freundin
    auf dem kleinen Balkon und winkt
    in den Hof dem Freund, der
    aufs Rad steigt und eilig zurückwinkt:
    er gefällt ihr nicht anders im dunklen
    15Rock mit dem glänzenden Posthorn, als vorhin,
    da er schlief und sie nochmals die
    kleine Lampe mit dem Schirm aus
    löchriger Seide andrehte und
    aufsaß im Bett und ihn ansah.

    20Wenn mit der Wäsche
    auf dem Dach des Hotels gegenüber
    fliegen im Rauch – man kocht fürs Personal eben das Frühstück –
    größer geflügelte Tauben, // 29
    schaut die Freundin verwundert hinauf,
    25eh sie hineingeht und ansieht
    das Bett, das leere, zerwühlte des Freundes, im Licht
    der kleinen Lampe, die jetzt schon bei offnen Gardinen
    zu verzweifeln beginnt unterm Schirm aus löchriger Seide,
    eh sie hineingeht und hört
    30die Mülleimer rasseln und rufen die Männer,
    indes im Zimmer daneben, senkrecht
    auf der Stirn eine Falte des Ärgers,
    der Schläfer ächzend sich umdreht.

    Eh sie vergißt der einen
    35Sekunde größer geflügelte
    Engeltauben, die tragen den hellen
    Leichnam der Jungfrau zur
    Gipfelwolke des draußen
    im Dunst dort unerbrechlichen Grabmals.